Mittwoch, am 18. November: Als die beiden Sonntagsblick-Berichterstatter in Nashville landen, ist in der Country-Hauptstadt trauriger Blues angesagt. Das liegt zum einen am Regenwetter. Es sind aber auch die Leistungen der Predators, welche den Menschen in der Hauptstadt vom US-Bundesstaat Tennessee aufs Gemüt schlagen. Nashville liegt in der Tabelle der Western Conference auf dem 16 und letzten Platz.
Die Krise der «Preds» hängt stark mit den gesundheitlichen Problemen ihres Schweizer Captains Roman Josi zusammen. Die vergangene Saison musste der Berner bereits im Februar aufgrund von ständigen Kopfschmerzen und Erschöpfungssymptomen abbrechen.
Im März wurde beim 35-Jährigen das «Posturale Tachykardiesyndrom» (POTS) diagnostiziert. Es handelt sich dabei um eine Erkrankung, bei der die Herzfrequenz durch die Bewegung vom Sitzen ins Stehen zu stark erhöht wird, was zu Schwindel, Benommenheit und eben auch Kopfschmerzen führen kann. Mit einer intensiven Therapie, die auch den Konsum von Betablockern beinhaltet, hat Josi dieses Problem inzwischen ordentlich in den Griff bekommen. Der Start in die aktuelle Saison fiel dann auch vielversprechend aus – in den ersten vier Spielen realisierte der Star-Verteidiger zwei Assists und ein Tor.
«So etwas kann mich nicht mehr schocken»
Doch am 23. Oktober musste der in Ostermundigen gross gewordene Josi den nächsten Rückschlag in Kauf nehmen. Im achten Match gegen die Vancouver Canucks hat er sich die Hand gebrochen. Das hatte eine Zwangspause von einem Monat zur Folge, in dieser Phase haben die Prädatoren acht von elf Spielen verloren.
Wir besuchen Josi in seinem prächtigen Haus in Forrest Hills, eine halbe Autostunde vom Stadtzentrum von Nashville entfernt. Der zweifache Familienvater ist an diesem Nachmittag allein mit Schäferhund Bella zu Hause, Romans Gattin Ellie ist mit den Kindern Luca James (4) und Ivy Lennin (3) unterwegs. Bevor wir am Küchentisch Platz nehmen, fragt Josi in breitestem Berndeutsch: «Nämet er es Käffeli oder es Wasser?» Wir entscheiden uns für das Wasser.
Obwohl der Gewinner der James Norris-Trophy 2020 rein sportlich betrachtet in einer schwierigen Phase steckt, ist er bestens gelaunt. «Im letzten Winter hatte ich aufgrund der ständigen Kopfschmerzen Angst, dass mein Hirn beschädigt ist. Nachdem sich dieser Verdacht zum Glück als falsch erwiesen hat, können mich eine lädierte Hand und eine Niederlagen-Serie meines Teams nicht mehr schocken.»
Das brandheisse Gerücht
Seit einiger Zeit hält sich in der NHL hartnäckig das Gerücht, dass Josi zu einem besseren Team getradet werden möchte, um im Herbst seiner Karriere doch noch einmal um den Stanley Cup spielen zu können. Ist da etwas dran? Der zweifache WM-Silbermedaillengewinner holt Luft und spricht Klartext: «Ich denke nicht an einen Trade. Ich möchte meine Karriere in drei, vier Jahren in Nashville beenden. Ich bin jetzt seit 15 Jahren hier. In dieser Zeit habe ich von Nashville enorm viel erhalten, aber auch ich habe hier einiges investiert. Ich habe meine Frau in dieser Stadt kennengelernt, meine Kinder wurden hier geboren. Wir fühlen uns in dieser Region sehr wohl. Und deshalb will ich mit keinem anderen Team als mit den Predators den Stanley Cup holen.»
Im Nachsatz liefert den Beleg dafür, wie schnell sich in der besten Eishockeyliga der Welt alles zum Guten drehen kann: «2017 habe ich mit Nashville auf den allerletzten Drücker als letztes Team die Playoffs erreicht. Dann haben wir es bis in den Final geschafft, wo wir uns erst im sechsten Spiel den Pittsburgh Penguins geschlagen geben mussten.»
Die spirituelle Balance
Obwohl er seit 2017 nie mehr so nahe am Stanley-Cup dran war, steht ausser Frage, dass sich Josi seither als Spieler wie als Mensch enorm weiterentwickelt hat. Durch seine Frau hat er einen besseren Draht zum lieben Gott gefunden. Noch stärker ist mittlerweile sein Bezug zur Spiritualität. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der beste Verteidiger in der Schweizer Eishockey-Geschichte nicht meditiert. «Der Alltag in der NHL ist extrem hektisch. Deshalb habe ich etwas gesucht, was mir die nötige Balance in diesem knallharten Geschäft, aber auch im Privatleben gibt. Mit dem Meditieren und der damit verknüpften Spiritualität habe ich genau das gefunden. Wenn ich meditiere, komme ich zur Ruhe. Ich bin dadurch als Mensch ausgeglichener geworden.»
Erhöhtes Demenz-Risiko
Verändert haben sich im Hause Josi auch die Ernährungsgewohnheiten. Allerdings nicht ganz freiwillig. «Als ich im März in Denver diesen Ganzkörper-Test gemacht habe, entdeckten die Mediziner neben der POTS-Erkrankung auch ein erhöhtes Risko für eine Demenz-Erkrankung. Und zwar deshalb, weil ich das gesättigte Fett nicht gut verbrenne», erklärt Josi. Um das Risiko einer Demenz-Erkrankung zu senken, bereitet sich der Mann mit 731 NHL-Skorerpunkten nur noch selten ein fettiges Rib-Eye-Steak zu. «Ich ziehe immer öfters mageres Pouletfleisch vor. Zudem ernähre ich mich vorwiegend glutenfrei.»
Verlangsamtes Training mit Ex-Wrestler
Einen grossen Einfluss auf Josi hat mittlerweile der ehemalige Zürcher Profi-Wrestler Stefan Schwitter, der von Patrick Fischer als Nati-Konditionstrainer verpflichtet wurde. Bei der WM 2024 in Prag haben sich ihre Wege erstmals gekreuzt. «Ich habe schnell gemerkt, dass mich Stefan nicht nur im körperlichen, sondern auch im mentalen Bereich weiterbringt», sagt Josi, welcher Schwitter in der Zwischenzeit als persönlichen Coach für das Sommertraining verpflichtet hat.
«Stefans Ansatz ist das sehr langsame Training, welches bezüglich der Umsetzung zwar einfach, aber extrem anstrengend ist. Je länger ich für einen Liegestütz benötige, umso besser für meinen Körper. Mir hilft dieses Ultraslow-Training wirklich enorm.» Wer genauso langsam und effektiv wie der Nashville- und Nati-Captain trainieren möchte, kann sich online das von Schwitter kreierte «Master Your Journey»-Trainingsprogramm herunterladen.
Das grosse Ziel
Ab dem 5. Februar will Josi anlässlich des Olympischen Eishockey-Turniers den Beweis erbringen, dass Meditation und Ultraslow-Trainings für die Schweiz zumindest Bronze wert sind. «Ich bin mir sicher, dass meine zweite Olympia-Teilnahme nach Sotschi 2014 ein absolutes Karriere-Highlight werden wird.»
Josi ist davon überzeugt, «dass diese Olympischen Spiele für uns zum genau richtigen Zeitpunkt kommen. Wir haben ein Top-Team und mit Nico Hischier, Kevin Fiala und Timo Meier können wir auf Weltklasse-Spieler zurückgreifen, welche sich in der allerbesten Phase ihrer Karriere befinden. Deshalb glaube ich daran, dass wir eine Medaille gewinnen können, obwohl die Kanadier, die USA sowie die Schweden mit absoluten Dreamteams nach Italien reisen werden.»
Damit die Schweiz im Vergleich mit diesen drei Eishockey-Giganten einen zusätzlichen Trumpf erhält, war Josi massgeblich daran beteiligt, damit der Fall von Lian Bichsel neu aufgerollt wird. Zur Erinnerung: Der mittlerweile 21-jährige Verteidiger der Dallas Stars wurde 2023 vom Verband bis zur Heim-WM 2026 gesperrt, weil er zwei Aufgebote für die U-20-Weltmeisterschaften abgelehnt hatte.
«Nach Rücksprache mit mir und den anderen Spielern des Captain-Teams der Nati ist der Verband im März 2025 proaktiv auf Lian zugegangen, um die Tür für eine Rückkehr wieder zu öffnen», macht Josi deutlich. Bichsel hätte sich in einem offenen Brief bei der Schweizer Öffentlichkeit entschuldigen sollen, dazu kam es nicht. «Wir waren uns alle einig, dass wir Lian rehabilitieren wollen. Und meines Erachtens hat der Verband auch alles dafür getan, damit wir mit diesem grossen Abwehrtalent nach Mailand fahren können. Schade, dass es nicht geklappt hat.»
Es geht wieder aufwärts
Bevor wir uns von Nashville und Roman Josi verabschieden, verrät er uns, wie er nach dem Handbruch die Wettkampfpause überbrückt hat: «Ich war regelmässig mit unserer Schlittschuh-Trainerin Jacky auf dem Eis. Jacky war zuerst im Eiskunstlauf aktiv, später wurde sie Eisschnellläuferin. Dadurch kennt sich niemand besser mit der richtigen Schlittschuh-Technik aus als sie. Jacky gleitet auch mit ungefähr 50 Jahren nach wie vor unglaublich schnell über das Eis. Und ich glaube, ich konnte von ihr profitieren. Sie hat mich besser gemacht.»
Eine Woche nach unserem Besuch in Nashville bestätigt sich, dass Josi seine Verletzungspause optimal genutzt hat. Beim 6:3-Triumph über die Detroit Red Wings erzielt der Schweizer das Tor zum zwischenzeitlichen 3:0 und beendet das Spiel mit einer Plus-2-Bilanz. Damit dürfen die Predators doch wieder ganz leise auf einen Platz in den Playoffs hoffen.