Da sitzt er. Etwas unsicher lächelnd. Fast ein bisschen schüchtern. Miro A.*, gekleidet in einer dunklen Sportjacke und weissen Sneakers, trifft Blick am Freitag in einem Büro in der Berner Innenstadt. A. (36) ist seit zwei Wochen zurück in der Schweiz. Am 27. November hat für ihn ein Höllenritt begonnen.
Über Nacht wurde A. als «Hooligan-Lehrer» und «YB-Randalierer» zum nationalen Antihelden. Das Foto seiner Verhaftung ging durch die Medien – schliesslich kommt es nicht alle Tage vor, was A. sich geleistet hat: Der YB-Fan griff während eines Auswärtsspiels seines Klubs in Birmingham im Stadion Polizisten an, wurde festgenommen und landete in einem englischen Gefängnis.
Die Öffentlichkeit senkte den Daumen, die Kommentatoren waren gnadenlos – wer hat schon Mitleid mit einem dieser Heisssporne, die am Rande von Fussballspielen zum Leidwesen der Allgemeinheit für Gewalt und schlechte Stimmung sorgen? Gut, dass die Engländer hart durchgreifen! Die Schweizer Uniformierten sollen sich ein Beispiel nehmen! So lautete der Tenor.
«Bin eigentlich als besonnene Stimme bekannt»
Was den Fall besonders pikant macht, ist A.s Beruf: Er ist Oberstufenlehrer und in dieser Funktion Vorbild für Heranwachsende in einem sensiblen Alter. Wer aber nun einen gewaltbereiten Haudegen mit Kurzhaarschnitt und voller Tattoos erwartet, wird enttäuscht. Umso mehr stellt sich die Frage: Was, um Himmels willen, treibt einen Typen mit dieser sanften Erscheinung aus der gesellschaftlichen Mitte dazu, bei dieser unsäglichen Testosteronorgie mitzumachen?
Zu Beginn des Gesprächs betont er: «Ich bin in diesem Umfeld eigentlich als besonnene, deeskalierende Stimme bekannt.» So sei es auch damals beim verhängnisvollen Match gewesen.
Schon nach dem ersten Treffer des gegnerischen Klubs Aston Villa habe er ein ungutes Gefühl gehabt, dass die Stimmung im Gästesektor ins Negative zu kippen drohte. Er kennt das, er war schon einige Male mit YB in England an Auswärtsspielen. «Das ist immer etwas sehr Spezielles.» An diesem Tag jedoch war etwas anders. Der Torschütze der Gastgeber näherte sich der YB-Kurve, Becher und anderes flogen aufs Spielfeld. Dann kam der Sicherheitschef von YB auf Miro A. zu. «Er bat mich: Hilf mir, die Leute zu beruhigen.»
Faustschläge gegen Beamte – «die Nerven verloren»
Man kennt ihn in der Szene – vom Steward, der die Eingangskontrolle macht, bis zum Sicherheitschef und zum Präsidenten. «Und dann kam das fatale 2:0», sagt er, wieder traf derselbe Spieler von Aston Villa. Wieder jubelte er ausgerechnet vor dem Gästesektor. «Das erzürnte die Leute in dem Moment, das machte auch mich hässig.» War er alkoholisiert? Nicht wirklich. «Ich habe zuvor drei kleine Biere getrunken.»
Der Aston-Villa-Stürmer wird am Kopf von einem Gegenstand aus der YB-Kurve getroffen und zieht sich eine Platzwunde zu. Der Schiedsrichter geht auf YB-Captain Loris Benito zu – und bittet diesen, die völlig aufgebrachten YB-Fans zu besänftigen. Benito dreht sich zu seinen Fans und will mit ihnen reden. Dann kommt es zum Drama. «Wir verstanden ihn nicht. Mein Kollege, der Loris Benito kennt, will daher auf ihn zugehen.» Als A.s Kumpel die Abschrankung zum Spielfeld überwindet, stürzen sich mehrere Uniformierte auf ihn.
«Ich empfand das Vorgehen gegen meinen Kumpel als sehr grob. Das führte fatalerweise dazu, dass ich ihm in dieser hektischen, komplett unübersichtlichen Situation zu Hilfe sprang.» Er macht, was er später bereuen sollte. «Ich reagierte mit Faustschlägen gegen die Beamten. Dafür übernehme ich die Verantwortung, dazu stehe ich, das will ich auch nicht schönreden. Ich habe die Nerven verloren.»
Er hatte mit einer Geldstrafe gerechnet
Kurz darauf wird Miro A. festgenommen und in Handschellen gelegt. Sehr unzimperlich, wie er sagt. «Ein Polizist trat mir ins Gesicht, als ich am Boden lag. Später wurde mir mit dem Stock auf den Rücken geschlagen.»
Er blieb 36 Stunden in Gewahrsam und kam darauf in einem Schnellverfahren vor einen Richter. Kollegen aus der Schweiz organisierten ihm einen Anwalt. «Wir gingen davon aus, dass es eine Geldstrafe geben wird.» Dann der Schock. Das Urteil lautete: acht Wochen Knast.
A. landet in einer Zweierzelle, er hatte zunächst keine Information, wo er war. «Meine Hoffnung, dass ich die Geschichte unter dem Radar halten konnte, zerplatzte. Was sagen meine Familie, die Schulleitung, meine Schülerinnen, das Dorf? Ich dachte: Okay, das wars. Mein Leben in Bern ist am Arsch.» Hinter Gittern war es so öde wie befürchtet, er hatte einen Fernseher mit vier Sendern, sonst aber keinerlei Verbindung zur Aussenwelt, nicht einmal eine Bibel lag neben seinem Bett. «Ausser der fehlenden Bibel war es genau so, wie man sich das Gefängnis vorstellt. Es sah wirklich aus wie im Film. Spätestens dann hatte ich panische Angst.»
Und plötzlich war er in Ausschaffungshaft
Mit wem sass er da hinter Schloss und Riegel? Er wusste erst mit der Zeit, dass er nicht mit den schlimmsten Schurken den Raum teilte; die Mörder und Sexualverbrecher waren in einem anderen Flügel. Doch auch er hatte Nachbarn, die lange Strafen absitzen mussten. Das Essen war für alle gleich. Als Vegetarier ernährte er sich von den eintönigen Beilagen der Gefängniskost.
Der einzige Lichtblick: die Hoffnung, zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Weil er bei guter Führung nach drei, vier Wochen wieder hätte frei sein können. Dann hätte er seine Eltern wieder in die Arme nehmen können. Was empfindet man als verurteilter Gefängnisinsasse eigentlich gegenüber Mutter und Vater? «Es ist ein Gefühl der Scham. Ich schämte mich.»
Tatsächlich wurde Miro A. nach dreieinhalb Wochen entlassen – der nächste Schock erfolgte sogleich: Die britische Einwanderungsbehörde steckte ihn in ein Ausschaffungsgefängnis. A. wurde vom Staat gleich behandelt wie all die illegalen Einwanderer in den Zellen nebenan, von denen die Gefahr ausging, dass sie illegal im Land untertauchen. «Aber ich wollte doch nur nach Hause.» Es begann ein bürokratischer Albtraum mit unbekannter Dauer.
Er kauft nur noch Nastücher mit Aloe-Duft
Seine Anwälte waren aktiv, seine Freunde in der Schweiz und Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in London. Irgendwann konnte er eine sogenannte Self-Deportation unterschreiben, eine Erklärung, dass er bereit sei, das Vereinigte Königreich zu verlassen. Anfang Februar konnte er, nach insgesamt neuneinhalb Wochen Gefängnisaufenthalt, über einen Zwischenstopp in einem britischen Ausschaffungszentrum zurück in die Schweiz reisen.
Wie war das Gefühl, wieder in den eigenen vier Wänden in Bern zu sein? Miro A. kommen die Tränen. «Es war eine unglaubliche Erleichterung. Nach so vielen Wochen. Und einfach sehr viel Dankbarkeit.» Er nimmt ein Taschentuch. Und sagt: «Ich kaufe nur noch Nastücher mit Aloe, seit ich im Gefängnis in WC-Papier schneuzen musste.»
Er bangte um seinen Job als Lehrer
Zu Hause wartete auf ihn die nächste grosse Hürde: Kann er seinen Job als Oberstufenlehrer in Fraubrunnen behalten? Zwei Wochen lang hatte er keine Ahnung, was seine Schülerinnen und Schüler von ihm halten. Bis ihn die vielleicht wichtigste Botschaft erreicht. Er erfuhr über die Vermittlung eines Wärters von einem Freund per Telefon, dass in der Schule grosse Unterstützung herrsche. Miro A. kommen wieder die Tränen, als er davon erzählt. «Man kann sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selber erlebt hat, was das für Kraft und Mut gibt.»
Dann traf er im Rahmen des rechtlichen Gehörs auf die Schulleitung und den Präsidenten der Bildungskommission. Zu seiner Erleichterung standen beide Instanzen voll hinter ihm. Auch die YB-Vereinsspitze hat sich in den Medien demonstrativ vor A. gestellt. Am Freitag kommunizierten die Gemeinde und die Schule, dass man das Arbeitsverhältnis mit A. «nach sorgfältiger Prüfung» fortsetze.
«Wenn du einen Seich machst, dann stehe hin»
Man möchte «den Lernenden aufzeigen, dass Fehler – selbst schwere – nicht ein ganzes Leben bestimmen müssen», liess sich Co-Schulleiterin Noemi Rauser zitieren. Sie betont gegenüber Blick, «dass sicher 98 Prozent der Eltern hinter dem Entscheid stehen». Der Konsens lautet also: A. hat einen Fehler gemacht, aber entscheidend ist, wie er mit diesem Fehler umgeht.
Trotzdem: In den Medien zeigt sich eine anonyme Mutter entsetzt ob des Signals, das ausgesendet werde, das sei «ein Schlag ins Gesicht für uns Eltern». Kann A. nachvollziehen, dass die Sache in der breiten Öffentlichkeit auf Unverständnis stösst?
«Mir ist klar, dass der Entscheid für einige Leute unverständlich ist. Ich fragte mich: Kann ich verantworten, wieder Schule zu geben? Ich habe eine Vorbildfunktion, das war mir immer wichtig. Ich wollte aber nie ein Vorbild im Sinne von perfekt sein. Ich sagte den Kindern immer: Wenn du einen Seich machst, dann stehe hin, stehe dazu und bringe es wieder in Ordnung.»
Bald wird Miro A. wieder vor seiner Klasse stehen. Und einiges zu erzählen haben.
* Name bekannt