Darum gehts
- Die Schweiz ist laut Ex-Kommissar wegen Reichtum und Beute für Kriminaltouristen attraktiv
- Banden aus Nachbarländern greifen gezielt Waffengeschäfte, Bijouterien, Bankomaten und Autos an
- Polizei betont enge Zusammenarbeit, weil Banden über Grenzen hinweg oft organisiert sind
Die Schweiz ist ein Tourismusland, doch nicht alle Gäste wollen nur Souvenirs mitnehmen. Einige der «Touristen» sind hier, um zu stehlen und einzubrechen. Kriminaltourismus ist das Stichwort. Das Wort bezeichnet das gezielte Einreisen in ein anderes Land mit der Absicht, dort Straftaten zu begehen und anschliessend mit der Beute wieder ins Ausland zurückzukehren.
Markus Melzl (74), ehemaliger Basler Kriminalkommissar, sagt zu Blick: «Die Schweiz ist besonders attraktiv für Kriminaltouristen. Wir sind ein reiches Land. Wenn man hier einbricht, ist die Chance gross, wertvolles Diebesgut zu stehlen.»
Wenig Furcht vor Folgen
Hinzu kommt: Viele kriminelle Grenzgängerinnen und Grenzgänger haben kaum Angst vor Konsequenzen, wenn sie geschnappt werden. «Einmal fragte ich einen französischen Einbrecher, warum er nicht zu Hause einbreche. Er sagte, die Häuser seien bei ihm auch schön, aber die Gefängnisse in der Schweiz seien schöner.»
Wer mit diesen «Touristen» zu tun hat, ist nicht zu beneiden. Am Genfersee zum Beispiel sorgen Einbrecher in den Villen der Reichen für Angst und Schrecken. In der Region zwischen Genf und Nyon VD häufen sich Fälle von Einbrüchen und Homejackings.
Begangen werden die Taten vielfach von Banden aus dem nahe gelegenen Frankreich. Auch die drei Männer, die bei Familie H. am helllichten Tag einbrechen wollten, wurden letztlich in Paris verhaftet. «Im Austausch gegen Geldbeträge von 500 bis weit über 10'000 Euro werden Minderjährige und junge Erwachsene in kriminelle Straftaten eingebunden, die häufig über Landesgrenzen hinweg organisiert und ausgeführt werden», erklärt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) dazu auf Anfrage von Blick.
Ausländische Kriminaltouristen sorgen immer wieder für Schlagzeilen.
Einbrüche in Waffengeschäfte
Gerne werden Waffengeschäfte zum Ziel ausländischer Banden. Solche Einbrüche häufen sich seit 2025. Betroffen ist im Juli der Laden von Jean-Paul Schild im Kanton Aargau. Vier Männer versuchen in der Nacht, sein Waffengeschäft auszuräumen. Dank der Einbruchsicherung des Ladens misslingt der Versuch. Drei der Täter, junge Franzosen, werden später geschnappt.
Doch der Trend zu Einbrüchen in Waffengeschäften geht weiter. Die französischen Banden haben an Schlagkraft gewonnen. Sie agieren laut dem Fedpol «gewaltbereiter, risikofreudiger und professioneller». Und sie haben die Schweiz für sich entdeckt. Auch hier sind die Täter oft junge, extra für den Job angeheuerte Männer: «Crime as a Service», Verbrechen als Dienstleistung, heisst der neue Modus Operandi. Angeheuert werden die Täter im Internet.
Die Fälle verteilen sich über das Land. In Sitten VS sprengten Täter jüngst die Tür eines Waffengeschäfts weg. In Solothurn versuchten sie mitten in der Altstadt in ein Geschäft einzudringen. Sind die Einbrüche erfolgreich, tauchen die gestohlenen Waffen oftmals in Bandenkriegen in Frankreich wieder auf.
Schmuckgeschäfte als Ziel
Auch Schmuckgeschäfte werden gerne zum Ziel der Kriminaltouristen. Dabei haben die Täter auch keine Angst davor, in Bergregionen zuzuschlagen. Im Juli nutzten die Kriminellen ein Auto als Rammbock, um in ein Schmuckgeschäft in Crans-Montana VS einzubrechen. Eine Grossfahndung war schliesslich erfolgreich. Hier waren zwei der Täter wiederum minderjährige Franzosen.
Auch in Visp VS wurden schon Schmuckgeschäfte zum Ziel. Hier kamen die Täter aus Italien. Sie wurden zwei Jahre nach der Tat festgenommen. «Die wirksame Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität erfordert insbesondere eine enge Zusammenarbeit und einen Informationsaustausch zwischen den zuständigen Polizeibehörden», sagt die Walliser Kantonspolizei auf Anfrage von Blick zum Thema.
Mit Sprengstoff gegen Bankomaten
Manche Kriminelle versuchen direkt, an Geld zu kommen. Dafür werden immer wieder Bankomaten in die Luft gejagt. Ende September wurde in Thayngen SH ein Geldautomat gesprengt. Bei der Explosion wurde der mutmassliche Täter schwer verletzt. Es handelt sich um einen Mann aus den Niederlanden.
Im Jahr 2023 informierte die Aargauer Kantonspolizei über eine Serie von Bankomatensprengungen, die 2020 begonnen hatte. Die organisierten Kriminellen hatten dabei über 1,5 Millionen Franken erbeutet. Zwischen den Gruppierungen bestünden teilweise lose Verbindungen in Form von sporadischen Absprachen. Die Täterschaft stammte grösstenteils aus Rumänien und Moldawien. Es gab aber auch Personen aus den Niederlanden mit nordafrikanischem Migrationshintergrund.
Luxuskarrossen im Visier von Kriminellen
Auch Autos sind im Fokus junger Krimineller aus dem Ausland. Im Juni recherchierte Blick, wie nordafrikanische Jugendliche in der Schweiz Autos stehlen.
Auch hier sind die Täter meist sehr jung. Oft werden sie von dubiosen Hintermännern aus dem Ausland live per Telefon während der Straftaten angeleitet. Sind die Autos einmal aufgebrochen, verschwinden die Täter mit ihnen rasch über die Grenze. Nicht selten mit Erfolg.
«Solche Diebstähle führen oft zu Verfolgungsjagden, die für unsere Mitarbeiter sehr herausfordernd sind», sagt Dominic Zimmerli (37), Medienchef der Kantonspolizei Aargau. «Zur Prävention sagen wir den Garagenbetreibern oder Autohändlern immer wieder, sie sollen die Autoschlüssel besser einschliessen.»
Einbrecherbanden gehen um
Nicht nur am Genfersee machen Einbrecherbanden die Gegend unsicher. Auch im Tessin hat man mit dem Phänomen zu kämpfen. Die nahe Grenze macht es den Banden leicht. «Organisierte Tätergruppen reisen insbesondere aus Norditalien, Osteuropa und Südamerika an», erklärt die Tessiner Kantonspolizei auf Anfrage von Blick.
2025 sei eine umfangreiche Ermittlung zu einer Serie von Einbruchdiebstählen in Wohnhäuser und Wohnungen des mittleren bis gehobenen Segments hervorzuheben. «Diese Taten konnten Gruppen aus Roma-Gemeinschaften in Norditalien zugeordnet werden», so die Tessiner Polizei weiter. Die Ermittlungen führten zur Identifizierung oder Festnahme von 30 Personen, darunter auch einige Minderjährige. Es konnten mehr als 80 Diebstähle nachgewiesen werden. Der gesamte Schaden wird auf knapp 1 Million Franken geschätzt.
«Ab der Zeitumstellung haben Dämmerungseinbrüche Hochkonjunktur», sagt Dominic Zimmerli von der Kapo Aargau. «Allgemein verzeichnen wir im Herbst und Winter mehr Wohnungseinbrüche – die Zahlen nehmen seit Jahren zu.»
Das grosse Problem dabei: Oft ist nicht nur der materielle Schaden das Problem. «Der Wohnungseinbruch ist sehr einschneidend für die Betroffenen», sagt Zimmerli. «Eine fremde Person war in meiner Küche, in meinem Badezimmer, in meinem Schlafzimmer. Die Emotionalität ist hoch. Viele Betroffene haben nach einem Einbruch Mühe.» Manche Opfer ziehen darum danach gar weg. So auch Familie H. vom Genfersee.