Darum gehts
- Rentner-Debatte nach Unfall in Sedrun: Fahrtauglichkeit ab 75 wird erneut diskutiert
- Ab 2019: Schweizer Senioren ab 75 müssen alle zwei Jahre zum Fahrtauglichkeitstest
- Was sagen die Rentner auf der Strasse? Blick hörte sich um ...
Das Thema ist wieder allgegenwärtig: Rentner und Rentnerinnen am Steuer. Nach dem schrecklichen Unfall in Sedrun GR, wo eine Basler Lehrerin (†47) von einem Rentner (87) totgefahren wurde, stellt sich einmal mehr die Frage: Bis zu welchem Alter sind Seniorinnen und Senioren wirklich fahrtauglich?
Fest steht: In der Schweiz gilt seit 2019, dass ab 75 Jahren alle zwei Jahre ein Fahrtauglichkeitstest durchgeführt werden muss. Das Strassenverkehrsamt bietet auf, der Hausarzt bzw. die Hausärztin führt die Prüfung durch. Sehvermögen, Reaktion, Konzentration und allgemeine körperliche Beweglichkeit werden getestet.
Was sagen Rentnerinnen und Rentner zum Thema?
«Die in der Schweiz praktizierte Fahrtauglichkeitsprüfung ab Alter 75 ist im Vergleich zu unseren Nachbarländern vorbildlich», sagt Maximilian Reimann (83). Der SVP-Alt-Ständerat aus dem Aargau muss es wissen. Er hatte es geschafft, dafür das Alter von 70 auf 75 Jahre zu erhöhen – «eine meiner letzten erfolgreichen parlamentarischen Aktivitäten», wie er sagt.
Doch nun steht diese Altersgrenze wieder im Fokus – auch bei den Rentnerinnen und Rentnern, die Blick auf der Strasse antrifft. Ihre Meinungen dazu könnten unterschiedlicher nicht sein.
«Es ist eigentlich ein Kindergartentest»
So fühlt sich Herbert Waldraff (75) aus Rohrbach BE immer noch fit genug. Er habe kürzlich seine Prüfung gehabt, «und es kam gut». Er habe unter anderem auf einem Bein stehen und eine gerade Linie laufen müssen. «Es ist eigentlich ein Kindergartentest», sagt er.
Waldraff findet: «Wenn eine Person noch körperlich fit und gesund im Kopf ist, kann sie auch bis 80 fahren oder noch länger.» Er selber möchte noch so lange fahren, wie es geht. Doch er weiss auch: «Wenn man gesundheitlich angeschlagen ist, kann es morgen schon vorbei sein.»
«Es hat nicht wehgetan»
Erika Jaggi (86) aus Unterentfelden AG hat selbst gemerkt, wann die Zeit reif war. «Mit 78», sagt sie. Sie habe damals ihren Arm operieren müssen und ihre Kinder hätten ihr gesagt, sie solle nicht mehr fahren. «Es hat nicht wehgetan. Denn meine Kinder gingen ja für mich einkaufen oder mit mir fort.» Aber klar, manchmal denke sich schon: «Es wäre schön, jetzt einfach ins Auto steigen zu können.» Doch wenn man die Unfälle heutzutage sehe, findet sie: «Mit 80 oder 82 Jahren sollte man das Billett abgeben.»
Auch Rolf Buser (86) aus Erlinsbach AG gab das Billett vor sechs Jahren freiwillig ab. «Ich hatte einfach das Gefühl, ich bin jetzt 80, es reicht, es war wunderschön, und ich brauche das Billett nicht mehr.» Er fahre jetzt nur noch mit dem ÖV. «Und es geht wunderbar», sagt Buser. Menschen, die bis ins hohe Alter um ihren Führerausweis kämpfen, seien «ganz arme Leute», ergänzt er. «Es tut mir leid, aber es ist so.»
«Diese Gesetze sind Abzockerei»
Ein Kämpfer ist Rudolf Wolfensperger (86) aus Zollikerberg ZH. Er sagt, dass sein Test «angeblich negativ ausgefallen» sei, und er findet, dass er «keine faire Chance bekommen» habe. «Es besteht zwar die Möglichkeit, in Berufung zu gehen, was aber recht kostspielig ist. Aufwand und Ertrag stimmen nicht überein», sagt er. Und: «Diese Gesetze sind Abzockerei. Wenn es jedes Jahr so weitergeht, werden Garagenmitarbeiter ihre Arbeit verlieren, Betriebe in Schwierigkeiten geraten.»
«Die Gefährlichsten sind junge Wilde»
Alt-Ständerat Reimann erklärt: «Ein so plötzlicher und massiver Einschnitt in den persönlichen Lebenslauf kann effektiv nur ermessen, wer selbst davon betroffen ist.» Verkehrsunfälle, verursacht durch ältere Fahrerinnen und Fahrer, würden oft ein überdurchschnittlich grosses Aufsehen erwecken. Reimann sagt: «Die dadurch erzielte präventive Wirkung ist durchaus willkommen.» Reimann betont aber: «Die Gefährlichsten auf unseren Strassen sind junge Wilde und Fahrer mit zu viel Alkohol!»
«Freiheit weggenommen»
Erika Wüthrich (83) aus Schinznach Dorf AG findet auch: «Es gibt jüngere Leute, die auch nicht sicher sind im Strassenverkehr.» Sie selbst fährt seit 60 Jahren Auto und hat auch schon mal eine Beule gemacht, «aber keine Leute geschädigt».
Deshalb denkt sie jetzt schon mit Schrecken daran, wenn ihr Hausarzt ihr mal sagt: «Sie dürfen nicht mehr Autofahren.» Wüthrich: «Wenn ich merke, dass ich im Strassenverkehr unsicher werde, werde ich das Billett von mir aus abgeben.» Sie macht sich jetzt schon Sorgen, wenn sie dann ein ÖV-Ticket lösen muss. «Das ist gar nicht so einfach», sagt sie. Sie ist sicher: «Wenn ich kein Auto mehr fahren darf, wird mir eine gewisse Freiheit weggenommen.»