Darum gehts
- In Terre Sainte am Genfersee trafen Helen H.* und ihre Tochter tagsüber auf drei Einbrecher
- In der Region häufen sich Einbrüche und Homejacking-Fälle
- Eine WhatsApp-Wache mit 800 Mitgliedern soll mehr Sicherheit bringen
Es ist mitten am Vormittag, ein Tag Ende Mai. Die Sonne scheint auf die Region Terre Sainte am Genfersee – jene Dörfer zwischen Genf und Nyon VD. Wer hier wohnt, hat Geld. Gerade bei reichen Ausländern ist die Gegend beliebt. Das internationale Pflaster Genf ist nah, genauso wie die Grenze zu Frankreich. In fünf Minuten ist man mit dem Auto über der Grenze. Der Genfersee ist gesäumt von teuren Villen und Häusern. Viele Menschen sind hier auch tagsüber zu Hause.
Die drei jungen Männer hält dies aber nicht davon ab, über das Tor von Familie H.* zu klettern. Die Überwachungsaufnahmen zeigen, wie die drei Männer schnell über den Innenhof und um die Ecke des Hauses gehen. Dort wird ihre Absicht klar: ein Einbruch, mitten am Tag! Eine zweite Kamera filmt, wie die drei eines der Fenster einschlagen. Das Fenster geht mit einem lauten Knall zu Bruch. Ob jemand zu Hause ist, scheint den Einbrechern vollkommen egal zu sein.
Doch genau das ist der Fall. Helen H. (59) und ihre Tochter Maria (25) sind im Haus, respektive im Garten. Wenig später stehen die beiden Frauen den Einbrechern gegenüber.
Sicherheitsgefühl ist dahin
Monate später beschäftigt der Vorfall die Familie immer noch jeden Tag. Im Wohnzimmer des Hauses ist es dunkel, als Helen und Maria H. Blick den Vorfall schildern. «Ich traue mich nicht mehr, die Läden offen zu haben», sagt Helen H. Sie fühlt sich in ihrem Haus überhaupt nicht mehr sicher. «Allein sein geht nicht mehr, das Sicherheitsgefühl ist komplett dahin.» Tochter Maria, sie wohnt in der Deutschschweiz, fügt an: «Ich checke jeden Tag die Kameras meiner Eltern, um zu sehen, ob alles okay ist.»
Das Haus der Familie ist voller Pfefferspray. In den Garten geht Helen H. nicht mehr.
Verständlich, stehen vor ein paar Monaten die drei Einbrecher dort direkt vor ihr. «Ich war im Garten, als unser Hund laut zu bellen begann», sagt Helen H. Sie geht nachschauen. In diesem Moment knallt es laut, als die drei Männer eines der Fenster einschlagen. Im Haus hört die Tochter den Knall ebenfalls. Die beiden Frauen rennen zum Ort des Geschehens.
Maria H. sagt: «Ich habe geistesgegenwärtig die Polizei angerufen, meine Mutter aber war mir schon voraus.» An der Hausecke trifft Helen H. auf die drei Männer, ihre Tochter ist direkt hinter ihr. Die beiden Frauen beginnen die Männer anzuschreien. «Go away, go away!»
Die maskierten Gestalten zögern kurz, dann machen sie sich über das Tor wieder aus dem Staub. «Wir haben viel, viel Glück gehabt», sagen die beiden. «Nicht nur, dass die Männer nicht auf uns losgegangen sind, auch dass viele Nachbarn die Situation beobachtet haben.»
«Ein Selbstbedienungsladen»
Zu dem Verlust des Sicherheitsgefühls gesellt sich auch eine gehörige Portion Wut. «Die Behörden versagen, sie können uns nicht mehr schützen», so Helen H. «Die ganze Region gleicht inzwischen einem Selbstbedienungsladen für kriminelle Banden aus Frankreich.» Das weiss sie, weil die Männer, die in ihr Haus einbrechen wollten, tatsächlich gefasst werden konnten. «Weil einer von ihnen keine Maske trug, konnten die Männer identifiziert werden», sagt Helen H. «In einem Vorort von Paris wurden sie dann verhaftet.»
Tatsächlich häufen sich die Einbrüche und Fälle von Homejacking am Genfersee. Ende Oktober dringen mehrere Vermummte in ein Haus in Coppet VD ein. Sie bedrohen ein Ehepaar, verletzen den 69-jährigen Bewohner leicht am Kopf und flüchten mit der Beute.
Im Mai wird der vierfache F1-Weltmeister Alain Prost in seinem Haus in Nyon VD überfallen. Einer seiner Söhne wird gezwungen, den Safe zu öffnen. Die Täter flüchten. Ein klassischer Fall von Homejacking.
Der britische Millionär Robert Gibbins hat gar genug von der Schweiz. Nach einem Einbruch in seine Villa in Founex VD verlässt er wütend das Land. Einbrecher stehlen seinen 200 Kilo schweren Tresor, indem sie Innenwände einreissen.
Nachbarschaftswache gegründet
Die Bewohner der betroffenen Region Terre Sainte sind dermassen verzweifelt, dass sie sich selbst zu helfen versuchen. Ihr Mittel: eine Nachbarschaftswache auf Whatsapp. Natalie B.*, sie wohnt im Nachbardorf von Familie H., hat die Gruppe nach einem Einbruch in ihr eigenes Haus gegründet. Vier Männer drangen eines Tages in ihr Haus ein.
Ihr Mann ist oft geschäftlich unterwegs. «Dann fühle ich mich in meinem Haus in der Schweiz überhaupt nicht mehr sicher. Meine Schlafzimmertür ist doppelt gesichert, nach Einbruch der Dunkelheit gehe ich nicht mehr aus dem Haus», sagt die 65-Jährige. Da hilft es nicht, dass bei all ihren direkten Nachbarn ebenfalls schon eingebrochen wurde.
Inzwischen zählt die Nachbarschaftswache gut 800 Mitglieder. «Wir melden uns verdächtige Aktivitäten und wenn irgendwo etwas passiert», sagt B. Über 60 Einbrüche habe es innert Jahresfrist gegeben. «Das kann so nicht weitergehen!»
Polizei gefordert
Für Ärger sorgt bei Helen H. und Natalie B., dass die Behörden das Problem nicht wahrhaben wollen. «Die Polizei spielt die Sache herunter und lügt, was die Zahlen betrifft», sagt Natalie B. Auf Blick-Anfrage spricht die Waadtländer Kantonspolizei für 2025 von neun Einbrüchen in der Region, die Zahlen für dieses Jahr liegen noch nicht vor. «Das ist ein Witz», sagt Helen H.
Die beiden Frauen sind sich einig, dass etwas passieren muss. «Wir brauchen massiv mehr Kontrollen an den Grenzen und wieder eine Polizeistation in der Region», sagen sie. Das Image der Schweiz leide unter der Situation. «Es kann doch nicht sein, dass man aus dieser schönen Region deswegen wegziehen muss», sagt Helen H. Derweil gibt die Waadtländer Polizei zu der Nachbarschaftswache und dem Sicherheitsgefühl keine Stellungnahme ab. Man will aber die Präsenz verstärken.
Unterdessen hat Maria H. auf dem Tor, über das die Einbrecher geklettert sind, Zacken angebracht. «Solange die Polizei nichts tut, müssen wir uns halt selbst schützen», sagt sie. Doch es ist nicht der Schlusspunkt. Helen H. sagt: «Uns reichts, wir ziehen bald hier weg!»
* Name geändert