Auf 4000 Metern
Fast wäre ihr Freund beim Heiratsantrag abgestürzt

Blankeis, Kälte und ein Beinahe-Unfall: Die Zürcherin Shermaine Soria, 31, erzählt von einem unvergesslichen Gipfelmoment.
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Shermaine Sorias Freund verhedderte sich in der Schlinge, stolperte – und das gleich dreimal hintereinander.
Foto: Privat

Darum gehts

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Birthe Homann
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Eigentlich bin ich extrem belastbar. Als Bauingenieurin und Bauleiterin koordiniere ich täglich die Arbeiten auf der Baustelle und behalte stets die Termine im Griff.

Artikel aus dem «Beobachter»

Dieser Artikel wurde aus dem Magazin «Beobachter» übernommen. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.beobachter.ch

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RMS

Dieser Artikel wurde aus dem Magazin «Beobachter» übernommen. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.beobachter.ch

Ich bin in Zürich aufgewachsen, meine Eltern sind vor 35 Jahren aus den Philippinen in die Schweiz eingewandert. Neben dem Beruf mache ich Triathlons. Aktuell trainiere ich für meinen ersten Langdistanz-Ironman. Und ich bin als Tourenleiterin im Schweizer Alpen-Club unterwegs und habe bereits 32 der 48 Viertausender der Schweiz bestiegen.

Doch an jenem Wochenende im Juli letzten Jahres war ich einfach nur erschöpft. Eine anstrengende Arbeitswoche steckte mir in den Knochen, der Kopf dröhnte und die Höhe machte mir zu schaffen. Wir übernachteten in der Bovalhütte im Bündner Berninagebiet

Bergsteigerin mit viel Erfahrung – doch auf diesen Gipfelmoment war sie nicht vorbereitet.
Foto: Tom Huber

Mein Partner und ich – er stammt aus Südtirol und arbeitet ebenfalls als Bauingenieur – wanderten frühmorgens um vier Uhr los. Wir stiegen im Licht unserer Stirnlampen auf, um über den Spraunzagrat den Gipfel des Piz Morteratsch auf 3751 Metern über Meer zu erreichen. Eine anspruchsvolle Tour. Das Wetter war unbeständig und windig.

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Dass mein Freund die ganze Zeit vor lauter Nervosität zitterte, merkte ich gar nicht.
Shermaine Soria, Bauingenieurin und Bergsteigerin
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Normalerweise übernehme ich beim Klettern die Führung unserer Zweierseilschaft, besonders in schwierigem Gelände. Aber an diesem Tag ging es einfach nicht, ich hatte Kopfschmerzen, mir war unwohl. Mein Partner musste vorsteigen. Er übernahm die Verantwortung und führte uns souverän nach oben. Dass er die ganze Zeit vor lauter Nervosität zitterte, merkte ich gar nicht.

Dreimal verheddert mit Steigeisen

Oben angekommen, war der Gipfel fast menschenleer. Nur eine andere Seilschaft war in der Nähe. Mein Partner reichte ihnen plötzlich sein Handy und bat um ein Foto, was mich ziemlich erstaunte, da sonst immer ich die Schnappschüsse mache. Doch er hatte das Handy bereits auf Videoaufnahme gestellt. Im nächsten Moment ging er vor mir auf dem felsigen Untergrund auf die Knie – mit einer Ringschatulle in der Hand. Ich war völlig baff.

Mit Seil, Pickel, Expressschlingen und Steigeisen an den Füssen verhedderte er sich in seiner eigenen Schlinge, stolperte leicht und fing sich im letzten Moment wieder – und das gleich dreimal hintereinander! Es war mittlerweile halb elf.

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Genau in dem Augenblick, als er die Box mit dem Ring öffnete, brach die Sonne durch die dichten Wolken. Magisch.
Shermaine Soria, Bauingenieurin und Bergsteigerin
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Ich hatte wirklich Angst, dass er den Grat hinunterstürzt. Oder der Ring in einer Gletscherspalte verschwindet. Der Wind pfiff so laut um unsere Ohren, dass ich seine emotionale Rede kaum verstehen konnte. Aber genau in dem Augenblick, als er die Box mit dem Ring öffnete, brach plötzlich die Sonne durch die dichten Wolken. Ein magischer Moment. Ich verstand zwar fast nichts, sah aber seine leuchtenden Augen und rief einfach nur laut: «Ja, ja, ja!». In der Ferne sahen wir den wunderschönen Biancograt glitzern.

Ein Bündner Bergkristall

Der Ring selbst ist ein Unikat: besetzt mit einem Bündner Bergkristall vom Piz Buin. Auf dem Gipfel wollte ich ihn mir nicht an den Finger stecken, ich hatte Angst, ihn beim An- und Ausziehen der Handschuhe zu verlieren. Also verstaute mein Partner ihn rasch wieder sicher im Rucksack.

Beim steilen Abstieg über das Blankeis – der Gletscher war komplett frei von Schnee und spiegelglatt – hinunter zum Bahnhof Morteratsch bei Pontresina musste ich voll konzentriert bleiben. Erst unten im Tal, bei einem Zvieri-Plättli mit Bergkäse, Salsiz und Speck, setzte das Glücksgefühl so richtig ein.

Zwei Tage später kamen mir auf einmal die Tränen. Mir wurde klar, wie viel Mut es meinen Freund gekostet haben muss, trotz der Nervosität die Führung der Tour zu übernehmen und mir auf knapp 4000 Metern seine Liebe zu gestehen.

Anfang Oktober haben wir im Südtirol in einem umgebauten Stadel auf 1225 Metern Höhe geheiratet. Viel tiefer als beim Antrag, aber mein Herz schwebt noch immer ganz weit oben.

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