Darum gehts
- Die Schweiz rutscht im IMD-Ranking auf Rang drei ab
- David Bach warnt vor tiefem Tempo und Investitionsschwäche
- Er fordert Pensionskassengeld, KI-Mut und die Energiewende
Herr Bach, die Schweiz ist im aktuellen IMD-Wettbewerbsranking, das jährlich erscheint, auf Platz drei abgerutscht. Müssen wir uns Sorgen machen?
David Bach: Es ist zumindest eine Warnung. Wir analysieren 70 Volkswirtschaften. Die Schweiz ist immer noch Nummer drei – es gibt also 67 Volkswirtschaften, die gerne in ihrer Situation wären. Aber die Schweiz hat das Potenzial, Nummer eins zu sein. Bei der Effizienz der Regierung und bei der Infrastruktur ist sie es bereits heute – weltweit. Aber gerade bei der Wirtschaftsleistung hat sie deutlich nachgelassen ...
In dieser Kategorie ist sie auf Rang 37 abgestürzt.
Deshalb sollte man nicht davon ausgehen, dass die Schweiz automatisch immer unter den Top 3 bleibt. Sie kann weiter zurückfallen. Der Rückfall kommt vor allem von den Investitionen: Bei den internationalen Investitionen ist die Schweiz um 35 Plätze eingebrochen. Das ist ein Warnsignal, denn die Investitionen von heute sind die Wettbewerbsfähigkeit von morgen. Wir müssen uns überlegen, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern.
Was läuft schief?
Unser Ranking zeigt dieses Jahr klar: In einer fragmentierten Welt sind verlässliche Institutionen und Rechtsstaatlichkeit der grösste Puffer gegen Schocks. Da ist die Schweiz top. Die Gefahr ist, dass wir uns darauf ausruhen – denn Robustheit ist nicht dasselbe wie Tempo. Wir reagieren zu langsam auf die Veränderungen in der Welt. Das gilt für die Politik, aber auch für die Unternehmen. Es gibt viel Zaghaftigkeit, während andere Länder mutiger vorangehen – gerade in Asien und im Mittleren Osten.
Wir haben das Selbstbild des anpassungsfähigen Kleinstaats. Sind wir zu träge geworden?
Unser Konsens ist eine grosse Stärke. Demokratie wurde nicht dafür geschaffen, besonders schnell zu handeln. Gerade die direkte Demokratie und der Föderalismus sind darauf ausgelegt, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. Das kann langsamere Entscheidungen bedeuten. Aber man kann auch schneller werden. Nehmen Sie die E-ID, die nach einem ersten Nein 2021 erst im zweiten Anlauf 2025 knapp angenommen wurde und deren Einführung sich nun erneut verzögert, oder die Rahmenbedingungen für künstliche Intelligenz. Oder das Thema Venture Capital und Start-ups. Es gibt sehr klare Signale, was die Schweiz tun müsste. Die Frage ist nur: Machen wir es jetzt – oder in drei oder fünf Jahren?
Sie sprechen Venture Capital an, also Risikokapital für Firmengründungen. Die Schweiz hat hervorragende Hochschulen und innovative Firmen. Und gleichzeitig riesige Kapitalreserven. Warum funktioniert das Zusammenspiel nicht?
Das ist das grosse Paradox der Schweiz. Wir haben auf der einen Seite enormes Innovationspotenzial, einige der besten Universitäten der Welt und Unternehmen, die Kapital für ihr Wachstum brauchen. Auf der anderen Seite haben wir jede Menge Kapital. Eine hohe Sparquote, sehr viel Geld in den Pensionskassen. Aber diese beiden Welten kommen nicht zusammen.
Was heisst das konkret?
Nach verfügbaren Zahlen fliessen gerade einmal rund 0,02 Prozent der Schweizer Pensionskassenvermögen in Venture Capital. In den USA ist der Anteil um ein Vielfaches höher. Dabei würde die hiesige Regulierung deutlich mehr zulassen.
Welche Konsequenzen hat das?
Junge Schweizer Unternehmen müssen sich im Ausland finanzieren, gerade auch in den USA. Teilweise fliesst Schweizer Kapital dorthin, weil die entsprechenden Anlagemöglichkeiten hier fehlen. Das ist für die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand der Schweiz nicht gut.
David Bach ist seit September 2024 Präsident der Lausanner Wirtschaftshochschule IMD. Der Politikwissenschaftler promovierte an der University of California in Berkeley und war zuvor unter anderem an der Yale School of Management tätig. Er forscht zu Strategie, politischer Ökonomie und geopolitischen Einflüssen auf Unternehmen.
David Bach ist seit September 2024 Präsident der Lausanner Wirtschaftshochschule IMD. Der Politikwissenschaftler promovierte an der University of California in Berkeley und war zuvor unter anderem an der Yale School of Management tätig. Er forscht zu Strategie, politischer Ökonomie und geopolitischen Einflüssen auf Unternehmen.
Pensionskassen investieren also zu wenig in Start-ups?
Es geht nicht darum, dass die Pensionskassen plötzlich ihre Gelder verzocken sollen. Das wäre völlig falsch verstanden. Es geht um ein kleines bisschen mehr. Es muss nicht einmal so viel sein wie in den USA. Aber genug, damit Gründer hier Unternehmen aufbauen und wachsen lassen können, Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand sichern.
Apropos Kapital: In Bern wird derzeit heftig über eine strengere Regulierung der UBS gestritten. Droht damit eine Schwächung des Finanzplatzes?
Das müssen Politik und Regulierungsbehörden abwägen – Finanzstabilität ist ein hohes Gut, und die UBS leistet einen wichtigen Beitrag zum Finanzplatz Schweiz. Aus Sicht der Wettbewerbsfähigkeit ist entscheidend, dass die Regeln verhältnismässig, international vergleichbar und vorhersehbar sind. Genau das zeigt unser Ranking: Verlässliche Institutionen und berechenbare Regeln sind heute der grösste Standortvorteil.
Gleichzeitig locken die USA Unternehmen mit massiven Investitionen. Novartis und andere Pharmakonzerne bauen ihre Präsenz dort aus. Muss die Schweiz stärker gegenhalten?
Man muss zwei Dinge unterscheiden. Dass Unternehmen in den USA produzieren, ist nicht unbedingt das Problem. Gerade im Pharmabereich kann es wegen der Zölle und der Bedeutung des amerikanischen Marktes sinnvoll sein, dort zu produzieren. Die eigentliche Gefahr liegt woanders.
Wo?
Dass die Innovation abwandert. Die Stärke der USA besteht nicht nur in der Marktgrösse. Es geht vor allem um die Möglichkeit, dort Forschung und Entwicklung zu betreiben. Um Universitäten, Biotech-Firmen, Kapital und ein Umfeld, in dem Innovation leichter entsteht. Das gilt teilweise auch für China. Die wahre Gefahr für die Schweiz ist deshalb nicht, dass ein Teil der Produktion in die USA verlegt wird. Die Gefahr ist, dass Innovation künftig in den USA und in China stattfindet – und nicht mehr in der Schweiz.
Damit sind wir bei der künstlichen Intelligenz. Verschläft die Schweiz diese Transformation?
Es besteht die Gefahr, dass wir zu zögerlich sind – gerade weil Angst und Vorsicht momentan sehr stark zu sein scheinen.
Was soll die Schweiz denn tun?
Wir haben ein grosses Vertrauensdefizit gegenüber künstlicher Intelligenz. Natürlich gibt es Risiken. Die kann man teilweise mit guter Regulierung mindern. Aber die Möglichkeiten sind immens. Und es geht nicht nur darum, ob wir an der ETH oder EPFL einige der besten KI-Forscher haben oder eigene Modelle entwickeln. Entscheidend ist: Wie transformieren wir unsere bestehenden Unternehmen, von Weltkonzernen zum Mittelstand und lokalen Firmen? Und dann kommen natürlich wieder die Start-ups ins Spiel. Das Interessante an der KI sind die neuen Unternehmen und Geschäftsmodelle, die plötzlich möglich werden.
Sie haben auch Singapur und die Vereinigten Arabischen Emirate erwähnt. Was macht die Schweiz falsch, was diese Länder besser machen?
Die Geschwindigkeit. Lange Zeit wollten Länder wie Singapur und die Vereinigten Arabischen Emirate so etwas wie die Schweiz ihrer Region sein: ein stabiler Ort mit gutem Bildungssystem, der Talent und Kapital anzieht. Und heute machen sie vieles besser als das Modell, von dem sie ursprünglich lernen wollten – nämlich die Schweiz.
Wobei Vergleiche immer schwierig sind ...
Natürlich sind ihre politischen Systeme anders, und unsere direkte Demokratie, der Föderalismus, der gesellschaftliche Zusammenhalt, das sind Werte an sich. Aber es geht auch gar nicht darum, so schnell zu sein wie Singapur oder die Emirate. Worum es geht, ist, nicht zurückzufallen.
Sie lebten lange in den USA. Was kann die Schweiz von Amerika lernen?
Optimismus. Und Dynamik. Was wir Europäer von den Amerikanern lernen können und müssen, ist der Glaube daran, dass die Zukunft Möglichkeiten bietet. Jamie Dimon, der CEO von JPMorgan, hat einmal gesagt, Milliarden Menschen würden in die USA ziehen, wenn sie könnten. Das ist vielleicht überspitzt. Aber es zeigt etwas: Die Menschen glauben noch immer daran, dass sie sich in den USA entfalten und etwas aufbauen können. Dieser «American Dream» ist sicher schwieriger zugänglich als früher. Aber dieser Optimismus, diese Dynamik und der Glaube daran, dass wir in Zukunft etwas erreichen können, sind enorm wichtig.
Und was passiert, wenn dieser Optimismus fehlt?
Dann gehen die Investitionen zurück. Wir investieren weniger in uns selbst, gehen weniger Risiken ein und versuchen, das Bestehende zu bewahren. Das sehen wir in Teilen Europas.
Was unterschätzt die Schweiz bei all dem?
Es gibt einen berühmten Satz aus dem Leadership Development, nach dem Buchtitel von Marshall Goldsmith: «What got you here won't get you there.» Was uns bisher erfolgreich gemacht hat, wird uns nicht unbedingt auch in Zukunft erfolgreich machen. Die Schweiz hat sich immer wieder neu erfunden. Das Ende des Bankgeheimnisses ist ein Beispiel: Der Finanzplatz musste sich neu erfinden – und hat es geschafft. Eine ähnliche Frage stellt sich heute für unsere Exporteure, wenn der Franken weiter aufwertet: Sie werden nur über Produktivität und Innovation wettbewerbsfähig bleiben, nicht über den Preis. Genau deshalb engagieren wir uns bei der Initiative «Vision Schweiz 2035». Über 50 Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft stellen sich die Frage: Was müssen wir heute anpacken, damit die Schweiz auch für die nächste Generation der beste Ort zum Leben und Arbeiten bleibt?
Was hat die Schweiz dafür in der Hand?
Enorm viel: Talent, Innovation, Kapital, politische Stabilität, eine zentrale Lage in Europa. Wir haben direkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Menschen. Wir ziehen Talent aus der ganzen Welt an, sind mehrsprachig und haben hervorragende Unternehmen.
Wenn Sie Wirtschaftsminister wären: Was wären Ihre drei wichtigsten Massnahmen?
Erstens: Kapital. Wir müssen die Pensionskassen stärker dafür nutzen, Investitionen hierzulande zu fördern – und nicht nur um in den USA Aktien zu kaufen. Zweitens: die Energiewende. Nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit. Eine elektrifizierte Wirtschaft ist effizienter, wettbewerbsfähiger und resilienter. Es geht um erneuerbare Energien, Solarenergie, Elektrofahrzeuge und weniger fossile Brennstoffe beim Heizen. Das ist nicht nur nachhaltiger, sondern auch wirtschaftlich stärker.
Und drittens?
Optimismus. Man muss den Menschen die Herausforderungen zeigen. Aber man muss ihnen auch vermitteln, wie viele Möglichkeiten es gibt, effizienter, nachhaltiger, innovativer und wettbewerbsfähiger zu werden.
Gibt es noch etwas, das wir nicht vergessen dürfen?
Talent. Wir müssen weiter Talent anziehen, halten und weiterbilden. Der Wohlstand der Schweiz hängt auch davon ab, Talent aus der ganzen Welt anzuziehen. Und die Weiterbildung wird entscheidend sein. Alles, worüber wir bei künstlicher Intelligenz gesprochen haben, funktioniert nur, wenn Unternehmen in ihre Mitarbeiter investieren und sie aus- und weiterbilden. Das sehen wir bei IMD jeden Tag: Die Unternehmen, die jetzt in die Weiterbildung ihrer Führungskräfte und Mitarbeitenden investieren, sind diejenigen, die die KI-Transformation erfolgreich gestalten. Menschen, ihr Talent und ihre Wertschöpfung, machen letztlich den Reichtum der Schweiz aus.