Kurse fürs Babysitten
Enkelhüten wie früher? Wo Grosseltern heute falsch liegen

Sie haben selbst Kinder grossgezogen und wissen, wie das geht. Trotzdem kann ein Grosselternkurs sinnvoll sein, denn viele Empfehlungen rund ums Baby sind mittlerweile überholt. Ein Update in sechs Punkten.
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Eine Grossmutter hält behutsam ihren Enkel in den Armen – vielleicht täte ihr ein Grosselternkurs trotzdem gut. (Symbolbild)
Foto: Shutterstock

Darum gehts

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Sylvie Kempa
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Ein Mann in seinen Sechzigern, frisch pensioniert, nimmt eine Puppe in die Hand und stellt sich an den Wickeltisch. Noch nie hat er eine Windel gewechselt. Nun lernt er in einem Kurs für Grosseltern, wie das geht. In wenigen Wochen kommt sein erstes Enkelkind zur Welt, und er möchte sich engagiert in die Betreuung einbringen.

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Männern wie dem Protagonisten aus diesem Beispiel begegnet Livia Maria Griessmeyer, 31, immer wieder. Sie gehört zum Pflege-Leitungsteam der Klinik Hirslanden und führt in dieser Funktion auch regelmässig Grosselternkurse in Zürich durch. «Viele heutige Grossväter waren bei ihren eigenen Kindern beruflich stark eingebunden, während sich ihre Frauen um die Erziehung und das Familienleben kümmerten. Nun wünschen sie sich, für ihre Enkel eine aktivere Rolle einzunehmen.»

Zur Person

Livia Maria Griessmeyer leitet die Bettenabteilung Wochenbett der Hirslanden Klinik Zürich und führt regelmässig Grosselternworkshops durch. Mittlerweile bieten Spitäler, Hilfsorganisationen und Gemeinden in der ganzen Schweiz solche Kurse an.

Livia Maria Griessmeyer leitet die Bettenabteilung Wochenbett der Hirslanden Klinik Zürich und führt regelmässig Grosselternworkshops durch. Mittlerweile bieten Spitäler, Hilfsorganisationen und Gemeinden in der ganzen Schweiz solche Kurse an.

Diese Männer sind nur einer von vielen Grosselterntypen, die sich für einen Kurs bei der Klinik Hirslanden anmelden. «Auch viele Frauen und Männer, die in der Erziehung der eigenen Kinder aktiv waren, interessieren sich für ein Update in Sachen Babypflege und Kindererziehung», sagt Griessmeyer. Denn seit sie selbst Eltern wurden, hat die Wissenschaft neue Erkenntnisse gewonnen. Viele Empfehlungen bezüglich Säuglingspflege, Kindergesundheit, Erziehung und Sicherheit von früher gelten nicht mehr.

Warum Grosseltern für Familien unverzichtbar sind

Grosselternkurse florieren im ganzen Land. Gemeinden, Spitäler oder auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz bieten sie in unterschiedlicher Ausführung an. Gerade kompakte Tages- oder Halbtagesangebote sind beliebt.

Denn Grosis und Grosspapis sind jungen Familien eine wichtige Stütze. Laut Bundesamt für Statistik wird fast jedes zweite Kind unter vier Jahren regelmässig von seinen Grosseltern gehütet. Insgesamt leisten Grosseltern hierzulande rund 157 Millionen Betreuungsstunden pro Jahr. Das entspricht einem wirtschaftlichen Gegenwert von über acht Milliarden Franken.

Doch ihr Beitrag ist nicht nur finanziell bedeutend. Grosseltern ermöglichen auch eine gleichberechtigte Rollenverteilung, bei der beide Elternteile einer Erwerbsarbeit nachgehen können. «Ohne Grosseltern könnten sich viele Familien eine Kinderbetreuung kaum leisten», ist Griessmeyer überzeugt. Obwohl Grosseltern viel Erfahrung und Wissen mitbringen, sind sie oft verunsichert. Denn manches, was sie als Eltern gelernt haben, macht die neue Generation ganz anders. Kursleiterin Griessmeyer begegnet immer wieder ähnlichen Fragen. Dem Beobachter verrät sie, welche das sind und wie sie darauf antwortet.

Livia Maria Griessmeyer gehört zum Pflege-Leitungsteam der Klinik Hirslanden und führt regelmässig Grosselternkurse in Zürich durch.
Foto: PD/Hirslanden-Gruppe

Sechs Fragen, die Grosseltern beschäftigen

Livia Maria Griessmeyer, warum schlafen Babys heute nicht mehr auf dem Bauch? Früher empfahl man die Bauchlage sogar ausdrücklich. Heute weiss man, dass Babys zum Schlafen am sichersten auf dem Rücken liegen. Damit lässt sich das Risiko für den plötzlichen Kindstod deutlich senken. Aus demselben Grund sollten im ersten Lebensjahr auch keine Decken, Kissen oder Stofftiere im Bett liegen. Zudem sollten Babys zum Schlafen nicht zu warm eingepackt sein. Wenn ein Baby wach ist und unter Aufsicht steht, sollte es selbstverständlich auch Zeit auf dem Bauch verbringen. Das stärkt seine Muskulatur, fördert die motorische Entwicklung und kann auch bei Koliken hilfreich sein.

Wir haben unsere Kinder anders gewickelt. Hat ihnen das geschadet? Nein. Eltern haben früher nach den damaligen Empfehlungen gehandelt. Mittlerweile gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem, dass es für ein Baby besser ist, wenn man es beim Wickeln auf die Seite dreht, anstatt die Beinchen hochzuheben. Die Drehung entspricht einem natürlichen Bewegungsablauf und entlastet Hüfte und Rücken. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder früher Schaden genommen haben, sondern dass man heute genauer weiss, wie man sie noch schonender wickeln kann.

Wieso dürfen Babys plötzlich keinen Fencheltee mehr trinken? Fencheltee soll gegen Blähungen und Bauchkrämpfe helfen. Deswegen hat man ihn früher bei Säuglingen eingesetzt. Er enthält jedoch Estragol, das im Verdacht steht, gesundheitsschädigend zu sein.

Deswegen rät man mittlerweile davon ab. Auch zusätzliches Wasser brauchen gesunde Babys bis zur Einführung von Beikost nicht. Muttermilch oder Säuglingsnahrung versorgen sie ausreichend mit Flüssigkeit und Nährstoffen. In der Kinderernährung hat sich einiges geändert. Viele Eltern führen heute schon ab sechs Monaten Fingerfood ein, statt als Beikost ausschliesslich Brei zu geben. Wenn ein Kind Lebensmittel selbst entdecken und essen darf, unterstützt das ein gesundes Essverhalten. Wichtig ist, dass die Grosseltern sich hier an die Entscheidung der Eltern halten, nur geeignete Lebensmittel auswählen und das Kind dabei nie unbeaufsichtigt lassen, weil es sich verschlucken könnte.

Braucht ein Baby wirklich keine Hautcreme und kein tägliches Bad mehr? Heute gilt bei der Babypflege: Weniger ist mehr. Die Haut eines Kindes kann sich gut selbst schützen und regenerieren. Zu häufiges Baden oder zu viele Pflegeprodukte können die natürliche Hautbarriere unnötig belasten und Allergien oder Hautreizungen begünstigen. Ein Bad pro Woche reicht in der Regel völlig aus. Cremes oder Öle braucht es nur in speziellen Fällen, etwa zum Schutz vor Kälte oder bei Irritationen.

Woher soll man heutzutage noch wissen, welche Ratschläge stimmen? Im Internet kursieren unzählige Tipps rund ums Baby – leider sind nicht alle richtig. Ich empfehle Grosseltern, Informationen kritisch zu hinterfragen und sich an verlässliche Quellen wie das Bundesamt für Gesundheit oder die Empfehlungen der Kinderärztin oder des Kinderarztes zu halten. Gleichzeitig lohnt es sich, mit den werdenden Eltern im Gespräch zu bleiben und sich daran zu halten, was sie für ihr Kind richtig finden.

Müssen Grosseltern immer nach den Regeln der Eltern handeln? Eltern tragen die rechtliche Verantwortung für ihr Kind. Deshalb ist es wichtig, ihre Entscheidungen ernst zu nehmen – besonders bei der Ernährung und bei Gesundheitsfragen. Man darf sich darauf verlassen, dass Eltern für ihr Kind das Beste möchten, auch wenn man es selbst vielleicht anders gemacht hat. Gleichzeitig dürfen Grosseltern ihre eigenen Bedürfnisse offen ansprechen. Entscheidend ist nicht, wer recht hat, sondern dass man ehrlich, empathisch und respektvoll miteinander spricht. Kommunikation zwischen Eltern und Grosseltern ist ein wichtiger Faktor für eine gute Zusammenarbeit. Denn in vielen Fragen gibt es kein Richtig oder Falsch.

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