Innert kurzer Zeit gaben mit Cembra und Vontobel zwei Banken bekannt, der Stadt Zürich den Rücken zu kehren. Die Stadt verliert dadurch rund 1850 Arbeitsplätze. FDP, Mitte und SVP schlagen Alarm, dass die Stadt als Wirtschaftsstandort den Anschluss verliert. Die Stadtregierung beschwichtigt hingegen, dass Zürich kein grundsätzliches Standortproblem hat.
Die Kritik an der Regierung klingt seit der Ankündigung der Wegzüge nicht ab. Der Kanton Zürich liegt bei den Unternehmenssteuern unter allen Kantonen auf dem letzten Platz. Die Angst vor einer Negativspirale wächst. «Ich gehe davon aus, dass es weitere Abgänge geben wird», sagte etwa Immobilienexperte Daniel Stocker Anfang der Woche im Interview mit der «NZZ». Er arbeitet für die Immobilienberatungsfirma Jones Lang LaSalle.
Dezentralisierung als Vorteil?
Deutlich entspannter beurteilt die Lage Ökonom Mathias Binswanger (63). «Der Wegzug der Banken aus Zürich ist keine schlechte Nachricht», sagt er zu Blick. Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. «Oft wird geklagt, dass sich alles in den Zentren wie Zürich konzentriert und die Peripherie verliert. Da muss man froh um solche Verschiebungen sein.»
In der Vergangenheit zogen vor allem Industriebetriebe aus den Zentren weg. Nun sind es vermehrt Dienstleistungsunternehmen wie die zwei Banken. Cembra geht nach Baden AG, Vontobel nach Baar ZG. «Das traditionelle Kundengeschäft und die Bankschalter haben deutlich an Bedeutung verloren», so Binswanger. Damit ist es für die Firmen weniger entscheidend, direkt bei der Kundschaft in den Grosszentren zu sein.
Weniger Druck auf die Immobilienpreise
Der Wegzug hat gemäss Binswanger noch einen weiteren Vorteil: «Der Druck auf die Immobilienpreise in Zürich ist enorm. Ziehen Firmen weg, sorgt das für ein wenig Entlastung.» Derzeit kommen in Zürich auf 100 Stadtbewohner 126 Arbeitsplätze. Dieses Verhältnis sorgt für einen grossen Nachfrageüberschuss nach Wohnungen, was die Mieten nach oben treibt.
Investiert Zürich – wie von den Bürgerlichen gefordert – deutlich in die Standortattraktivität, wird der Druck auf den Wohnungsmarkt weiter befeuert. Das dürfte wohl einer der Gründe für die Zurückhaltung bei der Stadtregierung sein. Und: Es wandern zwar zahlreiche Firmen aus Zürich ab, die Steuereinnahmen sprudeln dank florierender Grosskonzerne aber weiterhin.
«Steuern allein nicht ausschlaggebend»
In Zürich stossen Firmen auch an ihre Wachstumsgrenzen, wenn sie stark expandieren wollen oder ihre Angestellten an einem grossen Standort zusammenführen möchten – so wie im Fall von Vontobel. «Die Steuern sind allein nicht ausschlaggebend für die Standortwahl», so Binswanger. Wichtig sei auch die Attraktivität als Wohnort. Noch wichtiger: «Für das Top-Management spielt die eigene Steuerbelastung eine grössere Rolle als jene der Firma.»
Firmenumzüge seien zudem ein Beleg dafür, dass der Schweizer Standortwettbewerb funktioniert, so Binswanger. «Aktuell scheint die Zürcher Regierung nicht beunruhigt. Zögen irgendwann zu viele Firmen weg, dürfte sich das rasch ändern.»