Darum gehts
Susan Nüssli (70) aus Zell ZH war eine kerngesunde Frau. Sie ging regelmässig in die Berge und lebte für Skitouren. Doch nach einer Skitour im März 2023 ändert sich ihr Leben schlagartig: Die Seniorin bekam eine mysteriöse Krankheit, wurde immer schwächer. Bei einer Autofahrt ging es ihr so schlecht, dass sie Schlangenlinie fuhr. Ein Polizist beobachtete die Situation, hielt sie für betrunken – und rettete ihr so wohl das Leben.
Sie infizierte sich mit nekrotisierender Fasziitis – einer seltenen, aber hochgefährlichen Erkrankung, über die Blick bereits zuvor berichtete. Die Krankheit greift Nüsslis rechtes Bein an – und kostet ihr beinahe das Leben. Blick darf sie heute, drei Jahre später, zu einer Sprechstunde im Krankenhaus begleiten.
Wegen Grippensymptome ins Spital
Im März 2023 kehrt Susan Nüssli von einer Skitourenwoche zurück. Die letzte Tour lässt sie aus, sie fühlt sich schlapp, hat Gliederschmerzen. «Ich dachte, es sei eine Grippe», sagt Nüssli zu Blick.
Dann schwillt plötzlich ihr rechtes Bein massiv an. Sie merkt, dass es sich nicht um eine Erkältung handelt und beschliesst, am Tag darauf ins Spital zu fahren. Vorher will sie aber noch unbedingt zu einem Termin bei einer Kollegin.
Während der Autofahrt passiert es: Sie kann das Lenkrad nicht mehr halten und verliert die Kontrolle über das Fahrzeug. Ein Autofahrer hinter ihr alarmiert die Polizei, weil ihm auffällt, dass etwas nicht stimmt.
In Russikon ZH hält die Polizei sie an. Der Beamte vermutet zuerst Alkohol. Von diesem Zeitpunkt an weiss Nüssli nicht mehr, was geschah – sie hat bereits eine Blutvergiftung. Der Polizist bringt sie direkt in den Notfall ins Kantonsspital Winterthur.
Künstliches Koma und Notfalloperationen
Kurz darauf die Diagnose: Sepsis, also Blutvergiftung, und nekrotisierende Fasziitis, eine bakterielle Infektion. Sie schwebt in Lebensgefahr.
Nüssli wird ins künstliche Koma versetzt, insgesamt für sechs Tage. In der ersten Nacht informiert das Spital die Familie: Sie werde die Nacht wohl nicht überleben, man solle sich verabschieden. Ihr Körper schwillt stark an, sie erhält hochdosierte Medikamente.
Die Bakterien setzen Toxine frei, die sich entlang der Muskeln durchs Gewebe fressen. «Man hätte mir fast mein Bein amputiert», sagt sie. «Doch meine Familie hat gewusst, dass ich lieber sterbe, als kein Bein mehr zu haben.» Während des Komas hat sie Alpträume. Noch Wochen später kann sie Traum und Realität bisweilen kaum unterscheiden. «Meine Kinder haben dann Witze gemacht, wenn ich wieder mal etwas verwechselt habe – das hat geholfen.»
Es folgen neun Operationen in neun Wochen. Sie erhält einen luftdichten Behälter um ihr Bein, eine Unterdrucktherapie, die regelmässig operativ gewechselt werden muss. «Ich hatte Angst, dass mir bei so vielen Vollnarkosen Hirnzellen absterben», sagt sie. Auf neun Wochen Spital folgen sieben Wochen Reha.
«Warum ich?»
Vor zehn Jahren war ihr Mann bei einem Bergunfall ums Leben gekommen. Nüssli war damals dabei gewesen. Und dann erlitt sie auch noch diese schlimme Infektion am Bein. «Anfangs fragte ich: Warum wieder ich?» Später wurde ihr aber klar: «Ich bin froh, am Leben zu sein, ich will weiterleben.»
Heute, drei Jahre später, geht es Nüssli wieder gut. «Zum Glück bin ich heute wieder wie vor der Krankheit», sagt sie.
Blick begleitet sie bei einem Kontrolltermin, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Lymphdrüsen und Fettschicht fehlen im ganzen Bein. Schnitte heilen schlecht, oft dauert es Wochen. Und doch: Nüssli ist eine Kämpferin, wie der Arzt im Gespräch sagt.
Die Spuren der Krankheit sind am Bein weiterhin sichtbar. «Ich brauchte ein Jahr, um den Anblick zu akzeptieren», sagt sie. «Heute gehe ich auch in die Badi, die Blicke stören mich nicht mehr, das Bein gehört zu mir.»
Ihr Partner, den sie drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes in den Bergen kennengelernt hat, und ihre Familie geben ihr viel Unterstützung und Kraft. Weiterhin liebt sie die Berge: «Als ich das erste Mal nach der Krankheit wieder auf einem Gipfel war, habe ich geweint vor Glück.»