Forest Hills ist Nashvilles Antwort auf Kaliforniens Beverly Hills. In diesem prächtigen Waldviertel, das eine halbe Autostunde vom Zentrum der Hauptstadt des US-Bundesstaats Tennessee liegt, besitzt Pop- und Country-Superstar Taylor Swift eine Villa. Rock-Röhre Sheryl Crow residiert hier auf einem fürstlichen Anwesen mit ihren Long-Horn-Rindern. Wer von der «Crow-Range» ein paar Minuten weiterfährt, landet im Reich von Roman Josi.
Der Berner Captain der Nashville Predators und der Schweizer Nati residiert mit seiner Frau Ellie und den beiden Kindern Luca (wird nächste Woche 5) und Ivy (3) in einer Landhausvilla. Als der SonntagsBlick-Reporter vor der Haustür klingelt, reagiert Schäferhündin Bella ziemlich lautstark. Der berühmte Hausherr öffnet die Tür und sagt in breitem Berndeutsch: «Chömet numä inä, d Bella bisst nid, si isch ganz ä Liebi.»
Josi, der im Jahr rund 9 Millionen Dollar verdient, führt uns in die Küche. «I machä öich es Käfeli.» Während der sechsfache NHL-Allstar die Kaffeemaschine bedient, demonstriert Bella, dass sie tatsächlich ein besonders herzliches Tier ist. Sie geniesst die Streicheleinheiten der Besucher aus der Schweiz.
Bis vor vier Jahren gehörte neben der Schäferhündin auch der Rhodesian Ridgeback namens Kingsley zur Familie Josi. «Leider Gottes mussten wir Kingsley weggeben», seufzt Roman. «Als Luca noch ganz klein war und am Boden herumgekrochen ist, wurde er plötzlich von Kingsley ganz kurz gepackt. Deshalb haben wir den Hund zu den Eltern unserer Hundebetreuerin gebracht, wo es keine kleine Kinder gibt.»
«Es dauerte, bis wir ein richtiges Liebespaar wurden»
Aber auch ohne bissigen Hund war die Stimmung bei der Familie Josi vor allem zu Beginn des letzten Jahres sehr oft gedämpft. Nachdem der 35-Jährige unter starken Erschöpfungssymptomen und ständigen Kopfschmerzen gelitten hatte, wurde bei ihm das Posturale Tachykardiesyndrom (POTS) diagnostiziert. Es handelt sich dabei um eine Erkrankung, bei der die Herzfrequenz durch die Bewegung vom Sitzen ins Stehen zu stark erhöht wird, was zu Schwindel, Benommenheit und eben auch Kopfschmerzen führen kann.
Dass der beste Verteidiger in der Geschichte des Schweizer Eishockeys dieses Problem dank einer intensiven Therapie – mit vielen Betablockern – in der Zwischenzeit sehr gut in den Griff bekommen hat, belegt nicht zuletzt seine Statistik in der laufenden NHL-Saison. In 44 Spielen hat der Gewinner der Norris Trophy 2020, die jeweils an den besten Verteidiger geht, 39 Skorerpunkte verbucht.
Den ultimativen Glückstreffer hatte Roman Josi 2016 gelandet, als er seiner grossen Liebe Ellie Ottaway begegnet war. «Wir haben uns durch einen gemeinsamen Kollegen kennengelernt. Kurz darauf ist sie wegen ihrer Tätigkeit als Fotomodel für längere Zeit nach Florida gegangen. Deshalb hat es ein bisschen gedauert, bis wir ein richtiges Liebespaar geworden sind. Aber die Geduld hat sich gelohnt», verrät Josi mit glänzenden Augen.
Dann wird es plötzlich etwas lauter in der Villa Josi – Ellie kehrt mit den beiden Kids aus dem Kindergarten zurück. Roman Josi beginnt, mit Luca und Ivy zu spielen. Ellie beobachtet die Szenerie glücklich lächelnd und sagt: «Roman ist wirklich ein Superdaddy und ein wunderbarer Ehemann!»
Josis Kinder sprechen nur Englisch
Der «Superdaddy» macht deutlich, was ihm im Umgang mit seinen Kindern besonders wichtig ist: «Ich bin extrem viel unterwegs, aber wenn ich zu Hause bin, sollen Luca und Ivy deutlich spüren, dass ihr Papa voll und ganz für sie da ist. Ich habe mir oft überlegt, was ich ihnen sagen soll. Aber Präsenz ist viel wichtiger als Worte.»
Trotz dieser Präsenz spricht derzeit eher weniger dafür, dass Luca Josi eines Tages in die sportlichen Fussstapfen seines Daddys treten wird. «Luca war natürlich schon ein paarmal mit mir auf dem Eis, aber irgendwie ist das nicht so sein Ding. Derzeit spielt er viel lieber Tennis oder Fussball», verrät der Stanley-Cup-Finalist von 2017. «Ich habe damit aber überhaupt kein Problem. Hauptsache, Luca hat Spass an dem, was er tut.»
Wenig Freude macht Luca und seiner Schwester die Muttersprache des Vaters – die beiden reden ausschliesslich Englisch. «Ich bin leider zu viel unterwegs, um meinen Kindern Deutsch beizubringen», erklärt der Berner, der vor zwei Wochen sein 1000. NHL-Spiel bestritten und einige Tage später sein 200. Tor erzielt hat.
Am Samstag hat der dreifache WM-Silbermedaillengewinner eine weitere, besonders grosse Reise angetreten. Von Nashville ist er via London nach Mailand geflogen, wo er mit der Nati am Olympia-Turnier ein glorreiches Kapitel in der Schweizer Eishockeygeschichte schreiben will. «Ich bin mir sicher, dass meine zweite Olympia-Teilnahme nach Sotschi 2014 ein absolutes Karriere-Highlight werden wird», sagt Josi und ist fest davon überzeugt, «dass wir eine Medaille gewinnen können! Für uns kommen diese Olympischen Spiele genau zum richtigen Zeitpunkt. Wir haben ein Top-Team und mit Nico Hischier, Kevin Fiala und Timo Meier können wir auf Weltklassespieler zurückgreifen, die sich in der allerbesten Phase ihrer Karriere befinden.»
Auch die Tatsache, dass die National-League-Spieler in der Nati kaum Erfahrungen auf dem kleineren Olympia-Eisfeld gemacht haben, dämpft Josis Erwartungshaltung nur geringfügig: «Bei den Olympischen Spielen 2010 hat die Schweiz dem hochfavorisierten Gastgeber Kanada in der Vorrunde in der regulären Spielzeit ein Unentschieden abgetrotzt (2:3 n.P., die Red.), obwohl Mark Streit damals der einzige NHL-Star in der Nati war.» Im selben Atemzug gibt Josi zwar zu, dass es für Nationen wie Kanada, USA oder Schweden, die ausschliesslich mit NHL-Spielern antreten werden, natürlich schon ein Vorteil sei, dass sie wie in der NHL auf einem kleineren Feld antreten können. «Ich glaube trotzdem daran, dass wir an einem guten Tag jeden Gegner besiegen können.»
Josi will nie Trainer werden
Zumal Josi in der Nati eine besonders wichtige Bezugsperson hat. Gemeint ist Kondi-Trainer Stefan Schwitter, dem er erstmals bei der WM 2024 in Prag begegnet ist. Josi war vor den Methoden derart begeistert, dass er den Zürcher als persönlichen Coach für das Aufbautraining im Sommer verpflichtet hat. «Stefans Ansatz ist das sehr langsame Training, das bezüglich der Umsetzung zwar einfach, aber extrem anstrengend ist. Je länger ich für einen Liegestütz benötige, umso besser für meinen Körper. Mir hilft dieses Ultraslow-Training wirklich enorm.» Deshalb hat sich Josi bei Schwitters Firma, die das sogenannte «Master Your Journey»-Trainingsprogramm online anbietet, finanziell beteiligt. «Ich bin aber nicht bei ihm eingestiegen, weil ich zusätzliches Geld verdienen will. Aber weil ich vom Training mit Stef extrem profitieren kann, bin ich froh, wenn ich auf diese Weise etwas zurückgeben kann.»
Ein ordentliches Aktienpaket besitzt der herzensgute Multimillionär seit Mai 2020 bei seinem Stammverein SC Bern. Ursachenforschung, warum der SCB in der National-League-Tabelle nur auf dem neunten Platz fungiert, will Josi aber nicht betreiben. «Es ware blöd, wenn ich von Nashville aus sagen würde, was in Bern falsch läuft. Ich bin zu weit weg. Aber wer weiss, vielleicht werde ich den SCB nach meinem Karriereende wieder intensiver verfolgen.» Denkt Josi schon jetzt an seinen Rücktritt? «Nein, ich will sicher noch zwei bis drei Jahre für Nashville spielen, vielleicht auch noch ein bisschen länger.» Deshalb sind die Pläne für die Karriere nach der Karriere noch offen. Eines steht für Josi aber fest: «Ich werde sicher nie als Trainer arbeiten. Deshalb nicht, weil man als Coach noch weniger zu Hause sein kann. Und ich will nach meiner Spielerlaufbahn sehr viel Zeit mit meiner Familie verbringen können.»





