Darum gehts
- Deutsche warnen vor Bakterien im Leitungswasser wegen Hitzewellen, Schweiz unbesorgt
- Deutsche Gemeinden: Abkochgebote und Duschwarnungen aufgrund coliformer Bakterien und Legionellen
- 80 Prozent Schweizer Trinkwasser aus nährstoffarmem Grund- und Quellwasser, weniger Keimrisiko
Die Meldungen aus dem Nachbarland klingen beunruhigend. Im brandenburgischen Kurort Buckow warnt das Gesundheitsamt vor gesundheitsgefährdenden Keimen im Leitungswasser. Coliforme Bakterien hätten sich über das gesamte Netz verteilt. Ältere Menschen, Schwangere und Kleinkinder sollten «bis auf Weiteres nicht duschen». Ähnliche Fälle gab es in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg – überall mussten Bewohner ihr Wasser abkochen.
Deutsche Experten machen den Klimawandel dafür mitverantwortlich: Flacher verlegte Leitungen und aufgeheizte Strassenbeläge führen dazu, dass sich das Wasser in den Rohren stark erwärmt. Ab etwa 25 bis 30 Grad fühlen sich Bakterien besonders wohl – allen voran Legionellen, die beim Duschen eingeatmet werden und eine schwere Lungenentzündung auslösen können.
Schweiz: Wasserknappheit statt Keimalarm
Auch in der Schweiz ist der Sommer aussergewöhnlich heiss und trocken. Bäche führen wenig Wasser, Grundwasserstände sinken, einzelne Gemeinden müssen Wasser zukaufen. Doch von flächendeckenden Abkochgeboten wie in Deutschland ist hierzulande nichts zu hören. Die grosse Sorge dreht sich um Wasserknappheit und Spitzenverbrauch – nicht um verkeimte Leitungen.
Christos Bräunle vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW) bestätigt gegenüber Blick: «Derzeit ist keine Häufung von Verunreinigungen infolge der Hitze bekannt.» Zwar gelte grundsätzlich: «Je höher die Wassertemperatur, desto mehr steigt das Risiko für mikrobiologische Verunreinigungen.» Doch solche Probleme könnten das ganze Jahr über auftreten, auch im Winter. Ob Hitzeperioden künftig zu mehr Fällen führen, sei «schwer zu sagen».
Klare Regeln für die Wassertemperatur
In der Schweiz gibt es klare technische Vorgaben: Im öffentlichen Verteilnetz draussen sollte das Wasser nicht über 20 Grad steigen, in der Hausinstallation nicht über 25 Grad. Diese Grenzwerte sollen verhindern, dass sich Keime unkontrolliert vermehren – insbesondere Legionellen in warmen, selten durchflossenen Leitungen.
Das Problem ist der Branche bekannt. Man behalte «die Sache im Auge» und erwäge bei Bedarf mehr Kontrollen, so Bräunle. Doch von einer akuten Krise könne keine Rede sein.
Legionellen: Mehr Fälle im Sommer – aber warum?
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) registriert seit Jahren einen deutlichen Sommer-Peak bei der meldepflichtigen Legionärskrankheit. Die meisten Fälle treten im August und September auf. Mediensprecher Simon Ming erklärt gegenüber Blick: «Die Meldedaten zeigen seit Jahren eine ausgeprägte Saisonalität mit höheren Fallzahlen in den Sommermonaten.»
Die Legionärskrankheit (Legionellose) ist eine schwere Form der Lungenentzündung, die durch das Einatmen von Bakterien der Gattung Legionella verursacht wird. Die Ansteckung erfolgt über feinste Wassertröpfchen (Aerosole), beispielsweise beim Duschen oder durch Klimaanlagen. Betroffene leiden typischerweise unter hohem Fieber, Schüttelfrost, starkem Husten und teilweise Durchfall.
Die Legionärskrankheit (Legionellose) ist eine schwere Form der Lungenentzündung, die durch das Einatmen von Bakterien der Gattung Legionella verursacht wird. Die Ansteckung erfolgt über feinste Wassertröpfchen (Aerosole), beispielsweise beim Duschen oder durch Klimaanlagen. Betroffene leiden typischerweise unter hohem Fieber, Schüttelfrost, starkem Husten und teilweise Durchfall.
Ob besonders heisse Sommer zusätzlich zu mehr Erkrankungen führen, könne das BAG aus den Daten aber nicht ableiten. Noch wichtiger: Bei den meisten Fällen lasse sich die konkrete Infektionsquelle gar nicht eindeutig bestimmen. «Da die Infektionsquelle bei den meisten gemeldeten Fällen von Legionärskrankheit nicht eindeutig bestimmt werden kann, ist auch keine Aussage dazu möglich, auf welche Quellen die Erkrankungen überwiegend zurückzuführen sind», so Ming.
Legionellen können in verschiedensten wasserführenden Systemen vorkommen – von Warmwasserinstallationen über Kühltürme bis zu Wellnessanlagen. Ohne klare Rückverfolgung bleibt offen, wo sich die Betroffenen angesteckt haben.
Warum die Schweiz besser dasteht
Ein entscheidender Vorteil der Schweiz liegt in der Herkunft ihres Trinkwassers: Rund 80 Prozent stammen aus Grund- und Quellwasser, nur 20 Prozent aus Oberflächenwasser wie Seen. «In der Schweiz haben wir den Vorteil, dass die Qualität besonders beim Quellwasser sehr hoch ist und keine Aufbereitung benötigt», erklärt Bräunle.
Noch wichtiger: Das Schweizer Grund- und Quellwasser ist relativ nährstoffarm. «Das bedeutet, dass Keime und Bakterien auch kaum ‹Futter› haben und sich dadurch auch nicht in unzulässiger Weise vermehren können, selbst wenn die Temperatur ein Keimwachstum begünstigen würde», so Bräunle. In Deutschland könnte das Trinkwasser nährstoffreicher sein – was bei höheren Temperaturen schneller zu hygienischen Problemen führen kann.