Darum gehts
- 40 Jugendliche starben bei Feuer in Bar in Crans-Montana am Neujahrstag
- Eltern koordinierten Beerdigungen per Doodle, 21 Opfer waren Schweizer
- Kirche mit 540 Plätzen überfüllt, über 800 Menschen kamen zur Trauerfeier
Die Zeitungen sind voll von Todesanzeigen junger Menschen. Léo, Stiven, Noa, Romain, Maxime – von den 40 Jugendlichen, die an Neujahr im Inferno in der Bar Le Constellation in Crans-Montana das Leben verloren, sind 21 Schweizerinnen und Schweizer zwischen 14 und 31 Jahren. Viele kannten sich untereinander, hatten die Silvesternacht im Walliser Skiort gemeinsam geplant. Und viele von ihnen hatten um Mitternacht ihren Müttern per Whatsapp geschrieben. Auch Trystan Pidoux: «Frohes neues Jahr Maman, ich liebe dich über alles. Sag auch allen anderen, dass ich sie liebe.» Es ist die letzte Nachricht, die der 17-Jährige auf dem Handy seiner Mutter hinterlässt. Sie ist plötzlich die letzte Spur seines Lebens und wird von Maman Vinciane nun gehütet wie ein Schatz.
Am Sonntag sitzt sie in der Kirche Saint-François in Lausanne. Umgeben von ihrer Familie, dem Vater und den Geschwistern von Trystan, muss sie Abschied nehmen von ihrem Sohn und dessen bestem Freund Guillaume. Die Eltern der beiden haben sich entschieden, die Freunde, die seit Jahren jede freie Minute zusammen verbracht hatten, gemeinsam zu Grabe zu tragen.
Per Doodle koordiniert
Tags zuvor sind in Lutry VD Zélie, Ben, Benjamin und Joaquim gemeinsam in einem Gottesdienst verabschiedet worden. Gleich sieben Kinder hat das Weinbaudorf am Genfersee in der Horrornacht verloren. Seit dem Donnerstag der vorigen Woche läuten im Wallis, in Genf, in der Waadt täglich Glocken zum Abschied von den Opfern der schrecklichen Feuersbrunst. «Wir Eltern haben die Beerdigungen per Doodle koordiniert», sagt Christian Pidoux, der Vater von Trystan. Die Vorstellung dieser Planung lässt einen erschauern – und zeigt in einem Satz das Grauen, das die Eltern der Opfer erleiden. Und wie sehr sie die Nähe der anderen benötigen. Gegenseitig besuchen sie die Beerdigungen, tauschen sich aus.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
Bereits am frühen Morgen des Unglückstags gab es erste Kontakte zwischen den Betroffenen. «Wir haben jede noch so kleine Information ausgetauscht.» Einmal sei er für einen französischen Vater nach Zürich gerast, weil dieser glaubte, sein Sohn sei dort im Spital. Selber waren sie im Unispital in Lausanne, «wo wir von Securitas aufgehalten wurden. Nicht Ärzte und Psychiater empfingen uns, sondern Securitas», sagt er empört. Sie als Eltern hätten viel zu lange auf Namen und Nachrichten warten müssen – es sei unerträglich gewesen.
540 Plätze umfasst die Kirche Saint-François in Lausanne, über 800 Menschen sind gekommen, so dass die Gedenkfeier mit Lautsprechern auf den Platz übertragen wird. Freunde und Freundinnen der beiden Jungs erinnern an Schabernack, erste Begegnungen, gemeinsame Erlebnisse. Gespielt wird das französische Chanson «Je vole», in dem es um die Abnabelung eines Teenagers von seinen Eltern geht: «Meine lieben Eltern, ich gehe, ich liebe euch, aber ich gehe, heute Abend habt ihr kein Kind mehr. Aber versteht, ich flüchte nicht, ich fliege.» Ein Text, der, gespielt an einer Beerdigung, eine andere, schreckliche Bedeutung bekommt.
«Trystan und ich hatten eine so enge Beziehung», sagt Mutter Vinciane. Seit seiner Geburt, vom ersten Moment an, sei dies so gewesen. Seine Geschwister Elyas, Tobias und Yaelle seien manchmal fast ein wenig eifersüchtig gewesen. Dabei sei die Liebe zu allen Kindern gleich gross, gleich stark. Da habe aber einfach ein spezielles Band bestanden zwischen ihr und ihrem Zweitgeborenen.
Vater Christian will, dass man das Leben seines Sohnes ehrt, ihn nicht vergisst. Er hat darum gebeten, in hellen Kleidern und elegant angezogen zu kommen. «Das hätte ihm gefallen. Er hat so intensiv gelebt, hat viele Freundschaften gehabt, war immer da für andere.» Trystan sei ein Mensch gewesen, der einen Raum eingenommen habe. «Wenn wir zusammen in einem Restaurant waren, haben ihn am Ende des Abends alle gekannt. Seine Präsenz, seine Freundlichkeit und Fröhlichkeit waren mitreissend.»
«Wie konnten sie nur?»
Er nimmt sich spürbar zusammen, Christian Pidoux, jetzt in dieser Kirche, zum Abschied seines Sohnes. Aber da ist diese grosse Wut, dieser Zorn auf die Betreiber der Bar, auf die Vertreter der Gemeinde, die sechs Jahre lang keine Kontrollen durchgeführt haben. Die Familie Pidoux hat sich inzwischen wie viele andere Betroffene einen Anwalt genommen. «Wie konnten sie nur – was haben sie uns angetan?», sagt Christian Pidoux. Noch halte er durch, aber heute Abend: «Je vais craquer – dann werde ich zusammenbrechen.»