Darum gehts
- Zwei Schweizer Elektriker helfen in der Ukraine mit Gebäudeautomationen
- Bei Zugreisen ins Kriegsgebiet mussten sie mehrfach evakuieren
- Über 100'000 Franken aus eigenen Ersparnissen für Material und Reisen investiert
Sie reisen in die Ukraine, um zu helfen. Die Elektriker Oliver Marti (26) aus dem Berner Oberland und Michael Portmann (25) aus Emmenbrücke LU installieren Gebäudeautomationen im Kriegsgebiet.
«In der Schweiz gilt das als Luxusgut. In der Ukraine hat es hingegen einen enormen Nutzen», sagt Marti. Zum Beispiel: Automatisches Dimmen der Lichter bei Luftalarm oder Optimieren des Energieverbrauchs. «Das ist sehr hilfreich, gerade im Winter oder wenn nur Notstrom verfügbar ist.»
Beginn des Projekts
Marti und Portmann waren bisher dreimal zusammen im Kriegsgebiet. Kennengelernt haben sie sich letztes Jahr an der Party eines gemeinsamen Freundes.
Martis privates Hilfsprojekt war da schon in vollem Gange. «Als 2022 der Krieg ausbrach, traf mich das sehr. Ich wollte nicht tatenlos zuschauen und beschloss, die ukrainische Bevölkerung zu unterstützen.»
Im Winter 2023 reiste er erstmals in die Ukraine, knüpfte Kontakte und testete, ob er mit der Situation im Kriegsgebiet zurechtkommen würde.
Monate später startete sein erstes Projekt. Marti reiste in die Region Kiew, um sich ein Bild zu machen: «Ich wusste noch nicht, wie dort installiert und gebaut wird.» In der Schweiz folgten weitere Vorbereitungen. Auch den Steuerverteiler – das Herzstück der Automation – baute er hier zusammen.
Mutter macht sich Sorgen
Den Steuerverteiler verpackte er für seine dritte Reise in zwei grosse Einkaufssäcke und transportierte ihn mit dem Zug in die Ukraine, um ihn vor Ort zu installieren.
Martis Erzählungen begeisterten Portmann derart, dass er sich noch an besagter Party dem Projekt anschloss. «Anstatt Ferien zu machen, helfen wir lieber im Kriegsgebiet», sagt Portmann.
«Aus Schutz vor möglichen Sabotageangriffen halten wir unsere Einsatzvorbereitungen streng geheim.» Familie und Freunde erfahren erst wenige Tage vorher, dass es wieder losgeht. «Meine Mutter macht sich jedes Mal grosse Sorgen», so Portmann.
Heikle Situationen unterwegs
Für die Ukraine-Einsätze beziehen sie Ferientage oder Überzeit. Meist reisen sie mit dem Zug.
Ein Reiseweg dauert jeweils zwei bis drei Tage. Die Zeit auf den Schienen vertreiben sie sich mit Schlafen, Netflix oder Projektplanung. Oft mit Unterbrüchen: «Letztes Mal mussten wir auf einer eineinhalbstündigen Fahrt durch die Ukraine viermal den Zug verlassen und uns an einem nahen Waldrand in Sicherheit bringen.» Ein Einschlag blieb aber zum Glück aus.
Zu ihrer Sicherheit haben sie in der Ukraine immer drei Sachen «auf Mann» – auch beim Schlafen: Pass, Taschenlampe und Tourniquet, ein Band zur Blutstillung.
Einsätze unter Beschuss
Ihre Tage vor Ort sind intensiv. «Meist arbeiten wir 16 Stunden am Stück. Oft vergessen wir zu essen.» Die restliche Zeit widmen sie der Erholung. Im Schlaf seien sie stets mit «einem Ohr wach», da jederzeit ein Angriff losgehen könnte.
«Als ich das erste Mal in Kiew war, erlebten wir nachts einen heftigen Luftangriff», erzählt Portmann. «Es hat so oft um uns herum geknallt, dass wir in den Sicherheitsbunker mussten. Das war ein ungutes Gefühl.» Ein anderes Mal in der Region Saporischschja – näher an der Front – seien auf ihren Handys alle 5 bis 10 Minuten Warnmeldungen eingegangen.
Als Marti noch alleine in die Ukraine reiste, entging auch er knapp einem Angriff: «Nach einer Zug-Evakuation standen alle Passagiere draussen – plötzlich hörten wir eine Drohne näher kommen.» Alles ging schnell: «Alle sprangen unter einen Güterzug nebenan, dann hat es gekracht.» Sie kamen mit einem Schrecken davon.
Beide Elektriker sind sich der Gefahr bewusst. Portmann sagt: «Vor der Abreise hinterlasse ich mein Zimmer so, dass es im schlimmsten Fall für immer so bleiben könnte, falls ich nicht mehr zurückkehren würde.»
«Geld reicht nicht ewig»
Die Elektriker-Projekte werden dort durchgeführt, wo Bedarf besteht – meist läuft es bisher über Kontakte vor Ort. Bis jetzt finanzierten sie das Hilfsprojekt mit Ersparnissen. «Wir haben bereits einen sechsstelligen Betrag für Material und Reisen ausgegeben.» Mittlerweile ist die Situation schwieriger: «Unser Geld reicht nicht ewig.»
Deshalb wollen sie in der Ukraine eine Firma gründen und sich dann um Fördergelder für ihre Projekte bewerben.
Die Dankbarkeit der Ukrainerinnen und Ukrainer sei es ihnen aber wert, das alles auf sich zu nehmen. «Es erfüllt uns sehr. Wir würden jedes Mal gerne länger bleiben, um noch mehr zu helfen.»