«Nun ist die Zeit für Gerechtigkeit»
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Sicherheitsvorsteher Wallis:«Nun ist die Zeit für Gerechtigkeit»

Walliser Sicherheitsdirektor Ganzer
«Es war wie im Krieg, einfach ohne Waffen»

Als Feuerwehrmann war er beim Busunglück 2012 im Einsatz, jetzt ist Stéphane Ganzer (50) in Crans-Montana gefordert: Der Sicherheitsdirektor des Wallis verspricht Transparenz bei der Aufarbeitung der Tragödie.
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Nach dem Brand rückte er in den Fokus: Der Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer.
Foto: Kurt Reichenbach

Darum gehts

  • Stéphane Ganzer schildert die Tragödie in Crans-Montana
  • Feuerwehr konnte Menschen retten, Brand jedoch extrem schnell und intensiv
  • Internationale Hilfe: Helikopter und Spitäler aus Frankreich, Italien, Deutschland halfen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Thomas Renggli
Thomas Renggli

Stéphane Ganzer, wann realisierten Sie, wie gravierend die Situation ist?
Stéphane Ganzer:
Ich war zu Hause bei Freunden, als mich gegen zwei Uhr morgens ein Anruf erreichte. Man sagte mir, dass es sehr schlimm sei und ich sofort nach Crans-Montana kommen müsse. Der neue Kommandant der Kantonspolizei, Frédéric Gisler, war an diesem Tag gerade erst im Amt. Es war sein erster Einsatz. Wir fuhren gemeinsam nach Crans-Montana. Als wir ankamen, war die Lage vor Ort erschütternd.

Wie erlebten Sie die Situation?
Zahlreiche Rettungs- und Einsatzkräfte waren vor Ort. Und auch viele junge Menschen, die ihren Freunden halfen, sie unterstützten. Es war chaotisch. Ich habe es als etwas erlebt, das einem Krieg gleicht – ohne Waffen, aber mit derselben Härte.

Sie waren lange Jahre Feuerwehrinstruktor …
… und Offizier bei der Feuerwehr von Siders. 2012 war ich als erster Feuerwehrmann beim schweren Carunfall mit den belgischen Kindern im Einsatz. Diese Erfahrungen prägen. Ich weiss, wie wichtig es ist, sich selbst ein Bild zu machen. Deshalb bin ich nach dem Brand gemeinsam mit der Polizei auch in die Bar gegangen, um die Lage mit eigenen Augen zu sehen und sie besser verstehen zu können.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Hatte die Feuerwehr überhaupt eine Chance, noch einzugreifen?
Der Brand entwickelte sich extrem schnell. Er begann an der Decke und breitete sich rasch aus. Die Feuerwehr konnte Menschen retten, doch der Brand selber war sehr intensiv und von kurzer Dauer. In solchen Situationen ist der Handlungsspielraum begrenzt.

Sie sind Vater. Macht ein solches Ereignis die Situation für Sie noch belastender?
Ja. Als Feuerwehrmann 2012 hatte ich noch keine Kinder. Heute ist das anders. Man zieht automatisch Parallelen zur eigenen Familie. Zudem kenne ich Menschen aus meinem Umfeld, die verletzt oder vermisst wurden. Ich erhielt Nachrichten von Eltern oder Geschwistern, die ihre Angehörigen suchen. Das ist unglaublich hart.

Kann man Krisenmanagement lernen?
Man lernt es vor allem in der Praxis. Kurz nach meinem Amtsantritt hatten wir in Blatten den Bergsturz. Das war intensiv und eine wichtige Erfahrung für uns als neue Regierung. Der Unterschied zu heute ist jedoch enorm: Damals war es eine Naturkatastrophe mit einem Todesopfer. Jetzt ist es eine kleine Bar – mit sehr vielen Toten. Dies ist menschlich und emotional nochmals eine ganz andere Dimension.

Sind die Einsatzkräfte ausreichend betreut?
Das ist ein zentraler Punkt. Polizei und Feuerwehr, Helferinnen und Helfer, Nachbarn, alle sind stark belastet. Es gibt psychologische Unterstützung. Besonders wichtig werden die kommenden Wochen sein – wenn das Erlebte verarbeitet werden muss.

In den sozialen Medien ist zu sehen, dass viele Gäste die Gefahr zunächst unterschätzt haben und nicht sofort wegrannten.
Ja, das hat mich ebenfalls erstaunt. Offenbar wurde die Situation zu spät als lebensbedrohlich erkannt. Wenn viele Menschen gleichzeitig durch wenige Ausgänge fliehen müssen, stösst jede Infrastruktur an ihre Grenzen. Die genauen Abläufe werden nun untersucht.

Waren Mängel der Bar bekannt?
Dem Kanton Wallis waren keine Probleme bekannt. Die Brandschutzkontrollen liegen in der Zuständigkeit der Gemeinden. Nach unserem Kenntnisstand wurden diese durchgeführt. Die Polizei klärt nun die Details.

Oftmals wirft man dem Wallis einen laxen Umgang mit Vorschriften vor …
Das weise ich zurück. Das Wallis hat strenge Regeln, insbesondere im Brandschutz. Als ehemaliger Gemeindepräsident kenne ich diese Abläufe gut. Solche Kontrollen werden oft als bürokratisch empfunden – sie dienen aber dem Schutz der Bevölkerung. Die Ermittlungen werden zeigen, was hier konkret passiert ist.

Wie lief die Zusammenarbeit über Kantons- und Landesgrenzen hinweg?
Sie war hervorragend. Andere Kantone stellten sofort Ambulanzfahrzeuge zur Verfügung, ebenso Helikopter – auch aus Frankreich. Präsident Macron hat persönlich Unterstützung angeboten. Spitäler in Frankreich, Italien und Deutschland signalisierten freie Kapazitäten. Diese Solidarität zeigt: Wir sind nicht allein.

Wie geht es weiter?
Schritt für Schritt werden wir diese Tragödie aufarbeiten – mit Respekt, Sorgfalt und Transparenz.

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