Einer scheiterte an sich selbst
Biel ist das Auffangbecken einstiger NHL-Supertalente

Lias Andersson, Jeff Skinner und Victor Söderström sind NHL-Erstrundendrafts. Doch weil ihre Karrieren in Nordamerika in eine Sackgasse gerieten, sind alle beim EHC Biel gelandet.
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Marcel AllemannReporter Eishockey

Lias Andersson (27), Jeff Skinner (34) und Victor Söderström (25). Gemeinsam ist ihnen, dass ihnen die Eishockeywelt einst als NHL-Erstrundendrafts zu Füssen lag. Es verbindet sie aber auch, dass sie in der besten Liga der Welt aussortiert wurden und beim EHC Biel, einem derzeitigen Mittelklasseklub in der Schweiz, gelandet sind. Drei grosse Hockey-Künstler – drei unterschiedliche Geschichten.

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Seit zwei Jahren geht Lias Andersson für Biel auf Torejagd.
Foto: Pascal Muller/freshfocus

Am dramatischsten ist jene von Andersson. 2017, in jenem Jahr, als Nico Hischier (27) bei New Jersey als erster Schweizer Nummer-1-Draft Geschichte schreibt, wird der Schwede als siebter Pick von den New York Rangers gezogen. Der damals 18-Jährige beginnt die Saison auf Leihbasis zwar noch in Schweden, wechselt dann aber zu den Rangers, schiesst bei seinem Debüt sogleich ein Tor und wird zum jüngsten Spieler in der Vereinsgeschichte, der in seinem ersten Spiel trifft.

Andersson in New York im Elend

Trotzdem kommt der aus dem 1200-Seelen-Ort Smögen auf der gleichnamigen Insel an der schwedischen Westküste stammende Andersson in der Stadt, die niemals schläft, überhaupt nicht zurecht. Er hat Heimweh, fühlt sich isoliert und leidet an Schlafstörungen. «Ich sass die ganze Nacht da, spielte Videogames und wartete darauf, dass die Schweden zu Hause aufwachten, um zur Arbeit zu gehen, damit ich jemanden zum Reden hatte», verriet er später gegenüber schwedischen Medien. «Ich bin in eine Teufelsspirale geraten. Weil es mir ausserhalb des Hockeys nicht gut ging, konnte ich auf dem Eis überhaupt nicht das abrufen, was ich wollte.»

Unter diesen Umständen werden seine Leistungen schlechter statt besser, immer wieder wird er in die AHL degradiert und verliert seine Motivation. «Wenn die Realität dem Traum nicht gerecht wird und die Angst vor dem Scheitern alles schwer macht, geht die Freude verloren», so Andersson. Nach zwei Jahren kehrt er vorübergehend nach Schweden zurück. Durch Trades zu Los Angeles und Montréal erhält der Stürmer weitere NHL-Chancen, doch auch dort klappt es nicht. Nach 110 NHL-Spielen ist dann Schluss. Und so wechselt er 2024 nach Biel, wo ihm die familiäre und ruhigere Umgebung geholfen hat, wieder zu sich und zur Freude am Hockey zu finden.

Söderström ist Turbulenzen ausgesetzt

Anders war die Situation bei Söderström. 2019 an elfter Stelle von Arizona gedraftet, fand er sich in einem Umfeld wieder, das extremen Turbulenzen ausgesetzt war (Besitzerwechsel, Umzug, ständiges Rebuilding). Für die Entwicklung des Offensivverteidigers war das Gift, ständig wurde er zwischen der NHL und der AHL hin und her geschoben. Vorgehalten wurde ihm sein mangelhaftes Defensivverhalten. In schwedischen Medien bemängelte Söderström derweil, dass er keine echte Chance erhielt, sich zu entwickeln, und jeder Fehler gleich Konsequenzen nach sich zog.

Auch ein Zwischenjahr in Schweden und anschliessende Trades zu Chicago und Boston brachten ihn nicht weiter – die AHL blieb sein Hauptbetätigungsfeld. Und so lockte ihn Biel-Sportchef Martin Steinegger (54) ins Seeland, wo seit Tag eins auf ihn als neuen Verteidigungsminister gebaut wird. Bislang schulterte der Nordländer, der 61 Mal in der NHL gespielt hat, im Durchschnitt 22:38 Minuten Eiszeit – damit ist er die Nummer eins im Team und an neunter Stelle in der Liga.

Biels perfektes Timing mit Skinner

Nochmals anders gelagert ist der Fall von Skinner. Nachdem der Kanadier 2010 an siebter Stelle von Carolina gedraftet worden war, startete er in der NHL sogleich durch und gewann als Rookie des Jahres die Calder Trophy. Es folgten viele weitere schöne NHL-Jahre; am stärksten trat er in der Saison 2022/23 bei Buffalo auf, als er 82 Skorerpunkte (35 Tore, 47 Assists) produzierte.

Letztlich fiel Skinner bei den Sabres einem Kulturwandel unter Headcoach Lindy Ruff (66), der mehr physische Präsenz in den oberen Angriffsreihen einforderte, zum Opfer. Vor zwei Jahren wurde der Stürmer ausgemustert – in jährlichen Raten zahlt Buffalo ihm bis 2030 noch zwei Drittel seines verbliebenen Salärs von 22 Millionen Dollar aus, ohne dass er noch für sie spielt.

In der NHL ging es für Skinner in Edmonton und San Jose weiter, doch eine Anschlusslösung liess sich nach 1115 Spielen in der besten Liga der Welt nicht mehr finden. Als er im Sommer damit begann, den europäischen Markt zu sondieren, passte das Timing perfekt mit jenem von Biel, das für den ursprünglich verpflichteten und dann wieder abgesprungenen Andrew Agozzino (35) Ersatz suchte.

Lehrreiche Beispiele für Neuenschwander

Und so kommt es, dass Biel mittlerweile drei NHL-Erstrundendrafts in seinem Kader hat. Zu tabellarischen Höhenflügen hat dies die Mannschaft noch nicht geführt, die Leistungen der Seeländer in der noch jungen Saison sind sehr unkonstant. Zudem haben Andersson und Skinner zwischenzeitlich verletzt gefehlt.

Den nächsten Erstrundendraft wollen die Bieler dann selbst produzieren. Wegen Jonah Neuenschwander (17) laufen die NHL-Scouts derzeit Sturm, ihm wird im kommenden Juni als viertem Schweizer nach Hischier, Nino Niederreiter (34) und Timo Meier (29) ein Top-10-Pick zugetraut. Vor allem an den Beispielen seiner Teamkollegen Söderström und Andersson, die im besten Hockeyalter in der Schweiz gelandet sind, sieht unser Ausnahmetalent allerdings auch, dass ein Erstrundendraft noch längst keine Garantie für eine erfüllte NHL-Karriere ist.

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