Darum gehts
Der Blick ins Regal hinterlässt ein ungutes Gefühl. Ob bei Coop, Migros oder am Selecta-Automaten: Vieles wird teurer – doch man merkt es oft erst, wenn man ganz genau hinschaut. Wer früher an einem Selecta-Automaten eine Packung M&M's kaufte, erhielt 125 Gramm Schoggi. Mittlerweile sind es nur noch 82 Gramm. Wer 2024 bei Coop eine Packung M&M's von 150 Gramm wollte, zahlte dafür 3.20 Franken. Mittlerweile gibt es im Coop M&M's mit deutlich weniger Inhalt zu einem noch höheren Preis: 125 Gramm schlagen neu mit 3.80 Franken zu Buche – eine fette Preiserhöhung um 42,5 Prozent. Die Migros bietet die farbigen Schoggilinsen zwar günstiger an – 200 Gramm kosten hier 2.38 Franken –, doch auch beim orangen Riesen waren M&M's früher um 19 Rappen pro hundert Gramm billiger.
Die Liste der Beispiele lässt sich fast beliebig fortsetzen: Die Margarine von Rama wog früher 450 Gramm, heute sind es bei vielen Packungen nur noch 400 Gramm. Beim Whiskas-Katzenfutter enthielt ein Multipack einst 12 Beutel à 100 Gramm, heute stecken in den Beuteln nur noch 85 Gramm. Manchmal sind die Unterschiede noch subtiler, etwa beim Tempo-WC-Papier: Statt 160 Blättern zählt eine Rolle plötzlich nur noch 150 Blätter. Der einzelne Kunde merkt diesen Minimalunterschied im Alltag kaum. Für die internationalen Markenkonzerne jedoch ergeben sich enorme Ersparnisse – das läppert sich.
Dieses Phänomen hat einen Namen: Shrinkflation – ein Kofferwort aus dem englischen «to shrink» (schrumpfen) und Inflation. Es bezeichnet eine versteckte Preiserhöhung, bei der die Füllmenge eines Produkts reduziert wird, der Preis pro 100 Gramm aber steigt. Da die Verpackungen optisch meist unverändert bleiben, bleibt die Verkleinerung oft unsichtbar. Es ist ein psychologischer Trick: Denn Kunden reagieren spürbar empfindlicher auf steigende Preise als auf schrumpfende Mengen.
«Vertrauensverlust auf Kundenseite»
Die Schweizer Detailhändler weisen die Schuld von sich. Sie betonen, dass sie lediglich die Preise und Vorgaben der Markenhersteller weitergeben. «Die Gründe sind unterschiedlich. In einem Umfeld steigender Kosten für Rohstoffe, Energie, Logistik oder Verpackungsmaterialien stehen Hersteller vor der Herausforderung, diese Mehrkosten aufzufangen. Anpassungen von Inhaltsmengen sind eine von verschiedenen Möglichkeiten, darauf zu reagieren», teilt die Migros mit. Coop betont: «Sind Preisforderungen von Markenherstellern ungerechtfertigt hoch, setzen wir uns für unsere Kunden ein und kämpfen für faire Preise.»
Dem Bund sind die Hände gebunden. «Solange die Menge richtig ausgewiesen wird, sind solche Schrumpfpackungen zwar legal – aber kommen etwas schäbig rüber», sagt Preisüberwacher Stefan Meierhans (57). «Es ist keine Täuschung im Rechtssinn, aber ein nachvollziehbarer Vertrauensverlust auf Kundenseite. Deshalb ist es wichtig, dass Konsumentinnen und Konsumenten erfahren, welche Firmen das tun – damit sie für sich Konsequenzen ziehen können, wenn sie wollen. Bei wirksamem Wettbewerb schneiden sich Firmen, die Shrinkflation praktizieren, letztlich ins eigene Fleisch.»