Darum gehts
- Im Kanton Bern sorgt der Fall eines Kindes mit ADHS für Streit um die integrative Schule
- Nach einer geplanten Rückkehr in die Regelklasse wird das Kind in eine Sonderschule eingeteilt
- Die Leserinnen und Leser sind gespalten zwischen Systemkritik und Verteidigung der Integration
Im Kanton Bern eskaliert ein Streit zwischen Eltern und Behörden um die Schulzuweisung eines Kindes mit ADHS und besonderen Förderbedürfnissen. Bei der geplanten Rückkehr in die Regelklasse nach einem temporären ausserschulischen Sondersetting wird das Kind plötzlich in eine Sonderschule eingeteilt. Dagegen wehren sich die Eltern juristisch. Seither besucht das Kind keine reguläre Schule mehr, während verschiedene Behörden und Gerichte über den Fall entscheiden.
Der Fall wirft grundsätzliche Fragen zur inklusiven Schule in der Schweiz auf: Wer entscheidet über die richtige Schulform, wie verbindlich ist der Anspruch auf Integration und was passiert, wenn Eltern und Behörden unterschiedliche Vorstellungen vom «Kindeswohl» haben? Er steht exemplarisch für eine breitere Debatte über Sonderschulung, Ressourcenmangel und die Folgen für betroffene Kinder im Spannungsfeld zwischen Schule, Sozialdiensten und Justiz.
Zwischen Integrationsauftrag und Systemkritik
Unsere Leserinnen und Leser reagieren unterschiedlich auf den Fall und die grundsätzliche Frage der inklusiven Schule. So kritisiert etwa Nadja Fankhauser vor allem die Kommunikation zwischen Schule und Eltern: «Das Problem fängt an, wenn die Schule keine Ahnung von Kommunikation hat und die Eltern nicht abholen kann. Eine Schule muss beraten, Möglichkeiten aufzeigen, den Eltern die Ängste nehmen und nicht einfach befehlen. Dies scheint hier nicht der Fall zu sein, wenn sich die Schule nicht an ihre eigenen Abmachungen hält.» Sie fügt an: «Man kann nicht ein Kind, das geistig grundsätzlich in der Schule mitkommen würde, aber Defizite hat, in eine Schule mit geistig beeinträchtigten Kindern stecken. Nicht jeder Kanton hat das passende Angebot zum Kind. Leider arbeiten auch da die Kantone nicht zusammen.»
Ähnlich argumentiert Chris Patton, der warnt, dass viele Kinder zu schnell aussortiert würden: «Unsere Schulen sind am Punkt angekommen, wo sie fast jedes Kind, das nicht genormt ist, in die Sonderschulen abgeben. Das sind zum Teil extrem kreative Köpfe, die ganz früh im Leben in eine Schublade gesteckt werden und keine Chancen mehr erhalten. In anderen Ländern werden genau solche Kinder gefördert und leisten später meist mehr als der Durchschnittsschüler, der nie aufgefallen ist.»
Mario Aeschlimann fordert mehr Entscheidungsfreiheit für Eltern ausserhalb staatlicher Strukturen: «Wenn es solche Schwierigkeiten gibt, ist es doch am vernünftigsten, wenn man den Eltern die Freiheit gibt, eine eigene Lösung zu finden. Dass die Kesb eingeschaltet wird, empfinde ich als Skandal. Am sinnvollsten ist sowieso, dass wir eine Bildungspflicht und keine Schulpflicht haben. Wir müssen neue Wege finden, um unsere Kinder wieder zu fordern und zu fördern.»
Kritik am integrativen Modell
Demgegenüber stehen Stimmen, die die Umsetzung einer Integration kritisch sehen und deren Grenzen betonen. So schreibt Carmen Luthiger: «Viele machen es sich sehr einfach, wenn sie Schulen pauschal fehlende Integrationsbereitschaft vorwerfen. Eine Separation geschieht nicht leichtfertig und schon gar nicht aus Bequemlichkeit. Bis es so weit kommt, ist meist bereits sehr viel passiert. Lehrpersonen versuchen über lange Zeit zu integrieren, zu begleiten und Unterstützungssysteme einzubeziehen.» Integration sei wichtig, müsse aber realistisch bleiben: «Es gibt Kinder, die im regulären Klassenrahmen zeitweise oder dauerhaft nicht beschulbar sind, weil ihr Verhalten andere Kinder massiv belastet. Bei aller berechtigten Sorge um das einzelne Kind darf man die anderen Schüler nicht vergessen.»
Ähnlich äussert sich Leser Stefan Bühler: «Bei der integrativen Schule müssen sich alle dem schwächsten Glied anpassen. Die ‹normalen› Schüler können nicht gefordert und gefördert werden, da es nicht möglich ist, in jeder Schule so viele Pädagogen nebst den Lehrern und Klassenhilfen anzustellen.» Das sei finanziell nicht tragbar. «In Sonderschulen gab es diese Lösung, wurde aber durch ein falsches Sozialverständnis einiger Politiker zunichtegemacht», ergänzt er.
Auch Paul Peter sieht das Modell kritisch: «Die integrative Schule ist ein Fehler, den leider Links-Grün immer noch nicht einsieht.» Es sei nicht fair gegenüber den Kindern, die Unterstützung brauchen, und es sei nicht fair gegenüber den anderen Kindern, deren Unterrichtsqualität ebenfalls leide. «Wir müssen aufhören, die Schule als Hammer für jegliches Integrationsproblem zu sehen. Der primäre Auftrag der Schule ist die Bildung.»