Adolf Ogi redet nach Crans-Montana-Katastrophe Klartext
«Jetzt zeigt sich, wer wir wirklich sind»

Rasch, unbürokratisch, grosszügig: So muss die Schweiz die Opfer des Infernos unterstützen. Die Brandtragödie hat den alt Bundesrat Ogi tief erschüttert.
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In der Bar Le Constellation kam es in der Silvesternacht zur Katastrophe (hier eine Aufnahme vom 2. Januar).
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

  • Adolf Ogi fordert Solidarität nach dem Brand in Crans-Montana
  • Er schlägt einen Fonds über 200 Mio. CHF für Opfer vor
  • Das Unglück erschütterte das ganze Land und stärkte die Gemeinschaft
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Monique RyserStv. Chefredaktorin

Adolf Ogi (83) ist ein mitfühlender Mensch. Das Schicksal anderer bewegt ihn – egal, wie nah oder fern die Menschen von ihm entfernt sind.

Das Inferno von Crans-Montana hat ihn zutiefst erschüttert: Als Vater, der einen Sohn verloren hat und der genau weiss, wie tief die Verzweiflung ist. Als ehemaliger Bundesrat, der sein Land in seinem Selbstbild erschüttert und in der internationalen Kritik sieht. Als Bergler und Freund des Wallis, der die Region und seine Bevölkerung von Herzen gern hat. «Meine Gedanken und die meiner Frau Katrin sind ständig bei den Opfern, den Angehörigen, den Rettungskräften. Es ist eine Tragödie.»

«Es ist unfassbar, welches Drama sich abgespielt hat»

Am Morgen des 1. Januar habe er für einmal etwas länger geschlafen und deshalb die Mitteilungen seiner Tochter Caroline nicht gesehen, die ihn bereits ab fünf Uhr früh erreicht hatten.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Caroline und ihr Mann Sylvain führen in Montana das Restaurant Casy, und Gäste von ihnen sagten ihnen nach Ausbruch des Feuers, dass ihre beiden Kinder in der Bar Le Constellation feierten. Sofort fuhr Sylvain zum Ort der Katastrophe, half, beide Kinder des Ehepaars zu finden, und brachte sie ins Spital Sitten. «Es ist unfassbar, welches Drama sich abgespielt hat», sagt Ogi und schüttelt den Kopf.

Tags darauf seien er und seine Frau nach Crans-Montana zu Tochter und Schwiegersohn geeilt, um ihnen beizustehen. «Das ganze Dorf ist traumatisiert, alle sind vom Unglück betroffen, haben jemanden verloren, selber geholfen oder kennen Leute, deren Leben für immer verändert wurde.» Das Wichtigste sei nun, die Betroffenen zu unterstützen. «Wir müssen ihnen in der Trauer beistehen.»

Doch wie macht man das, was hilft, wenn das Kind tot ist oder schwer verletzt? «Reden, da sein, zuhören, Erinnerungen teilen», sagt der Vater von Mathias, der 2009 im Alter von nur 35 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben ist. «Die Verzweiflung der Eltern ist unermesslich», weiss Ogi und seine Augen werden feucht. Er selber sei im Trauerprozess zum Zweifler geworden, zum Suchenden, zum Fragenden. «Aber man bekommt keine Antwort. Das ist die harte Wahrheit.»

Die Bundesverfassung weist den Weg

Laut Adolf Ogi braucht es jetzt sofortige Nothilfe für Opfer und Verletzte. «Dass der Kanton Wallis alle Rettungs- und Spitalrechnungen zu sich schicken lässt, ist ein äusserst wichtiger Schritt.» Und: «Ausserordentliche Ereignisse verlangen nach ausserordentlichen Massnahmen!

«Wir stehen in der Verantwortung», sagt der 83-jährige Adolf Ogi. In seinem Heimatdorf Kandersteg findet er Ruhe und Kraft.
Foto: Kurt Reichenbach

Bei einem solchen Ereignis zeigt sich, wer man wirklich ist.» Ogi zitiert die Präambel der Bundesverfassung: «Darum einigen sich das Schweizervolk und die Kantone im Namen Gottes des Allmächtigen darauf: dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.» Genau das sei nun zu tun.

«Wir sind moralisch verpflichtet, rasch und unbürokratisch finanzielle Hilfe zu leisten.» Der alt Bundesrat schlägt einen Fonds vor, der vom Bund, dem Kanton Wallis und der Gemeinde Crans-Montana geäufnet wird. So, wie man es nach dem Attentat in Luxor gemacht habe, bei dem 38 Schweizerinnen und Schweizer getötet worden sind. 200 Millionen seien sicher nötig, das müsse aufgebracht werden.

Geld allein reiche nicht, es helfe einfach, dass sich die Betroffenen nicht mit Geldsorgen plagen müssten. Und: «Damit muss das Übernehmen von Verantwortung und eine Entschuldigung verbunden sein, fernab der juristischen Fragen. Das sind wir den Opfern und das sind wir uns schuldig.»

Ogi fordert auch eine umfassende, unparteiische und lückenlose juristische Aufklärung. «Die Kritik am Kanton Wallis, das An-den-Pranger-Stellen, finde ich unangebracht. Wir müssen die Justiz arbeiten lassen.»

Sätze wie: «Das wäre bei uns nicht passiert», bezeichnet er als überheblich. Zudem: Bei den «Ferndiagnostikern» gehe vergessen, wie professionell die Rettungskette funktioniert habe. Genauso professionell müsse nun die Aufarbeitung angegangen werden.

Gemeinschaft ist die wahre Stärke

Für Ogi ist eines klar: «Die Katastrophe hat das ganze Land in den Grundfesten erschüttert. Wir sind an einem Nullpunkt angelangt.» Daraus schöpft er aber auch wieder Hoffnung: «Die Solidarität, die ich am nationalen Trauertag gesehen und erlebt habe, hat mich tief berührt.

Das gab es in den letzten Jahren nie. Das Mitgefühl der Bevölkerung zeigt die wahre Stärke unseres Landes.» Er hoffe, die Menschen kämen sich wieder näher, erneuerten die Gemeinschaft. Das sei es, was das Land zusammenhalte. «Und es ist das, was alle mitträgt, die einen persönlichen Verlust nie verschmerzen können, aber trotzdem weiterleben wollen und müssen.»

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