Darum gehts
- Ein Sturm traf Zürich am Freitag, ein Paar suchte Schutz im Fraumünster
- Mitarbeiterin wies das Paar trotz gefährlicher Lage aus der Kirche
- Kirche bestätigt Fehler, plant neue Richtlinien und prüft Konsequenzen
Am vergangenen Freitag wüteten heftige Gewitter in der Stadt Zürich. Wie schwer, das zeigt der Fall einer Jugendlichen (†16). Sie wurde von einem herabfallenden Ast schwer verletzt und erlag später ihren Verletzungen im Spital.
Auch auf dem Münsterhof wurde es brenzlig, wie Leserreporter Amir* der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, beschreibt. Der Wind peitschte durch die Strassen, Hagelkörner prasselten nieder und herumfliegende Gegenstände machten die Situation gefährlich.
Gemeinsam mit seiner hochschwangeren Ehefrau suchte er Schutz am Seiteneingang des Fraumünsters. Für das Paar wurde die Situation immer dramatischer.
«Durch den Wind und das extreme Wasser fiel sogar mir das Atmen schwer, und meine Frau erlitt aufgrund der akuten Bedrohungssituation eine heftige Panikattacke mit Atembeschwerden und fing an zu weinen», schildert er. Um seine Frau und das ungeborene Kind zu schützen, suchte das Ehepaar im geöffneten Eingangsbereich der Kirche Zuflucht. Auch weitere Personen, darunter Touristen, sollen sich zu diesem Zeitpunkt dort aufgehalten haben.
Streit um Wegweisung mitten im Sturm
Laut dem besorgten Ehemann habe eine Mitarbeiterin die Notlage erkannt und Verständnis gezeigt. Dann kam es jedoch zum Eklat. Eine andere Mitarbeiterin habe darauf bestanden, dass das Ehepaar die Kirche verlassen müsse.
Während draussen weiterhin das Unwetter tobte, sei auch der zuständige Schichtleiter telefonisch kontaktiert worden. Trotz der gefährlichen Wetterlage sei die Anweisung erteilt worden, die schutzsuchenden Personen wegzuweisen, behauptet der Zürcher. «Als ich die Mitarbeiterin auf das gesundheitliche Risiko meiner Frau aufmerksam machte, drohte sie mir mit dem Beizug der Polizei, um den Rausschmiss physisch durchzusetzen.»
Weitere Personen verwiesen
Die Situation blieb laut Beschwerde nicht unbeobachtet. «Der gesamte Vorfall spielte sich in aller Öffentlichkeit und vor zahlreichen Augenzeugen ab», sagt Amir. Im Ausgangsbereich des Fraumünsters sollen sich mehrere Personen aufgehalten haben, die den Vorfall mitverfolgten.
Darunter eine spanischsprachige Touristenfamilie, ein weiterer Passant sowie eine Gruppe amerikanischer Touristen, die ihren Besuch in der Kirche gerade beendet hatten. Laut Amir hätten auch diese Personen die Situation wahrgenommen und sich gegen die Wegweisung ausgesprochen. Er hat eine offizielle Beschwerde bei der zuständigen Kirchgemeinde eingereicht.
Kirche hatte keine klare Unwetter-Regelung
Die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich bestätigt gegenüber Blick den Eingang der Beschwerde und kündigt eine interne Prüfung an. Die Kirche räumt ein, dass die Situation falsch eingeschätzt worden sei: «Die Dramatik des Sturmes konnte im Innenraum nicht richtig eingeschätzt werden. Wir hätten den Besucherinnen und Besuchern Schutz gewähren sollen. Wir möchten uns dafür entschuldigen.»
Auch zum Vorwurf, dass mit dem Beizug der Polizei gedroht worden sei, nimmt die Kirche Stellung: Durch die Wegweisung sei Amir ungehalten geworden. «Was wir unter den gegebenen Umständen nachvollziehen können», wie es weiter heisst. «Die Mitarbeiterin bekam Angst und versuchte, die Polizei hinzuzuziehen.»
Der Vorfall wirft zudem Fragen zu den Abläufen bei extremen Wetterlagen auf. Die Kirche erklärt, dass es bislang keine ausdrückliche Regelung für solche Situationen gebe. Gleichzeitig hält die Kirchgemeinde fest: Wer bei einem heftigen Unwetter in einer geöffneten Kirche Schutz suche, solle diesen grundsätzlich erhalten. «Das Fehlverhalten werden wir intern thematisieren und daraus Massnahmen ableiten.»
* Name geändert