Darum gehts
- Andi Fontanesi sorgt im Kuhkostüm am Pier 39 in San Francisco für Aufsehen
- Der Winterthurer pflegt seit über 20 Jahren die Kuh-Tradition an der WM
- Die Kuh der Nation freut sich auf eine schöne WM und schickt Grüsse in die Heimat
Mitten im Interview passiert es. «What exactly is going on here?», fragt ein vor Coolness strotzender Security-Angestellter am Pier 39. Er trägt Sonnenbrille und Schnauz, sieht fast aus wie ein Polizist und will wissen, warum ein Mann als Kuh verkleidet mit einer riesigen roten Viehglocke am Hintern und einem grossen Euter aus Plüsch vorne bei jedem Schritt so einen Heidenlärm veranstaltet.
Fragend schaut Nati-Superfan Andi Fontanesi (59) den Blick-Reporter hinter der Kamera an. Dann beginnt er, auf Englisch zu erklären: «Ich bin Fan der Schweizer Nationalmannschaft. Verstehen Sie? Und er ist von einer bekannten Schweizer Zeitung.»
Mit dieser Antwort gibt sich der Sicherheitsmitarbeiter am Pier zufrieden. Nach ein paar gemurmelten «Okays» schleicht er wieder davon und lässt die Kuh und den Reporter in Ruhe. «Hemmer dä au no abgfertigt», sagt Fontanesi grinsend. «Das sind Amerikaner. Denen fehlt die Fussballkultur komplett. Die wissen gar nicht, was wir hier machen», sagt er kopfschüttelnd. «Das Verständnis fehlt ihnen. Wir sind hier nicht beim American Football, wir sind hier beim Fussball!»
Die Winterthurer Kuh aus Brasilien und Sutters Zeh
Der Mann mit dem lauten Kostüm wohnt in Brasilien und stammt ursprünglich aus Winterthur ZH. Für ihn ist diese Weltmeisterschaft gewissermassen ein «full circle», wie der Amerikaner sagen würde: Der Kreis schliesst sich. Fontanesis erste WM war ebenfalls in den USA, 1994. Er schwelgt in Erinnerungen: «Damals sind wir in Washington rausgeflogen, weil die Spanier einen Penalty bekamen. Alain Sutter war der Fuss der Nation!»
Der heutige Sportchef beim Grasshopper Club Zürich brach sich an dieser legendären WM vor 32 Jahren im Startspiel gegen die Gastgeber den kleinen Zeh. Mithilfe von Spritzen und viel Durchhaltevermögen avancierte er zum Nati-Überflieger. Bis er beim schicksalsträchtigen Achtelfinal gegen die Spanier schon beim Aufwärmen kaum mehr gehen konnte. Sutter wurde nicht aufgestellt, die Schweiz verlor die Partie mit 0:3 und wurde aus dem Turnier gekegelt.
So etwas soll an dieser WM nicht geschehen, sagt Fontanesi: «Dieses Mal kommen wir ein bisschen weiter!» Für ihn ist klar: Im Achtelfinal muss eine Topleistung her. «Und dann, dann liegt etwas drin», sagt er. Seine Augen glänzen.
Geschichten, die nur eine WM schreiben kann
Fontanesi und sein Kuh-Kollege Didi Baltensperger haben schon an vielen WM in der Vergangenheit für Furore gesorgt. Baltensperger beispielsweise war an der WM 2022 in Katar derart beliebt, dass er fast im Akkord abwechselnd Interviews geben und Selfies machen musste. Als Blick Fontanesi interviewt, hatte die zweite Kuh Baltensperger schon früher Stalldrang und schonte sich für das erste Gruppenspiel vom Samstag.
Die beiden Kühe gehen schon seit über 20 Jahren so an die WM, erzählt der Superfan: «Ich und mein Kollege gehen praktisch an jede WM, bei der die Schweizer dabei sind. Denn die Kuh ist das Schweizer Nationaltier. Die Amerikaner wissen das nicht», sagt Andi und lacht. Eine «Bieridee» sei die Verkleidung damals gewesen. Sie hat sich nun zu einer Tradition entwickelt, die sich bis heute grosser Beliebtheit erfreut.
Die Kostüme sind handgemacht, aber: «Ich bin kein Näher. Ich habe nur die Anweisungen und Inputs gegeben, und die Näherin hat es dann so gemacht, wie ich das wollte.» Fontanesis Kuhglocke ist knallrot, darauf prangt ein weisses Schweizerkreuz. Sie wirkt brandneu. Das war auch schon anders. 2022 musste Fontanesis Kollege Baltensperger seine geborstene Glocke kurzerhand in einem katarischen Schweisswerk wieder zusammenflicken lassen. Geschichten, die nur eine WM schreiben kann.
«Augen zu und durch»
Mit der WM im Gastland USA kommen heuer aber auch kritische Stimmen und Negativschlagzeilen. Ticketpreisexplosionen, Gier, politische Spannungen, Visaprobleme. Andi Fontanesi winkt ab: «Ich muss ja mit dem Trump nicht essen gehen!» Und auch bei den Preisen hat Fontanesi eine sehr pragmatische Haltung: «Es wird immer teurer, ja. Aber wenn man es macht, dann muss man einfach die Augen zumachen und durch. Denn das sind Erinnerungen, die bleiben.» Er bringt ein Beispiel: «Wenn ich an 1994 denke, denke ich an Alain Sutter und an die WM. Ich weiss aber nicht auf Anhieb, wo ich 2000 in den Ferien war. Aber an die WM-Jahre kann ich mich immer erinnern!»
Dass die Amerikaner Grossanlässe können, daran zweifelt Andi Fontanesi nicht. «Die machen das sicher gut, sie sind es sich gewohnt.» Er hofft auf jeden Fall auf die Nachsicht des Einlasspersonals am Stadioneingang: «Vor allem mit meiner Glocke! Dass die ins Stadion reinkommt, ist wichtig.» Er wünscht allen Schweizern, auch in der Heimat, eine schöne WM. «Geht an die Public Viewings, läutet, fant mit!»
Dann zottelt die Kuh Andi Fontanesi wieder ab. Er bahnt sich unter ohrenbetäubendem Kuhschellenklang seinen Weg durch Touristen und Passantinnen, die ungläubig stehen bleiben oder sich die Ohren zuhalten. Viele zücken ihre Handys und filmen die unglaubliche Szene, amerikanische Jugendliche lachen Tränen.
Wenige Meter weiter kehren zig Nati-Fans in einem Grillrestaurant ein. Hier ist der Treffpunkt der Schweizer Supporter. Als sie den Kuh-Fan sehen – und vor allem hören – bricht die Hölle los und das Touri-Pier verwandelt sich für einen Moment in ein Stadion: «Schwiizer Nati, allez, alleeez!»


