«Ich weiss nicht, wo sein Menschenverstand geblieben ist»
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Interview von Februar 2023:Mutter von Avi Motola erklärt, wieso sie ihn angezeigt hat

Avi Motala verurteilt
Gericht spricht Schweizer Ukraine-Söldner schuldig

Der Schaffhauser Scharfschütze Avi Motola kämpfte in der Ukraine gegen die Russen. Jetzt wurde er vom Militärgericht zu 18 Monaten verurteilt.
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Scharfschütze Motola (2. v. r.) mit weiteren Kämpfern in der Ukraine.
Foto: Screenshot SRF

Darum gehts

  • Avi Motola steht vor Gericht als Schweizer Ukraine-Söldner
  • Er wurde in Russland in Abwesenheit zu 14 Jahren Haft verurteilt

  • Das Schweizer Militärgericht verurteilt ihn zu 18 Monaten bedingt und 4 Jahren Probezeit

Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
18.12.2025, 16:10 Uhr

Das wars: Die Schweiz hat ihren ersten verurteilten Ukraine-Söldner

Avi Motola schreibt Geschichte als erster verurteilter Ukraine-Söldner der Schweiz. Gegen 15 weitere Schweizer Staatsbürger, die in der Ukraine kämpfen oder gekämpft haben, ermittelt die Schweizer Militärjustiz noch. Motola kann gegen das Urteil binnen fünf Tagen Beschwerde einlegen. Allerdings hat er auch so wenig zu befürchten. Die bedingte Gefängnisstrafe bedeutet: Motola kann weiter frei in die Schweiz ein- und ausreisen. Solange er die nächsten vier Jahre nicht erneut in der Ukraine oder bei einer anderen fremden Armee anheuert, muss er nicht ins Gefängnis.

18.12.2025, 16:00 Uhr

SRF-Bericht wird Motola zum Verhängnis

Gerichtspräsident Bernhard Isenring sagt, es gäbe «keine vernünftigen Zweifel» am geleisteten Militärdienst von Avi Motola. Motolas Verteidigerin hatte versucht, die vorliegenden «Beweise» in Frage zu stellen und unterstrichen, es gäbe weder Augenzeugen noch konkrete Kampfhandlungen, die man ihrem Mandanten nachweisen könne. Das Gericht sieht das anders. Die Aussagen, die Motola insbesondere in der SRF-Rundschau gemacht hatte, erachtet das Gericht als belastbare Beweise für seine Taten. Die Fotos, die Motola mit anderen Soldaten in Kampfmontur zeigten, liessen sich laut dem Richter kaum fälschen. 

18.12.2025, 15:44 Uhr

Motola schuldig gesprochen! 18 Monate Freiheitsstrafe

Das Militärgericht verurteilt Avi Motola wegen Leistens fremder Militärdienste zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Die Strafe wird aufgeschoben, die Probezeit auf vier Jahre festgesetzt. 

18.12.2025, 12:11 Uhr

Gericht zieht sich zurück: Um 15 Uhr gibts ersten Urteilsversuch

Die Verhandlung ist geschlossen. Das Gericht zieht sich nun zur geheimen Beratung zurück. Um 15 Uhr geht es weiter. Ob ein Urteil gefällt wird oder ob die Richter zum Schluss kommen, dass die vorliegenden Beweise nicht ausreichend sind, ist offen. Um 15 Uhr melden wir uns zurück. 

18.12.2025, 12:04 Uhr

Anwältin Sarah Schläppi fordert Freispruch

Es blieben «erhebliche Zweifel» an Motolas Einsatz in der Ukraine, sowohl, was den konkreten Aufenthaltsort als auch den Zeitraum seines mutmasslichen Militärdienstes in der Ukraine angehe, hält Anwältin Schläppi fest. Die vorgelegten Fotos seien nicht forensisch untersucht, die berichtenden Journalisten nicht einvernommen worden. Alles bleibe «äusserst vage». Sogar seine eigene Mutter stelle die Glaubwürdigkeit ihres Sohnes in Frage, wenn sie sage: «Ich streiche 80 Prozent von dem, was ich von ihm höre.» Sarah Schläppi fordert einen Freispruch für Avi Motola. 

18.12.2025, 11:44 Uhr

Anwältin äussert Zweifel: Hat Motola wirklich in der Ukraine gekämpft?

Spannende Strategie: Motolas Anwältin Sarah Schläppi hinterfragt, ob ihr Klient wirklich je in der Ukraine gekämpft habe. Beweise dafür gäbe es nicht, abgesehen von den vom Gericht vorgelegten Instagram-Fotos und Zeitungsartikeln. Es gäbe aber weder Zeugen noch Auskunftspersonen, die Motolas Kampfhandlungen belegen, sagt Schläppi auf Berndeutsch. «Gegen meinen Mandanten wird verhandelt, weil über ihn berichtet worden ist», sagt die Anwältin. Sie fragt: «Kann mediale Berichterstattung allein den strengen Anforderungen eines Strafverfahrens wirklich genügen?» Es gäbe keine unabhängigen Beweise für konkrete Kampfhandlungen. Es sei nicht einmal klar, wann genau Motola bei welcher Einheit gekämpft haben soll. Eine Telefonüberwachung habe keine Beweise hervorgebracht. 

18.12.2025, 11:31 Uhr

Staatsanwalt fordert sechs Monate unbedingt

Christian Kunz, der militärische Staatsanwalt (Auditor), fordert für Motola eine sechsmonatige unbedingte Haftstrafe. Motola sei ein «Überzeugungstäter», der für ein fremdes Land gedient habe, unter anderem als Scharfschütze an der Front. Von einer Geldstrafe, die laut dem Militärgesetz ebenfalls denkbar wäre, würde sich Motola «kaum beeindrucken lassen», glaubt Kunz. «Er hat den Dienst nicht abgebrochen, nachdem das Strafverfahren eröffnet worden ist. Das zeugt von seiner erhöhten kriminellen Energie.»

18.12.2025, 11:09 Uhr

Mutter Anita G. hat nur einen Wunsch

Nach gut 30 Minuten endet die Befragung der Mutter. Abschliessend sagt sie: «Er bleibt mein Sohn. Mütter verzeihen halt manchmal vielleicht etwas zu viel. Ich habe für mich eine Grenze ziehen können, damit mich das nicht mehr so belastet wie in den vergangenen Jahren. Er wird diesen Monat 50. Ich kann ihn nicht ändern. Ich habe keine Erwartungen mehr an ihn.» Einen Wunsch aber habe sie: Sie wolle «aus diesen Medien verschwinden».

18.12.2025, 11:07 Uhr

Hat Motola psychische Probleme?

Richter Bernhard Isenring will wissen, ob Avi Motola psychische Probleme habe. Anita G. wiederholt, dass es keine Diagnose gäbe. Alkohol habe er wenig getrunken, Drogen habe sie bei ihm nie gefunden. Mit 16 habe er freiwillige Abklärungen in der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen gemacht. «Er ging kahlrasiert mit Springerstiefeln und Boxhandschuhen hin, ohne Diagnose.»

18.12.2025, 10:58 Uhr

Eigene Mutter glaubt ihm seine Ukraine-Story nicht wirklich

Der Richter will wissen, ob Anita G. ihrem Sohn zutraue, als Scharfschütze für eine Eliteeinheit gedient zu haben: «Er schwindelt gerne. Ich kann gar nicht mit Sicherheit sagen, was überhaupt stimmt. Wenn er mir etwas erzählt, streiche ich jeweils etwa 80 Prozent von dem, was ich höre», sagt sie. Sie erzählt, Motola habe die RS zwei Wochen vor dem offiziellen Ende abgebrochen. Das Armee-Sturmgewehr mitsamt der Munition habe er aber ausgehändigt bekommen, obwohl sie «dieses Zeug nicht im Haus haben» wollte. 

Avi Motola (49): Held, Gangster oder Blender? Zwei Jahre soll der Schaffhauser in der Ukraine gekämpft haben – jetzt macht ihm die Militärjustiz den Prozess. Am Donnerstag steht er als erster Schweizer Ukraine-Söldner vor Gericht.

Für die Ermittler ist der Fall klar: Motola hat in einer fremden Armee gedient und sich dadurch strafbar gemacht. Laut Anklageschrift kämpfte er im Zeitraum von Februar 2022 bis mindestens Ende 2024 in der Internationalen Legion zur Verteidigung der Ukraine.

Die «Geister von Bachmut»

Um den Einsatz des Schaffhausers ranken sich zahlreiche Erzählungen, die teils von russischer Propaganda beeinflusst sind. Motola soll bei den «Geistern von Bachmut» gekämpft haben, einer inoffiziellen Gruppe von Scharfschützen, die in der Schlacht um die ostukrainische Stadt Bachmut mehrere Hundert Soldaten der russischen Wagner-Gruppe erschossen haben sollen.

Ein Gericht in der von Moskau besetzten Region Donezk verurteilte den Schaffhauser Sniper in Abwesenheit zu 14 Jahren Haft in einem Straflager. Laut russischen Quellen werden ihm Beteiligung an einem Völkermord an Russen und Plünderungen vorgeworfen.

Kriminelle Vergangenheit

Am Donnerstag muss Motola nun vor dem Militärgericht antraben. Der Prozess findet am Bezirksgericht Meilen ZH statt. Wegen Leistens fremden Militärdiensts droht ihm eine Geldstrafe oder gar Gefängnis – ein Ort, den er bestens kennt. Der Schaffhauser sass mehrere Jahre in Haft, unter anderem im Zürcher Gefängnis Pöschwies.

Das Vorstrafenregister des Ukraine-Kämpfers ist lang: Körperverletzung, Diebstähle, Betrügereien. Gegenüber Blick sagte seine Mutter: «Er war auffällig. Ab der 1. Klasse wurde ich in einer Woche viermal in die Schule zitiert.» Ihr Sohn habe auch sie selbst bedroht: «Er hielt mir in der Küche ein Messer an den Bauch.» An den militärischen Aktivitäten ihres Sohnes hat die Mutter Zweifel: «Avi hatte immer ein grosses Maul.»

Beinahe wurde der Schaffhauser verwahrt. Da er an schweren psychischen Problemen litt, wurde seine Strafe für eine stationäre psychiatrische Therapie aufgeschoben, im Volksmund auch «kleine Verwahrung» genannt.

«Bereits im Amerikanischen Bürgerkrieg kämpften Schweizer»
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Militärhistoriker Rudolf Jaun:«Bereits im Amerikanischen Bürgerkrieg kämpften Schweizer»

«Das Einzige, was ich gut kann, ist kämpfen»

Ob es am nächsten Donnerstag zu einer Verurteilung kommt, ist unklar. Hinweise deuten darauf hin, dass Avi Motola dem Prozess fernbleibt. CH Media hat den Schaffhauser kürzlich in Tel Aviv aufgespürt. Motola besitzt die israelische Staatsbürgerschaft und spricht fliessend Hebräisch.

Es gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung. Allerdings machte Motola nie ein Geheimnis aus seinen Kampfeinsätzen in der Ukraine. «Wenn ein Land, ein Volk ohne eigenes Verschulden vom viel grösseren Nachbarn angegriffen wird, muss man Hilfe leisten», sagte er gegenüber CH Media. «Das Einzige, was ich gut kann, ist kämpfen.»

Recherche-Hinweise

Haben Sie Hinweise zu brisanten Geschichten? Schreiben Sie uns: recherche@ringier.ch

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Die reiche Schweiz soll sich laut Motola schämen, dass sie den Verteidigern nicht mehr unter die Arme greife. Unser Land habe einfach Angst vor Russland und vor wirtschaftlichen Nachteilen: «Wir sind ein Volk von Feiglingen.»

Was, wenn er nicht auftaucht?

Gegenüber Blick wollten weder der Angeklagte noch seine Verteidigerin Stellung nehmen. Taucht der Angeklagte am Donnerstag nicht auf, kann der Gerichtspräsident ein sogenanntes Abwesenheitsverfahren anordnen. Dann wird der Prozess durchgeführt, auch wenn Motola nicht dabei ist. Bei einer Verurteilung in Abwesenheit stellt sich allerdings die Frage nach dem rechtlichen Gehör. Motola muss sich verteidigen können.

So oder so dürfte der Prozess gegen den Schaffhauser Strahlkraft haben. Es ist das erste Mal, dass die Militärjustiz einen Schweizer Ukraine-Söldner anklagt. Andere dürften folgen: Es laufen Ermittlungen gegen 15 weitere mutmassliche Kämpfer.

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