«Lieferwagen mit Maskierten fuhr vor Mitternacht vor»
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Mediensprecher Stapo SG Kohler:«Lieferwagen mit Maskierten fuhr vor Mitternacht vor»

Aufruhr in St. Gallen – Kirchenbesetzer rauben Anwohnern den Schlaf
«Das ist einfach eine riesige Frechheit»

In der Nacht auf Sonntag kam es in der Stadt St. Gallen zu einem grösseren Polizeieinsatz. Der Grund: Eine unbekannte Gruppe wollte die St. Leonhardskirche besetzen. Anwohner fühlten sich davon gestört und konnten nicht schlafen.
Publiziert: 10:41 Uhr
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Aktualisiert: 15:24 Uhr
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Die Kirche in St. Gallen bei Nacht mit Transparent.
Foto: Stadtpolizei St. Gallen

Darum gehts

  • Nächtlicher Lärm durch Demonstration stört Bewohner in St. Gallen
  • Aktivisten protestierten gegen 20 Jahre lang ungenutzte St. Leonhardskirche
  • Kirche wurde für 40'000 Franken gekauft, bleibt seitdem ungenutzt
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

«Die jungen Menschen machten die ganze Nacht Lärm, betranken sich und schrien herum. Das ist einfach eine riesige Frechheit.» Mit diesen Worten meldet sich ein Leserreporter am Sonntagmorgen bei Blick. Er konnte nicht schlafen, weil vor seiner Wohnung in der Nacht auf Sonntag eine «Demonstration» stattgefunden hat.

Laut dem Leserreporter hat sich diese Szene an der St. Leonhardstrasse in St. Gallen ereignet. «Es begann nach Mitternacht und dauerte bis 6 Uhr morgens. Die Aktion hat für das Quartier eine grosse Belästigung dargestellt.» Bei den Teilnehmern der Versammlung habe es sich laut dem Leser um linksorientierte Personen gehandelt.

Er kann nicht verstehen, warum man dem Treiben nicht sofort ein Ende gesetzt habe. «Es gibt Leute, die sich auf eine Prüfung in der kommenden Woche vorbereiten müssen. Andere müssen zur Arbeit.»

Einige Teilnehmer drangen in Kirche ein

HIntergrund der Versammlung war eine versuchte Besetzung der St. Leonhardskirche. Die unbekannte Gruppe mit der Unterschrift «Familie Hart» protestiert dagegen, dass die Kirche angeblich seit 20 Jahren nicht mehr belebt worden sei. Die E-Mail, in dem sich die Menschen als «grosses Trüppchen» beschreiben, liegt dem «Tagblatt» vor. Die Kirche stehe seit 20 Jahren leer. Sie sei damals für nur 40'000 Franken gekauft worden. Der Winterthurer Architekt Giovanni Cerfeda habe sie erworben und versprochen, ein «Kultur- und Eventzentrum» zu errichten. «Leider ist bis heute nichts passiert», schreibt die Gruppe. «Wir nehmen Herrn Cerfeda beim Wort und wollen ihn unterstützen.»

Offenbar gelang es mehreren Hausbesetzern in der Nacht tatsächlich, in die Kirche einzudringen. Die Gruppe beschreibt ihr Handeln als «bisschen unüblich, aber moralisch richtig und nötig».

«Völlig daneben»

Am folgenden Morgen erinnert nichts an die versuchte Hausbesetzung – ausser Polizisten vor der Kirche, wie unser Blick-Reporter berichtet. Die Stadtpolizei hat die Kundgebung bereits in der Nacht begleitet und später aufgelöst.

«Gehen Sie auch an den Brunch?», fragt eine Anwohnerin die anwesenden Polizisten scherzhaft, während sie an der Kirche vorbeigeht. Sie meint damit die mittlerweile wieder zurückgezogene Einladung der Aktivisten zum Zmorge und zur Medienkonferenz. Sie wurde in der Nacht von der Aktion geweckt. «Ich dachte mir: Was ist jetzt das für ein Krawall?», sagt sie gegenüber Blick über die nächtliche Ruhestörung der Besetzer. Sie findet die Aktion völlig daneben und rät den Aktivisten: «Stören Sie doch den Besitzer der Kirche mitten in der Nacht. Das würde mehr bringen.»

«Ein Erfolg für die Stadt»

Die Stadtpolizei St. Gallen erklärt in einem Communiqué: «Am Samstagabend kurz vor Mitternacht wurde der Stadtpolizei St. Gallen gemeldet, dass sich eine Personengruppe Zugang zur Kirche St. Leonhard verschaffe. Die teils maskierten Personen sollen mit einem Lieferwagen vorgefahren, ein Türschloss aufgebrochen und sich so Zutritt zur Kirche verschafft haben.» Es seien auch Social-Media-Aufrufe kursiert, wonach man sich vor Ort einfinden und sich mit den Kirchenbesetzenden solidarisieren soll. «Schliesslich befanden sich um die Kirche St. Leonhard rund 50 Personen, und es kam zu Provokationen gegenüber den Einsatzkräften der Polizei.»

Der Eigentümer habe die Räumung der Kirche beantragt. Die Stadtpolizei St. Gallen verhandelte daraufhin mehrere Stunden mit der Besetzergruppe und erreichte schliesslich, dass diese die widerrechtlich besetzte Kirche kurz nach sechs Uhr verliess und sich einer Personenkontrolle unterziehen liess. Der Eigentümer der Kirche stellte zuvor in Aussicht, auf eine Anzeige zu verzichten, sofern kein Sachschaden entstanden sei respektive der bereits bekannte Sachschaden durch die Verursacher übernommen werde. Dabei handelt es sich nach ersten Erkenntnissen um ein aufgebrochenes Schloss, als sich die Personengruppe Zutritt zur Kirche verschaffte.

Miriam Rizvi (24), die im Juli 2022 wegen Sachbeschädigung und Schmierereien an einer Restaurantfassade festgenommen wurde, spricht gegenüber Blick für die Besetzer: «Sie haben die Kirche besetzt, um einen kulturellen Freiraum zu ermöglichen. Die Polizei hat die Kirche umstellt. Damit die Teilnehmer die Kirche verlassen konnten, musste ein Dokument unterschrieben werden. Der Besitzer hat auf eine Strafverfolgung verzichtet, weil keine Sachbeschädigung stattgefunden hat.» War die Aktion für die Besetzer ein Erfolg? «Ich sehe die Aktion als Erfolg für die Stadt», so Rizvi. «Seit 20 Jahren gibt es hier eine Nulltoleranz gegenüber Besetzern und jetzt haben wir es wirklich mal geschafft, in ein Gebäude hineinzugehen und ein politisches Statement zu setzen.» Die Aktivisten erhoffen sich, dass es künftig Freiräume in der Stadt St. Gallen gebe, für junge und queere Menschen. «Sie hoffen, dass sie für sich Raum einnehmen und ihre Lebensweise weiterführen können.»

«Wir sehen die Aktion als Erfolg»
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Miriam Rizvi (24):«Wir sehen die Aktion als Erfolg»

Kircheneigentümer wendet sich per Brief an Besetzer

Kurz vor 14 Uhr hat sich nun auch der Kircheneigentümer Cerfeda zur Aktion geäussert. Mit folgenden Worten wendet er sich an die Hausbesetzer. 

Liebe Hausbesetzer

Die Mail, die Ihr gesendet habt, konnte ich erst jetzt lesen. Ich wurde heute Nacht mit eurer Aktion durch die Stadtpolizei St. Gallen konfrontiert, ohne dass ich über den Grund eurer Besetzung informiert war. Die Polizei hat entsprechend gehandelt und die Kirche geräumt. Alle entsprechenden Aufwendungen habt Ihr, als Besetzter, zu verantworten. Den Inhalt eures Schreibens kann ich nachvollziehen, eure Aktion aber nicht. Wieso hat man mit mir nie Kontakt aufgenommen. Ihr hättet direkt erfahren können, wo es genau steckt, wieso es im Moment nicht weiter geht.

Gerne sitze ich nach meinen Ferien ab 21. Sept. 2025 mit Euch zusammen, damit Ihr näheres über das Projekt erfährt und wir gemeinsam, konstruktiv diskutieren können. Warte gespannt auf Terminvorschläge eurerseits.Wünsche Euch allen trotzdem einen schönen Sonntag.

Sonnige Grüsse

Giovanni Cerfeda

In einem weiteren Statement von Cerfeda heisst es, er sei erst spät über die Besetzung informiert worden. «Ich bin für konstruktive Umnutzungsvorschläge offen. Seit fünf Jahren liegen meine eigenen Projekte auf dem Tisch, doch leider hält mich die Stadt St. Gallen mit ihrer in Eigenregie geplanten Velorampe über meinen Kirchengarten auf Trab. Erst muss diese Baustelle beseitigt werden.»

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