Als das Drama von Familie Meyer ein glückliches Ende zu nehmen schien, wurde es erst so richtig schlimm. Jahrelang hatte das Ehepaar für viel Geld vermeintlich wertvolle Bücher gekauft, angepriesen als gute Wertanlage. Als sie sich schon langsam damit angefreundet hatten, dass ihr investiertes Geld verloren war, bekamen sie ein Angebot: 850'000 Franken für ihre komplette Bibliothek.
Ein sonniger Frühsommertag in einem Dorf in der Nordwestschweiz. Maria und Reto Meyer, sie Jahrgang 1950, er 1948, führen in einen Kellerraum ihres Einfamilienhauses. Ihre echten Namen wollen sie nicht öffentlich nennen – beide heissen eigentlich anders. Auf einem Regalbrett stehen zwei VHS-Videokassetten «Arielle die Meerjungfrau» und «König der Löwen», daneben eine Ritterburg aus Plastik und ein Matchbox-Auto. Keine Bücher, obwohl die Meyers sehr viele davon haben.
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Kistenweise Bücher im Keller
Die Meyers sind keine Bücherliebhaber, sie glaubten, was ihnen die Vertreter erzählten: dass sie wertvolle Werke kauften, deren Wert sich am besten erhielt, wenn sie in neuwertigem Zustand blieben. Also stellten sie die Bücher originalverpackt in den Keller. Fast nichts davon haben ihre fünf erwachsenen Töchter je gesehen. Maria Meyer öffnet einen Karton, um zu sehen, was darin ist. «Die Bertelsmann-Naturenzyklopädie, das Erste, was wir gekauft haben», sagt sie zum Beobachter.
1993 war das, 20 Bände für 2376 Franken. Das war ein üblicher Preis – und im Vor-Internet-Zeitalter war das Lexikon durchaus als Nachschlagewerk zu gebrauchen. «Das haben unsere Kinder für Vorträge in der Schule wirklich benutzt», erzählt Maria Meyer, während ihr Mann weitere Kartons öffnet. Darin das nächste Lexikon: 24 Bände für 5096 Franken, ebenfalls von Bertelsmann, erstanden 1996.
Mit dem Aufkommen des Internets gerieten die Lexika-Verlage mehr und mehr ins Abseits. Bertelsmann gründete erst eine ausgelagerte Gesellschaft dafür. Jene «inmediaONE» stellte aber 2014 den Betrieb ein, das Geschäft mit gedruckten Nachschlagewerken war endgültig vorbei.
Doch anscheinend gelangten Kundendaten irgendwie in die Hände von skrupellosen Geschäftemachern. Bertelsmann versichert auf Anfrage, keine Kontakte weitergegeben und Vertretern verboten zu haben, diese zu benutzen. Trotzdem tauchten bei den Meyers immer wieder Leute auf, die genau wussten, welche Bücher sie schon hatten. Eine Masche, die quasi ein langjähriges Vertrauensverhältnis suggeriert.
Bei den Meyers verfing sie – und längst nicht nur bei ihnen. Die Betrugsmasche mit überteuerten Büchern ist im deutschsprachigen Raum verbreitet – obwohl Inmedia One seine ehemalige Kundschaft noch per Rundbrief vor «unerwünschter Post, Anrufen und Vertreterbesuchen» warnte. Eine Anwaltskanzlei aus Bielefeld, die 3000 Geschädigte vertritt, schätzt, dass ein dreistelliger Millionenbetrag ergaunert wurde – meist von Seniorinnen und Senioren. So wie die Meyers.
Viel Geld für wertlose Werke
Maria Meyer öffnet einen Kleiderschrank, auch darin fast nur Kartonkisten. Sie zieht eine heraus, so gross wie ihr Oberkörper. «Damit hat die Geschichte mit den Faksimiles angefangen», keucht sie. Faksimiles sind Nachbildungen historischer Schriften. Maria Meyer öffnet den Karton, zum Vorschein kommt ein Ledereinband mit Messingbeschlägen.
Das Neue Testament, eine Nachbildung einer Originalausgabe von 1630 mit Kupferstichen des berühmten Künstlers Matthäus Merian. 3250 Franken haben die Meyers 2004 dafür bezahlt. Für die gleiche Summe erwarben sie auch noch das Alte Testament. Heute findet man beide Bücher ab jeweils 100 Franken auf Verkaufsplattformen im Internet.
Im Wohnzimmer der Meyers hängt an der Wand ein Kruzifix, am Sofa lehnt ein zusammengeklappter Wäscheständer, auf dem Tisch liegt ein angefangenes 1000-Teile-Puzzle: ein Leuchtturm in Nordseedünen. «Das hat meine Tochter mir geschenkt, weil sie weiss, dass mir oft schlecht wird vor Sorgen», erzählt Maria Meyer dem Beobachter. «Beim Puzzeln kann ich komplett abschalten.»
Viele Schicksalsschläge
Die Meyers mussten schon einiges einstecken: Maria verlor ihren ersten Ehemann mit 29, als sie mit ihrer dritten Tochter schwanger war. Er starb an einem plötzlichen Herztod. Mit ihrem heutigen Mann bekam sie noch zwei Töchter. Sie bauten ein Haus zusammen. Gegen Ende seines Berufslebens als stellvertretender Geschäftsführer eines holzverarbeitenden Betriebs erkrankte Reto Meyer an Darmkrebs.
2014 wurde er operiert, die Chemotherapie dauerte ein halbes Jahr, war erfolgreich. Doch als diese beendet war, wurde bei Maria Meyer in der rechten Brust Krebs diagnostiziert. Operation, 38 Bestrahlungen. Im Jahr 2021 dann nochmals Krebs, die linke Brust, 26 Bestrahlungen. «Ich bin psychisch sehr, sehr gedrückt seit den Krebsoperationen», sagt sie. «Es war immer so viel los – wir hatten keine Kraft, uns gegen die Vertreter zu behaupten.»
Diese nahmen die Meyers systematisch aus – indem sie ihnen weismachten, dass Faksimiles eine gute Wertanlage seien. «Sie sassen hier mit uns am Esstisch und haben eine Pyramide aufgemalt.» Maria Meyer zeichnet mit dem Finger ein Dreieck auf die Tischdecke. «Sie haben uns gesagt: ‹Hier unten haben Sie schon alles, aber wenn Sie die Sammlung einmal verkaufen möchten, dann brauchen Sie noch den oberen Teil der Pyramide.›»
Das bedeutete: Noch mehr, noch teurere Bücher. Der Gipfel – oder, wie ein Vertreter es nannte, «die Krone» der Pyramide: der «Barberini Psalter», eine Nachbildung einer Handschrift des neuen Testaments aus dem 8. Jahrhundert. Eine kleine Plexiglas-Vitrine zum Ausstellen wurde mitgeliefert. Das Ganze kostete 14'000 Franken.
«Dann habe ich zu dem Vertreter gesagt: Nun haben wir die Krone, unser ganzes Geld ist weg, jetzt müssen wir die Bücher schnellstens verkaufen», erzählt Maria Meyer. Was sie nicht ahnte: Damit gab sie das Signal dafür, erst richtig betrogen zu werden. Denn als mit dem Verkauf von Büchern nichts mehr zu holen war, fanden die Betrüger einen Weg, an der Verzweiflung der Meyers zu verdienen.
Eines Tages meldete sich ein Herr aus Deutschland – er habe einen Käufer. Ein paar Tage später kam ein Mann vorbei und gab vor, jemand wolle für 850'000 Franken die gesamte Büchersammlung kaufen. Nur: Jener Interessent wollte unbedingt zusätzliche Bücher, den «Codex Gisle» und die «Savoy Hours», Kostenpunkt 14930 Franken. Aber mit dieser Vervollständigung sei die Sammlung für 850'000 Franken verkauft. Und so bestellten und bezahlten die Meyers auch diese Bücher – und hörten danach nichts mehr von den angeblichen Kaufinteressenten.
Ein bedrohlicher Besuch
Wenig später meldete sich ein anderer Mann. Diesmal sollten die Bücher für 350'000 Franken nach Dublin gehen. Um sie zu versenden, brauche man jedoch Geld für die Spedition – 7800 Franken. «Da habe ich gesagt, wir haben nicht mehr so viel Geld», erzählt Maria Meyer. «Wie viel hatten wir noch?» – «2800», meint ihr Mann. Die Betrüger gaben sich damit zufrieden – vorerst.
Denn irgendwann standen wieder zwei Männer in der Tür. «Wir brauchen mehr Geld für die Abwicklung», meinten sie und riefen einen dritten von draussen dazu. Reto Meyer wollte ihnen beweisen, dass nichts mehr zu holen sei, und öffnete sein Bankkonto per Onlinezugang. Da war tatsächlich kein Geld mehr, doch die Betrüger sahen, dass er noch ein zweites Konto hatte.
Dort verwaltete Reto Meyer das Vermögen einer pflegebedürftigen Tante. «Wir haben gesagt, das sei nicht unser Geld», erinnert sich Maria Meyer. Aber die drei Männer, die alle Ausgänge aus dem Haus verstellten, wirkten nun bedrohlich. «Sie sagten: ‹Ohne das Geld gehen wir nicht›», sagt Meyer dem Beobachter. «Mein Mann hat gezittert am ganzen Leib.» Er überwies nochmals 33'000 Franken. Dann verschwanden die Männer. Die Bücher holte nie jemand ab.
Hoffnung auf einen Prozess
Gegen die Masche der Faksimile-Schwindler ist juristisch kaum etwas zu machen – im Kleingedruckten der Kaufverträge steht, dass sich die Bücher nicht als Wertanlage eignen. Doch bei den Meyers waren die letzten ungebetenen Besucher zu weit gegangen. Sie hatten unter dem falschen Versprechen, die Faksimiles zum Verkauf zu vermitteln, viel Geld ergaunert. Und so nahm die Polizei Fingerabdrücke auf den Dokumenten, die sie zurückgelassen hatten. Ein halbes Jahr später meldete sich die Staatsanwaltschaft – einer der Täter war gefasst worden. Das Gerichtsverfahren gegen ihn steht noch aus, es gilt die Unschuldsvermutung.
An der Wohnzimmerwand ist ein Baum aufgemalt; für jede der fünf Töchter ein Ast, und für jedes der elf Enkelkinder. Alle Nachkommen sind mit einem Bild vertreten. Die Familie war es auch, die den Meyers mit Geld aushalf, damit das Konto der pflegebedürftigen Tante wieder ausgeglichen werden konnte. «Ich könnte mich ohrfeigen, dass wir uns so haben ausnehmen lassen», sagt Maria Meyer. 170'000 Franken haben sie verloren, mehr als ihre gesamten Ersparnisse. Ob sie im Rahmen der Klage zumindest von den letzten Betrügern Geld zurückbekommen werden, ist äusserst ungewiss.
Ferien liegen erst mal nicht mehr drin. Immerhin besitzen sie noch ihr Wohnhaus. Und bei Maria Meyers letztem Geburtstag stellten die Töchter eine Spendenbox auf. «Ich möchte manchmal die Koffer packen und weg von den Sorgen. Mit diesem Geld konnten wir vier Tage in ein Hotel in die Innerschweiz», seufzt Maria Meyer. Immerhin.