Darum gehts
Die Fragen, um die es geht, sind in einem Zürcher Café auf den Tischen verteilt. «Wie beeinflusst das Handy deine Stimmung?» steht auf den Karten. Oder: «Vergleichst du dich manchmal online mit anderen? Wie wirkt sich das auf dich aus?»
Es ist ein Mittwochabend im Februar. Etwa dreissig Menschen sind zusammengekommen – vor allem Frauen, aber auch ein paar Männer zwischen Mitte 20 und Anfang 30. Ihre Smartphones haben sie am Eingang in einer grossen Korbtasche abgegeben, dem «Handy-Hotel». Sie sind aus einem einfachen Grund hier: um gemeinsam offline zu sein.
Eine Stunde lang herrscht Stille. Die Teilnehmenden sollen über ihre Neujahrsvorsätze und den Umgang mit ihrem Smartphone nachdenken. Manche schreiben eifrig in ihr Notizbuch, andere starren ins Leere. Im Hintergrund plätschert Gitarrenmusik.
Grosse Nachfrage
Die Idee solcher «Offline-Hangouts» stammt aus den Niederlanden: Aus einem ersten Treffen in einem Amsterdamer Café entstand Anfang 2024 der «Offline Club». Heute ist er an rund 20 Orten vertreten – von Oslo und Wien über London bis Bali.
Seit Ende letzten Jahres gibt es Veranstaltungen dieser Art auch in Zürich. Das Motto: «Swap screen time for real time», tauscht Bildschirmzeit gegen echte Zeit. Organisiert werden die Treffen hierzulande von Eldrid Funck (44). «Die Veranstaltungen waren von Beginn weg ausgebucht», sagt sie.
Nachfrage und Resonanz seien durchweg positiv. «Viele sind überrascht, was es mit ihnen macht, wenn sie von Fremden umgeben sind und niemand am Handy hängt», sagt Funck. Gerade weil die Situation ungewohnt sei, entstehe eine besondere Atmosphäre. «Man fühlt sich rasch verbunden.» Nach den Treffen höre sie immer wieder ähnliche Rückmeldungen: «Ich war vorher ultra gestresst und bin jetzt völlig in der Ruhe.»
Gen Z scrollt immer weniger
Weniger Bildschirmzeit, kein endloses Scrollen mehr vor dem Schlafengehen – kurz: Digital Detox. Solche guten Vorsätze sind nichts Neues. Und doch ist der Drang gerade auffallend gross, von der digitalen wieder in die analoge Welt zurückzukehren. Vor allem bei jungen Menschen.
Tatsächlich zeigen Umfragen einen Rückgang der Social-Media-Nutzung: Seit 2022 ist sie um 10 Prozent gesunken, besonders deutlich bei 16- bis 24-Jährigen. Auch in der Schweiz postet diese Altersgruppe 10 Prozent weniger, die Nutzung der sozialen Netzwerke stagniert. Bei Erhebungen bekunden vor allem jüngere Generationen das Bedürfnis, weniger am Bildschirm zu hängen. Und: Digital Detox Retreats boomen, speziell bei der Gen Z.
Der «Offline Club» ist denn auch nicht das einzige Format, bei dem das Handy bewusst zur Seite gelegt wird. Auch der «Silent Reading Rave», der in der ganzen Schweiz stattfindet, findet immer mehr Teilnehmende. Die lesen dann zwei Stunden lang in völliger Stille. Der Andrang ist inzwischen so gross, dass seit kurzem Tickets eingeführt wurden.
Rückkehr zum Analogen
Die SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser (35) setzt ebenfalls regelmässig auf Digital Detox. Kürzlich erklärte sie in einem Post, sie habe für Instagram eine tägliche Zeitbeschränkung von einer Stunde eingerichtet – gesichert mit einem Zahlencode, den sie selbst nicht kennt. Das gebe ihr viel mehr Fokus und Zeit, um zu lesen.
Beiträge dazu, wie man ein «analoges Leben» gestalten kann, häufen sich selbstverständlich auch in den sozialen Medien. Zum Beispiel, dass man Notizen einfach in ein Notizbuch schreiben kann – mit Stift und Papier! Statt Streaming-Playlists zu hören, die von Algorithmen kuratiert wurden, wird empfohlen, auf CDs und Schallplatten umzusteigen. Und Fotos sollte man nicht mit dem Handy schiessen, sondern mit einer analogen oder einer Digitalkamera.
Der Trend hat dazu geführt, dass junge Menschen auf Tiktok zeigen, was alles in ihre «analog bag» gehört: Rätselhefte, Bücher, Magazine, Strickzeug oder Malbücher. Alles, um nicht zu scrollen. Andere gehen noch weiter und legen sich ein sogenanntes Dumb Phone zu, ein Gerät, mit dem man lediglich telefonieren und SMS verschicken kann.
AI Slop statt Eskapismus
Auch die Journalistin und Autorin Anna Miller (38), Expertin für digitale Achtsamkeit, beobachtet diesen Wandel. Bereits 2019 schrieb sie in der «Zeit»: «Das digitale Leben macht uns krank, und wir wissen das. Wir müssen es beenden!»
Dass analoge Formate wie Offline-Klubs oder Lese-Raves gerade boomen, überrascht Miller nicht. «Aus einem Leben mit ein bisschen Internet ist ein Internetleben geworden», sagt sie. Ständige Erreichbarkeit, Push-Nachrichten und Chatbots machten das Digitale omnipräsent. Miller nennt es Digitalstress: «Das Netz stellt dauernd Mikroanforderungen an uns. Viele sind nicht nur übersättigt, sondern müde.»
Und: Das Internet ist längst kein unbeschwerter Fluchtort mehr. Statt Fotos von Freunden oder Ferienbildern dominieren algorithmisch optimierte Inhalte. KI-generierter «AI Slop» verstopft die Feeds, endloses Scrollen ersetzt echten Austausch. «Das Internet bekommt Fast-Food-Vibes», sagt Miller. «Will ich wirklich Stunden online verbringen, wenn ich nicht einmal weiss, ob das, was ich sehe, von einem Menschen stammt?»
Gefangen in den Gewohnheiten
Miller sieht im Wunsch nach mehr Offline-Zeit eine gesunde Gegenbewegung. «Die Welt ist so lärmig, wir brauchen geistige Ruhe.» Abschalten sei allerdings nicht nur eine Frage der Willenskraft. «Wir müssen aufhören, so zu tun, als könnten wir das allein lösen», sagt sie. Es brauche gesellschaftliche Strukturen, die es einfacher machten, offline zu sein.
Auch Eldrid Funck sagt: «Die wenigsten sagen von sich aus, dass sie zufrieden sind mit ihrem Umgang mit dem Handy.» Viele hätten den Wunsch, weniger online zu sein, fühlten sich jedoch in ihren Gewohnheiten gefangen. «Sie wollen etwas ändern, aber allein fällt es ihnen schwer.»
Beim Zürcher Offline-Hangout fragt Funck nach einer Stunde in die Runde, wie sich die Zeit ohne Smartphone angefühlt habe. Eine junge Frau sagt, sie sei überrascht gewesen, wie gross ihre Aufmerksamkeitsspanne noch sei. Sie habe konzentriert und ungestört schreiben können. Eine andere meint: Das kollektive Offlinesein sei «fast ein bisschen rebellisch».
Dann ist der offizielle Teil beendet. Manche kommen miteinander ins Gespräch, andere spielen Karten, lesen oder lösen Rätsel.
Alles ist erlaubt, nur scrollen nicht.