«Man sieht Menschen verbrennen und hört ihre Schreie»
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Kevin (17) sah Inferno-Videos:«Man sieht Menschen verbrennen und hört ihre Schreie»

Brutale Videos von Bar-Inferno auf Social Media – Jugendliche traumatisiert
«Man versucht, das Ganze zu vergessen, und dann...»

Nach dem Inferno von Crans-Montana wurden die sozialen Medien mit brutalen Videos aus der Brandnacht geflutet. Darauf zu sehen: flüchtende und schreiende, teils schwer verletzte Menschen. Die Jugend in Crans-Montana ist geschockt. Eine Jugendpsychologin ordnet ein.
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Sind traumatisiert: Kevin (17, l.) und Kelsey (18) aus dem Kanton Wallis trauern vor der Inferno-Bar Le Constellation in Crans-Montana.
Foto: Sandro Zulian

Darum gehts

  • Am 1. Januar 2026 starben 40 Menschen beim Brand in Crans-Montana
  • Ungefilterte Videos des Vorfalls verbreiten sich rasant auf sozialen Medien
  • Jugendpsychologin erklärt, was das mit den Jugendlichen macht
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sandro ZulianReporter News

Am 1. Januar 2026 herrschte im noblen Skiort Crans-Montana das nackte Grauen. Beim Grossbrand der Bar Le Constellation starben 40 junge Menschen. 116 Menschen wurden verletzt.

Längst hat sich diese Brandkatastrophe auch ins Internet verlagert. Heftige Szenen waren beispielsweise auf Tiktok schon kurz nach dem Vorfall ohne weiteres einzusehen. Menschen, die aus der Bar stürmen. An ihrer schwer verletzten Haut hängen nur noch Stofffetzen der verbrannten Kleidung. Schreie sind zu hören, sie gehen durch Mark und Bein.

Die Videos sind allgegenwärtig, weder moderiert noch gepixelt noch gefiltert. Sucht man aktiv danach oder verweilt man darauf, sorgt der Algorithmus dafür, dass noch mehr davon reingespült werden.

«Video, das schwer verbrannte junge Menschen zeigt»

In Crans-Montana, direkt vor der Bar Le Constellation, trifft Blick zwei junge Leute: Kelsey (18) und Kevin (17) ist der Schock noch anzusehen. «Ich habe ein Video gesehen, das schwer verbrannte junge Menschen zeigt. Und ich habe Schreie gehört», sagt Kevin.

«Mich haben diese Videos traumatisiert», sagt er. «Dass sie von den sozialen Medien ohne Kontrolle veröffentlicht werden, macht mich traurig.»

Im dichten Schneetreiben gedenken sie der Opfer: Kevin (17) und Kelsey (18).
Foto: Sandro Zulian

Kelsey ergänzt: «Ich weine seitdem viel.» Sie denkt an die vielen Menschen, die ihre Liebsten verloren haben: «Man versucht, das Ganze zu vergessen, und dann stösst man wieder auf ein solches Video.»

Darin sind sich die beiden einig: Auf den «Réseaux sociaux», den sozialen Medien, sollten Videos solcher Art entweder gänzlich blockiert oder zumindest mit einem Warnhinweis versehen werden. «Die Netzwerke müssen die Algorithmen blockieren», fordert Kevin.

«Sachen, die ich gar nicht sehen wollte!»

Ähnlich sehen das weitere junge Menschen, mit denen Blick sprechen konnte. «Mir wurden Sachen angezeigt, die ich gar nicht sehen wollte! Da braucht es eine Warnung, man sollte zuerst seine Zustimmung zum Schauen geben müssen», sagt eine englischsprachige Teenagerin in einem Café in Crans-Montana zu Blick. Ihre Begleiterinnen nicken zustimmend.

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Auch Rahel (20) sieht das so. Die Winterthurerin arbeitet in Crans-Montana in einem Restaurant. Blick trifft sie während der Zimmerstunde vor der Katastrophen-Bar. «Wenn es auf dem Feed aufpoppt, dann schaut man es auch», ist sie überzeugt.

Rahel (20) aus Winterthur lebt und arbeitet in Crans-Montana.
Foto: Sandro Zulian

Sie betont: «Man muss sagen: Das ist wirklich so passiert, es ist eine Tatsache, und das sind keine Fake-Videos.» Gleichzeitig sagt sie: «Die Videos sind sensibles Material, das es zu respektieren gilt. Ich finde es nicht gut, dass man ungefiltert alles hochladen kann.»

Doch auch Fake-Content ist nach der Katastrophe zuhauf zu finden. Plötzlich geisterten gestochen scharfe Aufnahmen aus dem Club zum Zeitpunkt des Brandausbruchs durch die Netzwerke. Auch die emotionale Wortmeldung einer jungen Frau bei einer Art Medienkonferenz vor einem ausgebrannten Haus, das dem Gebäude von Le Constellation gleicht, tauchte auf. Diese Szenen wurden – mutmasslich, um Klicks zu generieren – mit künstlicher Intelligenz hergestellt.

Jugendpsychologin: «Das ist reeller Schrecken»

Nachfrage bei Anuar Keller Buvoli (53). Sie ist Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie und Co-Präsidentin der interkantonalen Leitungskonferenz der Schulpsychologie Schweiz (SPILK). Zudem leitet sie den schulpsychologischen Dienst und die Fachstelle Kindesschutz im Kanton Uri.

Videos mit schockierendem Inhalt können bei Jugendlichen unterschiedliche Reaktionen auslösen: «Sensationsgefühle, Angst, Betroffenheit, sehr belastende Stressreaktionen bis zu akuten Belastungsreaktionen oder Traumafolgen.» Speziell dann, «wenn Verbrennungen, schreiende und flüchtende Menschen und Todesangst sichtbar sind».

Anuar Keller Buvoli (53) ist Kinder- und Jugendpsychologin.
Foto: zVg

Bei Crans-Montana komme hinzu, dass viele Zuschauende im selben Alter seien wie die Betroffenen. Jugendliche Gehirne könnten solche Szenen dann «wie selbst Erlebtes abspeichern». In bestimmten Hirnarealen fände zudem der Versuch statt, das Gesehene einzuordnen und zu verstehen. «Bei Jugendlichen ist es so, dass sie stärker in ihren Gefühlen gefangen sein können und es weniger gut gelingt, innerlich Abstand zu nehmen.»

Junge Menschen kämen zwar «erstaunlich gut» mit der Distanzierung von Bildern, Filmen und Games zurecht. «Aber hier handelt es sich um keine fiktiven Bilder, sondern um reellen Schrecken.»

Expertin kritisiert soziale Medien

Ein Ereignis wie in Crans-Montana sei bedeutend für Heranwachsende: «Sie erleben vieles das erste Mal und leben viel stärker im Moment, als man das im Verlauf des Erwachsenenalters tut.»

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Auch Keller Buvoli kritisiert die Video-Bombardements auf den sozialen Medien: «Fachpersonen setzen sich schon länger für klare Altersbeschränkungen, standardisierte Warnhinweise, strikte Moderation und Verbote für extreme Gewaltinhalte ein.»

Das Wichtigste nach der Katastrophe für die Expertin: «Dass Eltern mit ihren Kindern und Jugendlichen über das Gesehene sprechen, damit sie besser einordnen können, mit ihren Gefühlen nicht alleine sind und sich dadurch wieder sicher fühlen können.»

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