Prozess um Wellhorn-Lawine
Sind die Bergführer schuld am Tod von Emily F. (†18)?

Am 21. März 2023 riss eine Lawine am Wellhorn zwei Schüler in den Tod. Am Mittwoch müssen die Tourleiter in Thun BE vor Gericht. Der Staatsanwalt wirft ihnen vor, eine gefährliche Abfahrtsroute gewählt zu haben.
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Die Lawine am Fusse des Wellhorns. Sie kostete zwei junge Menschen das Leben. Am Mittwoch stehen die beiden Tourleiter wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht.
Foto: KANTONSPOLIZEI BERN

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Tourleiter stehen am Mittwoch wegen tödlicher Lawine 2023 vor Gericht in Thun
  • Gutachten: Risiko der Lawine war erhöht, Route trotzdem gewählt
  • Es drohen bis zu drei Jahre Haft für die Tourenleiter
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Beat MichelReporter

Die fatale Lawine vom 21. März 2023 löste sich während der Abfahrt vom Gipfel des Wellhorns bei Meiringen BE. Nachdem die erste Abfahrt gut geklappt hatte, entschied sich eine Gruppe der internationalen Schule «École d’Humanité» zu einem zweiten Aufstieg zur «Gstelliwang». Ein Entscheid, der für einen Schüler (†18) aus England und die US-Amerikanerin Emily F.* (†18) tödlich enden sollte.

Die beiden Leiter der Tour müssen jetzt vor das Regionalgericht Oberland in Thun BE. Ihnen wird fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Die zentrale Frage des Verfahrens: Haben die beiden erfahrenen Schweizer Bergprofis eine zu gefährliche Route ausgesucht? Dieser Meinung ist jedenfalls der Staatsanwalt in der Anklage. Er stützt sich dabei auf das Gutachten des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF).

Von den Angehörigen wird die Mutter der verunglückten Emily F. am Prozess teilnehmen. Sie ist aus den USA angereist. Die Familie des 18-jährigen Opfers aus England hat sich entschuldigen lassen. Sie wird vom gleichen Opferanwalt vertreten wie die Familie aus den USA.

Zu steiles Gelände

Die Schüler sollten sich damals rechts von der Bergführerspur halten, so die Anklage. Als Emily F. und ein britischer Mitschüler die steilere Hangpartie erreichten, löste sich die Lawine. Die Schneemassen erfassten die beiden und rissen sie über eine mehrere Hundert Meter steil abfallende Felswand. Sie kamen erst 800 Höhenmeter weiter unten zum Stillstand. Beide waren sofort tot.

Wie die «SonntagsZeitung» schreibt, können die SLF-Gutachter den Entscheid, einen rund 40 Grad steilen und exponierten Hangbereich zu befahren, nur schwer nachvollziehen. Im Lawinenbulletin des Tages wurde genau vor einer solchen Konstellation gewarnt. Es bestand ein «relativ hohes Risiko einer Lawinenauslösung».

Opferanwalt: «Gutachten spricht deutliche Sprache»

Der Anwalt der vier Privatkläger, Max Berger, hofft denn auch auf gute Chancen für eine Verurteilung. Er sagt auf Anfrage von Blick: «Das Gutachten des SLF spricht eine deutliche Sprache. Der Tourguide und der Bergführer haben insbesondere bei der zweiten Abfahrt gleich mehrere schon damals erkennbare Fehlentscheide getroffen und damit das Leben der jungen Menschen aufs Spiel gesetzt.»

Bei einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung müssen Bergführer und Tourguide mit bis zu drei Jahren Haft rechnen.

Die Eltern hoffen, dass sie einen Schuldspruch erleben dürfen, sagt Anwalt Berger weiter. «Es ist ein wichtiger Teil bei der Verarbeitung des Verlustes ihres Kindes. Sie erhoffen sich noch immer Antworten auf viele Fragen.»

«Ich wusste, dass Emily sofort tot war»

Berger kämpft auch für eine finanzielle Entlastung der Angehörigen. Bis jetzt biss er auf Granit. Er sagt: «Die Bergführer und die Schule als Veranstalterin haben die gleiche Haftpflichtversicherung. Sie hat bis jetzt noch keinen Rappen bezahlt. Sie sagt, dass sie auf das Urteil warten wolle. Die Angehörigen hatten in den dreieinhalb Jahren noch keine finanzielle Entschädigung.»

Die Eltern der verstorbenen Emily F. durchliefen seit der tödlichen Lawine eine schreckliche Zeit. Wie sie gegenüber der «Washington Post» erzählten, reisten sie weniger als 24 Stunden nach dem Anruf der Berner Behörden von Colorado (USA) ins Berner Oberland.

Sie beteiligten sich an der Suche und flogen in einem Helikopter über die Schneemassen. Der Vater hat 20 Jahre Erfahrung als Pistenretter in Vail in den Rocky Mountains. Mit Blick auf die Felswand sagte er: «Ich wusste, dass Emily sofort tot war.»

Beschuldigter: «Sache, die niemals abgeschlossen sein wird»

Den jungen Engländer hatten die Retter dank Transponder bereits geortet und tot geborgen. Ihre Tochter blieb vorerst verschwunden, von ihrem Sender fanden die Retter kein Signal. Emilys Körper wurde erst drei Monate später in einem Fluss bei der Rosenlauischlucht gefunden.

Einer der Beschuldigten äussert sich gegenüber Blick und gibt an, vom Tod der beiden Schüler stark getroffen worden zu sein. Sein eigener Sohn sei bei der fatalen Tour dabei gewesen. Der Angeklagte schreibt: «Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht bei den verunglückten Jugendlichen und dem Ereignis bin. Jetzt folgt endlich der juristische Abschluss einer Sache, die niemals abgeschlossen sein wird.»

Der Prozess am Regionalgericht Oberland in Thun beginnt am Mittwoch um 08.30 Uhr. Blick berichtet live.

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