Darum gehts
- Familie Perroud gründet Stiftung nach Tod von Alix (16) in Crans-Montana
- 87’000 CHF aus Crowdfunding gesammelt, um verletzte Brandopfer zu unterstützen
- Kanton Wallis plant 10-Millionen-Stiftung, bisher 10’000 CHF Soforthilfe ausbezahlt
Seine Tochter hätte diese Idee geliebt, davon ist Daniel Perroud (51) überzeugt. «Alix war sehr sensibel, sie hatte ein grosses Herz», erzählt Perroud leise, aber gefasst am Telefon. Sie habe sich immer um andere gekümmert, «konnte mit einem einzigen Blick trösten». Heute trägt eine Stiftung ihren Namen. Perrouds Familie hat sie gegründet, als Andenken an Alix. Als Versuch, aus einem tragischen Verlust etwas Gutes entstehen zu lassen. Alix (16) starb im Inferno von Crans-Montana.
Die Schaffung der Fondation Alix Perroud ist eine Art persönliche Krisenbewältigung. Weg von der Ohnmacht, hin zu etwas, das anderen hilft. Die Stiftung verfolgt zwei Ziele. Kurzfristig will sie die Verletzten von Crans-Montana unterstützen, mit allem, was über die medizinische Versorgung hinausgeht. Etwa Kosten übernehmen, die durch die üblichen Kanäle wie Krankenkassen nicht gedeckt sind.
In einem zweiten Schritt soll die Stiftung Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen unterstützen, ihnen zum Beispiel ein Skilager finanzieren oder Musikunterricht ermöglichen. Das hätte Alix schön gefunden, sagt ihr Vater.
Schneller als der Staat
An die Stiftung spenden kann jeder, der will. Bislang sind 87’000 Franken zusammengekommen, über ein Online-Crowdfunding, das die beiden Schwestern von Alix lanciert haben. Der Betrag ist ein Tropfen auf den heissen Stein angesichts der über 100 Verletzten, Verstorbenen und ihrer Familien. Offen ist auch, wie das Geld verteilt werden soll. Aber Perroud geht es um ein Zeichen. Dass sich andere Opferfamilien nicht allein gelassen fühlen. «Wir wollen schneller helfen als der staatliche Apparat», sagt er bestimmt.
Der Bundesrat und das Parlament wollen einen Solidaritätsbeitrag von 50’000 Franken an jede Opferfamilie entrichten. Der Kanton Wallis plant eine Stiftung einzurichten und 10 Millionen Franken einzuzahlen. Die Gemeinde Crans-Montana steuert 1 Million hinzu. Doch der politische Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Noch ist der Grossteil des Geldes nicht bei den Betroffenen angekommen. Bislang erhielten sie vom Kanton Wallis 10’000 Franken Soforthilfe.
Fehlende Anteilnahme
Perroud sagt, seine Familie habe das Glück, alle Rechnungen bezahlen zu können. «Aber nicht alle stehen finanziell gleich da.» Nur schon der juristische Teil verschlinge enorme Summen. Die Opferhilfe übernimmt pro Person zehn Stunden Anwaltskosten. «Diese haben wir bereits aufgebraucht», so Perroud. Und die juristische Aufarbeitung dürfte noch Jahre dauern.
Wer mit Perroud spricht, spürt seine tiefe Dankbarkeit für die Anteilnahme aus der Schweizer Bevölkerung, aber auch eine gewisse Frustration: «Wir sind enttäuscht über die fehlende Unterstützung durch die Behörden nach dieser schweren Tragödie.» Seine Frau Véronique (51) sagt es so: «Sie haben in den Medien viel angekündigt, aber wir haben bislang wenig gesehen.» Dabei gehe es ihnen nicht ums Finanzielle. «Geld bringt meine Tochter nicht zurück», sagt Daniel Perroud. Es gehe um fehlende Anteilnahme, um eine Behördenkommunikation, die sie als «grottenschlecht» empfinden. «Wir fühlten uns in den ersten Wochen von Bund und Kanton im Stich gelassen.»
So habe es nach aussen stets geheissen, die Opferfamilien erhielten sofort und unbürokratisch Hilfe. Doch von der Opferhilfe habe sich bei ihnen niemand gemeldet. «Wir mussten selber psychologische Unterstützung suchen», erzählt der trauernde Vater. In den ersten Wochen nach der Brandkatastrophe habe Chaos geherrscht. Ein Vorfall bleibt ihm besonders in Erinnerung: Zur Gedenkfeier in Martigny wurden sie keine 24 Stunden vorab eingeladen, per unpersönlicher E-Mail. Viel zu kurzfristig, findet Perroud. Sie hatten an diesem Tag bereits die Beerdigung ihrer Tochter angesetzt.
Wir sind da
Und doch gab es auch andere, schöne Momente. Eine Druckerei stellte etwa kostenlos Gedenkkarten her. Die Gemeinde Pully, wo die Familie lebt, rief kurz nach dem Brand an, hörte zu und bot einen Saal für die Abdankung an. Einfach um zu zeigen: Wir sind da.
Vom Bund erhielt Perroud hingegen erst einen Anruf, nachdem er sich beschwert hatte. Niemand habe versucht, ihre Probleme zu verstehen und sie in den Prozess der Lösungsfindung einzubinden, so Perroud. Erst auf Druck der Opferfamilien kündigte der Bund einen runden Tisch an. Noch aber ist unklar, welche Familien daran teilnehmen können und welche nicht. Und weiterhin ist offen, wie das Geld der Walliser Stiftung ausgezahlt werden soll. Kurzum: «Wir vermissen einen klaren Zeitplan und eine transparente Kommunikation.»
Letztlich ist das einer der Gründe, weshalb die Familie nun ihre eigene Stiftung ins Leben gerufen hat. Sie wollen es anders machen, so Perroud, besser als der Bund, empathisch im Umgang mit anderen Opferfamilien. So hätte es Alix gewollt.