Die Schweiz ist die erfolgreichste Selbsthilfegruppe der Welt. Auf unwegsamem Gelände ohne Meereszugang und Bodenschätze hat sich die Eidgenossenschaft im Windschatten der Geschichte viel Freiheit und Wohlstand erarbeitet. Mit dem Erfolg richtete sich ein nationales Selbstverständnis ein: Man will unauffällig bleiben, sich nicht in fremde Händel einmischen, sich als Vermittler anbieten – die Schweiz als neutrale wirtschaftliche Mittelmacht im Hintergrund.
Am Mittwoch durchbrach ein Knall diese Ruhe. Der Hammer der Weltpolitik sauste nieder. Und plötzlich stand die Schweiz im grellen Lampenlicht. Am Weltwirtschaftsforum übernahm US-Präsident Donald Trump (79) die Bühne. Damit war es vorbei mit dem Floskelzirkus in Davos GR, mit dem gemeinsamen Zelebrieren des bunt lackierten Leerlaufs. Die Zeichen standen auf das knallharte Durchsetzen der eigenen Interessen.
Panoptikum von Trumps Denk- und Lebenswelt
Es war nicht der Trump der ersten Amtszeit, der im Bündnerland für 48 Stunden sein Lager aufschlug. Es war Trump 2.0, gesegnet mit dröhnendem Narzissmus und dem Furor einer politischen Agenda, die er zuvor während vier Jahren vorbereitet hatte. Der Diet Coke trinkende Politiker mit dem Hunger eines T-Rex bewirtschaftet simultan mehrere Brandherde: Innenpolitisch stehen sich in den Vereinigten Staaten unversöhnliche politische Lager gegenüber, die rechtsstaatlichen Institutionen stehen unter Dauerbeschuss, und die republikanische Partei wird von Trump beinahe absolutistisch dominiert.
Aussenpolitisch versucht der Tycoon von Nahost über die Ukraine bis Venezuela den Globus neu zu richten. Trumps 100-minütige Rede war Reality-TV-tauglich. Nicht wenige hochkarätige Zuhörer im Saal schrumpfen zu Claqueuren. Der Stargast gewährte einen Einblick in das Panoptikum seiner Denk- und Lebenswelt, die eine Art Hieronymus-Bosch-Landschaft ist, in der sich Figuren tummeln wie sein Amtsvorgänger «Sleepy Joe», die muslimische Abgeordnete Ilhan Omar (43), demokratische Wahlfälscher und viele, viele Bösewichte auf der Welt, denen er das Handwerk legte.
Der Bundesrat im Auge des Sturms
Dank des Besuchers aus Washington hat die weltpolitische Umwälzung in dramatisch verdichteter Weise den Bündner Skiort ergriffen. Nie war Fomo stärker, «Fear of Missing Out», die Angst, etwas zu verpassen. Und mitten im Gravitationszentrum, im Auge dieses Sturms der schöpferischen Zerstörung, befand sich der Bundesrat als Vertreter des Gastgeberlandes.
Die Landesregierung musste den Balanceakt wagen: 2025 war für Bundesbern das Jahr des 39-Prozent-Zollschocks und des Eiertanzes um den unberechenbaren Zampano; nach zähen Verhandlungen, nach einem Besuch von Wirtschaftsführern mit goldenen Gaben im Weissen Haus und milliardenschweren Zusagen der Schweizer Pharma-, Industrie- und Dienstleistungsbranche stand ein fragiles Übereinkommen: Washington zeigte Gnade und senkte die Zölle auf 15 Prozent. Die Deadline im März für einen Deal rückt näher, die Verhandlungen laufen.
Keine falsche Bewegung gegenüber Trump
Ist Amerika aber noch ein verlässlicher Partner? Gibt es überhaupt noch Verlässlichkeit unter Staaten? Und wie wichtig sind wir Trump eigentlich? Der US-Präsident und seine Entourage sendeten wenig schmeichelhafte Signale aus. Er machte sich in seiner Rede über Finanzministerin Karin Keller-Sutter (62) und ihr damaliges Telefonat lustig («Sie sagte: ‹Nein nein nein, das können Sie nicht machen!›») und stellte die tollkühne Behauptung in den Raum, dass die Schweiz nur dank Amerika existiere. Sein Wadenbeisser, Handelsminister Howard Lutnick (64), watschte in brachialer «America First»-Manier ganz Europa ab, und Finanzminister Scott Bessent (63) mokierte sich gegenüber US-Medien über das Essen in der Schweiz: «Im Zweifel ernähre ich mich lieber von Insekten.» Nie war Gastrokritik politischer.
Die alte Weltordnung scheint auseinanderzubrechen, der neutrale Kleinstaat Schweiz muss zwischen den entfesselten Kräften Kurs halten. Gleichzeitig gilt es, gegenüber Trump mit seiner immensen politischen Wasserverdrängung keine falsche Bewegung zu machen. Die Amerikanisierung des WEF wurde darum ebenso wenig kritisiert wie Trumps Grönland-Manöver oder sein autokratisches Gehabe. Hinzu kommt Trumps ziemlich dreister Akt, das WEF umzufunktionieren und auf Schweizer Boden mit seinem Friedensrat eine Art Gegen-Uno zu gründen.
Die Schweiz unter dem Stars-and-Stripes-Banner
Bezeichnend ist ein Treffen einer Dreierdelegation des Bundesrats mit Trump im Anschluss an dessen Auftritt. «Davos ohne Sie wäre nicht wirklich Davos», umgarnte Bundespräsident Guy Parmelin (66) den hohen Gast. Die Äusserung löst in der Schweiz eine Debatte aus: Ist dieses Verhalten kluge Taktik oder Unterwürfigkeit? «Liebe Welt, entschuldigt bitte unsere rückgratlose Regierung», polterte SP-Co-Präsident Cédric Wermuth (39) in den sozialen Medien. Mitte-Nationalrat Gerhard Pfister (63) tadelt die «unnötige Schmeichelei». Aus Parmelins Partei, der SVP, ertönt hingegen Lob: Der Bundespräsident habe gegenüber Trump den richtigen Ton gefunden.
Worin sich Gegner und Anhänger bei diesem exzentrischen US-Präsidenten einig sind: Er beherrscht die Agenda. Der britisch-amerikanische Starhistoriker Niall Ferguson (61) beobachtete die Szenerie in Davos genau. Er schreibt in einem aktuellen Artikel («Wie Trump Davos gewann») auf dem Portal «Free Press», Trump habe «noch nie zuvor einen Einzelnen gesehen, der diesen riesigen Basar der Mächtigen, der Reichen, der Berühmten und der Wichtigtuer so vollständig beherrscht». Die Schweiz stand in der vergangenen Woche unter dem Stars-and-Stripes-Banner; ein Viertel der WEF-Besucher reiste aus den USA an, und der neue Co-Chef des Forums, der New Yorker Blackrock-Gründer Larry Fink (73), hat via «Financial Times» angeblich bereits alternative WEF-Standorte ausserhalb der Schweiz ins Spiel gebracht.
Journalisten stellten nur Fragen zu Grönland
Wie sehr Trump die öffentliche Agenda dirigiert, zeigte sich am Mittwoch nach seiner Rede. Der angereiste Pulk der Weltpresse wartete den Präsidenten ab und löcherte ihn mit Fragen. Was auffiel: Die Journalisten thematisierten fast ausschliesslich Grönland, das Trump zuvor als «schönes, grosses Stück Eis» bezeichnet hatte. Niemand stellte eine Frage zu den Epstein-Akten, zu Minnesota, kaum jemand hakte wegen der Ukraine nach, und völlig unerwähnt von den Reportern blieb seltsamerweise das Thema Iran.
Niall Ferguson hält den angezettelten Grönland-Streit, der für ein tiefes transatlantisches Zerwürfnis sorgte und in Davos in eine Einigung mit den Nato-Ländern mündete, auch für ein trumpsches Ablenkungsmanöver, ähnlich einem Magier, der die Aufmerksamkeit des Publikums auf seine linke Hand zieht, während er mit seiner rechten rasch die Jasskarte auswechselt. Ferguson sagt: «Ich vermute, Trump hat Grönland deshalb zum Hauptthema in Davos gemacht, um europäische Staats- und Regierungschefs von einer Einmischung in die amerikanische Nahost- und Osteuropapolitik abzuhalten.» Er stelle «die Hypothese auf, dass der ganze Wirbel um Grönland ein klassisches Beispiel für trumpsche Maskierung war».
Kommt es zum Militärschlag gegen den Iran?
Tatsächlich bewegten die USA einen massiven Teil ihrer Streitmacht in Richtung Persischer Golf, während die Welt in Davos über Grönland stritt. Der US-Flugzeugträger Abraham Lincoln befindet sich laut «Wall Street Journal» bereits kurz vor dem Ziel. Ob es tatsächlich zu einem Militärschlag gegen die Mullahs kommt, wie sich viele oppositionelle Iranerinnen und Iraner von Trump erhoffen, oder das Ganze nur eine Drohkulisse für einen Deal ist, wird sich wohl bald weisen.
Währenddessen haben Schwiegersohn Jared Kushner (45) und Sondergesandter Steve Witkoff (68) die Vertreter von Russland und der Ukraine zu einem Treffen in Abu Dhabi geladen, das derzeit stattfindet. Das beweist, dass Trump, trotz seines schrillen Entertainments, eine klare Strategie verfolgt und imstande ist, seine Ziele zu erreichen. In dieser neuen globalen Hackordnung allerdings stehen kleine und mittelgrosse Staaten wie die Schweiz vor der Herausforderung, nicht zwischen den Blöcken aufgerieben zu werden. Mitte-Politiker Gerhard Pfister sagt im Interview: «Wir stellen gerne die Hotels zur Verfügung und meinen, dass uns dadurch eine besondere Rolle zusteht.» Diese Haltung alleine reicht nicht mehr für die Alpenrepublik, die lange und gut von der Friedensdividende lebte. Die Selbsthilfegruppe Schweiz ist mehr gefordert denn je.
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