Darum gehts
- Thomas Meier (51) kämpft seit über einem Jahrzehnt gegen Zürich
- Er droht Haus, Ehe und Existenz im juristischen Streit zu verlieren
- Seltene Fälle wie seiner werfen grundlegende psychologische Fragen auf
Seit über einem Jahrzehnt kämpft Thomas Meier (51) gegen den Kanton Zürich – und droht dabei alles zu verlieren: Haus, Ehe, Existenz. Der Streit ist längst mehr als ein juristisches Verfahren. Es ist ein Kampf, der Meiers ganzes Leben bestimmt. «Ich werde Haus und Ehefrau verlieren, aber dieser Kampf ist nötig», sagt er zu Blick.
Meier ist erschöpft. «Ich mag einfach nicht mehr. Meine Leistungsfähigkeit ist so tief wie noch nie – auch als Unternehmer», erklärt er. Trotzdem möchte er weiterkämpfen.
«Nicht gelernt, es auszuhalten»
Der Fall aus Bachs ZH ist kein Einzelfall. Immer mehr Bürger entscheiden sich, mit endlosen Einsprachen und Beschwerden gegen Behörden vorzugehen, stellt Marc Graf (63), Professor für forensische Psychiatrie an der Universität Basel, fest. Was passiert mit einem Menschen, der sich über Jahre hinweg in einem Konflikt festbeisst? Warum gelingt es manchen nicht, einen Schlussstrich zu ziehen, selbst wenn die persönlichen Kosten immer höher werden?
Laut Graf stehen im Mittelpunkt solcher Fälle oft Menschen, die nicht gelernt haben, Unrecht oder Frust auszuhalten. «Es entwickelt sich eine klare Zwei‑Fronten‑Sicht. Es gibt nur Freunde oder Feinde, gerecht oder ungerecht», sagt er. Betroffene sähen sich dabei häufig als Opfer von Systemen, die sie fertigmachen wollten – Kompromisse sind nicht mehr möglich.
Thomas Knecht, ehemals leitender Arzt für forensische Psychiatrie im psychiatrischen Zentrum Herisau, ergänzt: «Wer von seinem Recht hundertprozentig überzeugt ist, kann die Argumente der Gegenseite nicht mehr richtig würdigen.» Dann gehe die Verhältnismässigkeit oftmals verloren. «Der Kampf nimmt fanatische Züge an.»
Gewöhnlich würden solche Konflikte in kleinen Schritten eskalieren, zumal zu Beginn noch Hoffnung auf Sieg bestehe, führt der Psychiater aus. «Später wird gekämpft, weil man einen Sieg der ‹Ungerechten› nicht zulassen kann.»
Negativspirale für alle Beteiligten
Ein Umstand, der auch Meier umtreibt. «Ich bin im Recht. Wenn ich aufgebe, gebe ich zu, dass ich im Unrecht bin. Und der Kanton Zürich hat gewonnen», sagt der 51-Jährige zu Blick.
Dieser Satz ist laut den Experten exemplarisch. «Er zeigt, dass man lieber untergeht, als zu akzeptieren, dass man nicht recht hat», so Graf. Was folgt, sei eine Negativspirale für die Betroffenen.
Die langen Verfahren seien enorm zermürbend. «Ein Warnzeichen, dass man sich selber immer mehr Schaden zufügt, ist psychosoziales Versagen», so Graf. «Es droht eine gewisse Isolation», ergänzt Knecht.
Ab diesem Punkt wird es kritisch
Graf betont, dass nicht jeder langjährige Konflikt irrational sei. «Problematisch wird es dann, wenn der Konflikt das ganze Leben dominiert und die persönlichen Folgen immer gravierender werden.»
Schliesslich hätten Betroffene nur noch den Rechtsstreit – und sonst nichts mehr. «Dadurch geben sie eigentlich alle Macht dem vermeintlichen Gegner ab.»
Für Familie und Freunde ist es oft schwierig, die Negativspirale zu stoppen. Ein möglicher Ansatz könnte sein, Betroffenen aufzuzeigen, dass es auch andere Perspektiven gibt, und dann Schritt für Schritt wieder eine Balance herzustellen. Doch das sei gerade für Familien nicht leicht – emotional ist man oft stark involviert.