Darum gehts
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Dass die Co-Chairmen Larry Fink und André Hoffmann Ende Februar 2026 ihre Interimstitel abgelegt hatten, führte zu der Frage: Wie lange wollten sie an der Spitze bleiben? Hinter den Kulissen begann ein Spiel auf Zeit. Christine Lagarde, die Favoritin des Gründers, hielt sich an den mit Schwab bei dem Gespräch am 14. April 2025 gemeinsam festgelegten Zeitplan und signalisierte ihre Bereitschaft zum frühzeitigen Rückzug.
«Christine Lagarde verlässt die EZB vor dem Ende ihrer achtjährigen Amtszeit», meldete die «Financial Times» Mitte Februar. Die Begründung: Sie wolle dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, dessen letzte Amtszeit im Mai 2027 ablaufe, die Möglichkeit geben, die EZB-Nachfolge noch mitzubestimmen.
Dieser Artikel wurde im dem Magazin «Bilanz» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.bilanz.ch
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Natürlich verkündete eine EZB-Sprecherin in dem Artikel, dass die Präsidentin noch «keine Entscheidung betreffend das Ende ihrer Amtszeit» getroffen habe, aber das waren die angesichts der Bedeutung ihres Amtes unvermeidlichen Schutzbehauptungen. Lagardes Signal war unmissverständlich: Ich stehe für das WEF-Präsidentenamt zur Verfügung. Der Pakt mit Schwab hielt. Auch sie war der Magie dieses einmaligen Postens erlegen.
Jetzt schaltete sich auch die Schweizer Regierung ein – endlich. Bislang hatte sie das WEF-Drama nur von der Seitenlinie aus verfolgt. Im Jahr 2000, bei der ersten Attacke des «Wall Street Journal» hatte die damalige Bundesrätin Ruth Dreifuss noch offen für das WEF Stellung bezogen. In der aktuellen Krise war da lange nur gesammeltes Schweigen – auch die Regierung befand sich im Compliance-Modus: bloss nicht exponieren.
Doch jetzt beunruhigte die drohende Amerikanisierung des WEF, befeuert durch Trumps Beleidigung der Schweizer Bundespräsidentin auf ihrem eigenen Territorium, die Landesregierung. Das jährliche Treffen in Davos war für die Bundesräte nicht nur eine einmalige Plattform. Es war auch für die Aussendarstellung der Schweiz von unbezahlbarem Wert. Traditionell eröffnete der Schweizer Bundespräsident mit seiner Rede die Davos-Veranstaltung – es war für jeden Bundesrat eine Ehre. Dass der neue Co-Chef Fink mit einer Verlagerung nach Dublin oder Detroit kokettierte, war da ein Alarmsignal.
Lügen, Machtkämpfe, Intrigen: Der spektakuläre Blick hinter die Kulissen des WEF. Gestützt auf exklusive Dokumente, zeichnet die investigative Recherche den Weg von den Höhenflügen bis zum tiefen Fall des WEF nach.
Lügen, Machtkämpfe, Intrigen: Der spektakuläre Blick hinter die Kulissen des WEF. Gestützt auf exklusive Dokumente, zeichnet die investigative Recherche den Weg von den Höhenflügen bis zum tiefen Fall des WEF nach.
Schwab stand in Kontakt mit Bundesrat Guy Parmelin, der als Präsident der Eidgenossenschaft im Januar das Event in Davos eröffnet hatte. Der WEF-Gründer liess keinen Zweifel: Nur die Lösung Lagarde könne die Bedeutung der Schweiz in dem Konstrukt garantieren, sonst drohe eine schleichende Verlagerung in die USA. Parmelin traf Lagarde bei der Frühjahrstagung von Weltbank und Währungsfonds in Washington zum Gespräch und war angetan von der Lösung. Auch Fink tauschte sich mit ihr aus. Lagarde signalisierte weiterhin ihr Interesse. Hilfreich auch: der direkte Draht des neuen Stiftungsrats Philipp Hildebrand zur Schweizer Regierung. Bei seiner Wahl hatte er im kleinen Kreis verlauten lassen, dass er sich eine Lösung mit ihm als CEO und Lagarde als Chairwoman gut vorstellen könne.
Schwab kämpfte auch bei der Aufsichtsbehörde für seine Kandidatin. In einem Brief an die Eidgenössische Stiftungsaufsicht (ESA) forderte er etwa die «Sicherung der formell beschlossenen Nachfolgeregelung». Die Bestellung von Lagarde sei am 14. April nach mehrjähriger Vorbereitung «statutengemäss abgeschlossen» und deshalb als gültig zu taxieren. Laut noch immer gültiger Satzung hatte er das Recht, als Präsident des Board of Trustees seinen Nachfolger zu bestimmen.
Die Aufsichtsbehörde machte auf Anfrage jedoch klar, im Einklang mit dem vom WEF mandatierten Bär-&-Karrer-Anwalt Andreas Länzlinger, dass Schwab das Recht zur Bestimmung seiner Nachfolge mit dem Rücktritt verwirkt habe. Es sei nicht der Gründer, sondern der Stiftungsrat, der «über diese Frage in einer Abstimmung entscheidet», liessen die Aufseher ausrichten. Aber wie stand es mit der Ausübung seines Rechts, als er noch im Amt war und Lagarde am 14. April bestimmt hatte, inklusive Information der damaligen Organträger Peter Brabeck, Thomas Buberl und Børge Brende? «Die ESA kann sich zu solchen Fragen nicht äussern», liess sie ausrichten, da es um «interne Vorgänge» gehe.
Die Antwort war nicht wirklich überzeugend: Zu anderen internen Fragen äusserte sich die ESA ja schon, etwa zum Prozedere der Präsidentenkür nach Schwabs Abgang. Das Signal war unmissverständlich: Die Rechtslage war nicht eindeutig.
Fakt war: Der Gründer und Stifter Schwab verfügte auch nach seinem Rücktritt weiterhin über viele Machthebel, inklusive der Bestellung eines Familienmitglieds in den Stiftungsrat im Jahr 2027. Es war wie nach einer schmutzigen Scheidung: Wie brutal die Trennung auch war – mit dem eigenen Kind, in diesem Fall dem WEF, bleibt er bis an sein Lebensende eng verbunden.
Entmachtung der Mehrheit
Doch Fink hatte kein Interesse, die gerade errungene Macht wieder abzugeben – er fand sichtlich Spass an dem prestigeträchtigen Posten, der ja auch für sein Business nützlich war. Kam hinzu: Ein Verzicht würde auch beim Präsidenten in Washington kaum gut ankommen. Also spielte er auf Zeit: «Es wäre wundervoll», Lagarde als Kandidatin zu haben, hatte er vor dem Grossevent in Davos im Januar 2026 der «Financial Times» gesagt.
Doch erst einmal müsse ein Nominationskomitee installiert werden, folgte Fink der von seinem Vorgänger Brabeck und Buberl vorgegebenen Linie. Es wurden sogar die kostspieligen Partner der Personalberatung Egon Zehnder für die Überprüfung der Governance-Struktur verpflichtet. Nur wenige Menschen auf dem Planeten beherrschen die Machtmechanismen in Führungsetagen so meisterhaft wie Larry Fink. Zeitspiel war ein bewährtes Instrument in seinem Werkzeugkasten. Und auch Hoffmann hatte keine Eile: Er stand endlich einmal an der Spitze, wenn auch nur als Juniorpartner von Fink.
Buberl blieb weiterhin einflussreich. Mit der Lancierung der zweiten Untersuchung hatte er die von Schwab bestimmte Nachfolgelösung bereits einmal torpediert. Jetzt arbeitete er hinter den Kulissen weiter. Wieder kam das Altersargument, das schon bei der Demontage Schwabs eine Schlüsselrolle spielte: Die Französin hatte am 1. Januar 2026 ihren 70. Geburtstag gefeiert. Konnte sie da einen Neustart verkörpern? Er war dagegen mit 53 Jahren im besten Alter und konnte für sich in Anspruch nehmen, das WEF bestens zu kennen.
Und so lief hinter den Kulissen ein subtiles Machtspiel: Die allseits respektierte Kandidatin Christine Lagarde liess öffentlich ihr Interesse signalisieren – und die starken Männer im inneren Zirkel des Governing Board des Forums kaprizierten sich auf eine Statutenanpassung, die vor allem ein Ziel hatte: ihre Macht zu stärken.
Die mächtigen Konzernchefs, deren Gilde die hohen Mitgliederbeiträge zahlte, störten sich schon seit vielen Jahren an der zu breiten Themenpalette und zu viel Gutmenschentum. Sie sahen das WEF vor allem als Businessplattform. Dass es davon jedoch viele gab und gerade die Verbindung zu Politik und Zivilgesellschaft den speziellen Reiz von Davos ausmachte, stand für sie nicht im Vordergrund.
Jetzt stiessen die Männer eine Änderung an, die de facto eine Entmachtung der anderen Mitgliedsgruppen war. Der Stiftungsrat sollte massiv verkleinert werden und nur noch etwa zwölf Mitglieder zählen – vorrangig die Mitglieder des Governing Board und des Audit- und Risk-Komitees, fast alles Vertreter aus der Konzernwelt. Die anderen Mitglieder sollten nur noch einem Advisory Council angehören. Natürlich wurde auch diese Änderung einmal mehr mit einer Forderung der ESA begründet, was in dieser Form schlicht nicht stimmte.
Der Prozess der Statutenänderung war im Mai 2024 noch unter Schwab angestossen worden, das Ziel war eine Professionalisierung des Stiftungsrats, vor allem mit der Einrichtung von vier Ausschüssen, so wurde es auch kommuniziert. In der Replik der ESA auf die erste Eingabe zur Statutenänderung vom 20. Dezember 2024, von Brabeck und Buberl hinter dem Rücken von Schwab bei der Aufsichtsbehörde hinterlegt, war von einer Verkleinerung des Stiftungsrats nirgends die Rede.
Bizarrer Prozess
Der Zeitpunkt für eine derart tiefgreifende Veränderung war seltsam. Die Frage der langfristigen Führung war komplett offen: Der Geschäftsführer Alois Zwinggi war nur interimistisch bestellt, und die beiden Co-Chairmen hatten zwar formal ihren Interimstitel abgelegt, doch niemand, nicht einmal sie selbst, hielt sie für eine Dauerlösung. Ein so substanzieller Eingriff in die Strategie müsste, wenn überhaupt, bei der künftigen Führungsperson liegen – und nicht bei einer provisorischen Leitung, die bald abtreten würde.
Gewiss, der Stiftungsrat war überdimensioniert und hatte in der Krise nicht geglänzt, doch er war nicht mit dem Verwaltungsrat einer Aktiengesellschaft vergleichbar. Es war nie Schwabs Absicht, hier ein schlagkräftiges Führungsgremium zu installieren. Die grosse Zahl der Stiftungsräte sollte die Verbindung zu den internationalen Organisationen und der Zivilgesellschaft herstellen, als Führungszirkel diente das Governing Board.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf etwa zählte 25 Mitglieder im obersten Gremium, die in Davos lancierte Impfallianz Gavi kam wie das WEF auf 28 Mitglieder. Es gab keinerlei Notwendigkeit, mit einer Hauruck-Übung die Governance so radikal zu ändern, bevor die neue Führung feststand.
Schwab, dem als Stifter rechtlich eine besondere Rolle zukam, sah hier einen fundamentalen Eingriff in die DNA des Forums. Er sperrte sich komplett gegen diese Änderung, die seinem Konzept der Stakeholder-Organisation zuwiderlief. Und rechtlich hatte er einige Hebel, um diese Änderung zu torpedieren. Denn aus seiner Optik, unterlegt von einem Rechtsgutachten, war es nicht nur die ESA, dem Departement des Innern unterstellt, die für die Regulierung des WEF verantwortlich war.
Das Host State Agreement von 2016 hatte das WEF mit dem schweizerischen Aussenministerium geschlossen und dort unmissverständlich den Status der Public-Private Ownership festgelegt. Eine Entmachtung der öffentlichen Verantwortungsträger von der Weltbank bis zur Europäischen Zentralbank würde gegen diese Definition verstossen.
Das wussten auch die Co-Chairmen. Und so kam es zu einem bizarren Prozess: Ende März pilgerte erst Hoffmann, dann Fink zu Schwabs Villa neben der WEF-Zentrale und versuchten, ihn von den Änderungen zu überzeugen. Doch hier war keine Einigung möglich – Schwab blieb zum Schutz seines Lebenswerks in seiner Ablehnung unverrückbar. Er plädierte nochmals für die Nachfolgelösung mit Lagarde. Da blockierten dann Fink und Hoffmann. Die Konklusion des Treffens: Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind.
Anfang Mai stellten Hoffmann, Zwinggi und der Anwalt Länzlinger das Konzept des verkleinerten Stiftungsrats bei Nils Güggi, dem Leiter der ESA in Bern, vor. Auch Schwab hatte dort einen Termin. Sein juristisches Arsenal war gross – er hatte genügend Möglichkeiten, um den Reformprozess auf Jahre zu lähmen: Ob Nachfolgeregelung, Statutenanpassung oder Stiftungszweck – das Schweizer Stiftungsrecht verlieh dem Gründer und Stifter mannigfaltige Rechte.
Versöhnungsangebot
Bei der turnusmässigen Videositzung des Stiftungsrats vom 12. Mai wurden die Stiftungsräte über die geplanten Änderungen informiert, einmal mehr ohne ausreichende Vordokumentation. Schwab hatte sich im Vorfeld in einer Mail direkt an die Stiftungsräte gewendet und «Vorschläge für eine konstruktive Lösung» angeboten: «Hilde und ich erwarten, dass das Board auf die angemessenste, würdevollste und öffentlichste Weise wieder ein angemessenes Verhältnis zu uns herstellt, das unserer Rolle bei der Gründung und dem Aufbau des Forums, den Ergebnissen der unabhängigen Untersuchungen sowie dem unnötigen persönlichen und rufschädigenden Schaden, der uns zugefügt wurde, entspricht», hiess es in der Einleitung.
Es folgte ein Versöhnungsangebot, um eine Lösung für die verfahrene Rechtssituation zu finden. Der Gründer wäre bereit, so seine Offerte, die Interventionen bei der ESA zurückzuziehen, wenn der Stiftungsrat auf zwei zentrale Vorschläge eingehe. Erstens: «Der Stiftungsrat prüft den Nachfolgevorschlag des Gründers offiziell an seiner Sitzung im August und gibt, sollte dieser gebilligt werden, den designierten Nachfolger bekannt, der sein Amt im Februar 2027 antritt.» Es würde heissen: Das nächste Davoser Grossevent würde noch unter der Leitung von Fink und Hoffmann stattfinden, dann würde Lagarde übernehmen – so hatten sie es bei ihrem Pakt im April 2025 geplant.
Und dann, zweitens und mindestens genauso wichtig: «Die laufende Überarbeitung der Satzung bewahrt – oder stärkt sogar noch – die Grundprinzipien, auf denen das Forum als unabhängige internationale Institution für die Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor sowie verschiedenen Interessengruppen beruht, im Einklang mit seinem Gründungsauftrag und dem Geist des Host State Agreement.»
Es war eine Kampfansage an das Führungstrio Fink, Hoffmann und Buberl. In der Sitzung vom 12. Mai versuchten die drei starken Männer, die Statutenänderung als notwendige Modernisierung zu verkaufen. Doch sie spürten: Die Skepsis stieg – die Verkleinerung würde einen Mandatsverlust für viele Stiftungsräte bedeuten. Es kam zu kritischen Fragen, etwa von Tharman Shanmugaratnam, dem Präsidenten Singapurs, einem langjährigen Vertrauten von Schwab, oder dem Siemens-Granden Joe Kaeser. Es war für die Führung ein Novum: Erstmals bildete sich Gegenwehr. Die Mitläufer begehrten auf.
Machtkalkül
Die Stimmung im Stiftungsrat vor allem gegenüber Buberl schlug langsam um. Die Erkenntnis, dass die «Drei B» – Brabeck, Brende, Buberl – mit unfundierten Vorwürfen und speziellen Methoden den Gründer Schwab entmachtet und damit das WEF in seine grösste Existenzkrise gestürzt hatten, setzte sich immer stärker auch in dieser so unterschiedlich zusammengesetzten Gruppe durch. Und Buberl war der letzte der «Drei B», der noch an Bord war.
Das Machtkalkül war offensichtlich: In der grossen Runde hatte Thomas Buberl keine Chance, eine Mehrheit für eine Präsidentenkür zu finden. Doch in einem deutlich kleineren Gremium vorrangig mit Konzernvertretern würden seine Chancen massiv steigen – er konnte sich nach dem Interims-Regnum der beiden Co-Chairs als Mann der Zukunft mit langjähriger Kenntnis der Organisation positionieren. Dafür brauchte es vor allem die Zustimmung des noch starken Manns des Stiftungsrats: Larry Fink.
Da registrierten manche Stiftungsräte sehr genau eine angekündigte Bucherscheinung in Paris: Der Versicherungsmanager Buberl, bislang kaum für intellektuelle Gravitas abseits seines Geschäfts bekannt, hatte eigens eine 160-seitige Schrift veröffentlichen lassen, in der klassischen Tradition französischer Präsidentschaftsbewerbungen. «Il suffit de s’aimer» («Es genügt, sich zu lieben») lautete der fast schon romantische Titel, als schreibenden Co-Autor hatte er den Journalisten Étienne Gernelle vom Wochenmagazin «Le Point» eingespannt.
Flamboyante Selbstdarstellung
Es handelte sich um einen ausführlichen Essay über die Wichtigkeit der europäischen Idee, mit viel Pathos und wenig Praxisbezug, basierend auf angeblich hundert Interviews mit Personen aus Buberls Umfeld – Networking in bester Davos-Manier. Doch die zentrale Idee, das machten die Autoren unmissverständlich klar, stammte nicht von ihnen, sondern von dem Mann, der über die WEF-Nachfolge entschied und für das Buch natürlich interviewt worden war: der «Boss der Finanzwelt», wie sie ihn ehrfürchtig betitelten – Larry Fink.
Europa brauche mehr Eigeninitiative, mehr Beteiligung seiner Bürger am gemeinsamen Erfolg. «Es muss nun Eigentümer seiner Mauern, seines Daches und seiner Möbel werden. Das sagen nicht nur die Autoren dieses Buches, sondern auch der Boss der Finanzwelt höchstpersönlich, Larry Fink, Chef des weltweit grössten unabhängigen Vermögensverwalters», schrieben die Autoren. Fink habe ihnen anvertraut: «Wenn Sie wollen, dass jeder Europäer in das Wachstum Europas investiert und am Erfolg teilhat, darf er kein Mieter sein.» Die Schlussfolgerung: Es brauche einen europäischen Staatsfonds nach dem Vorbild von Norwegen oder Singapur.
Der Eindruck mancher Stiftungsräte: Hier wollte sich jemand als geopolitischer Denker positionieren, für den WEF-Chefposten unbedingte Voraussetzung – und gleichzeitig eine Demutsbekundung liefern gegenüber dem Mann, der ihn auf den Chefsessel hieven sollte. Buberl hatte auch Schwab zu Beginn seiner WEF-Zeit beflissen umgarnt.
Besuch auf Weingut
Eine spezielle Darbietung verstärkte diesen Eindruck. Ein Auftritt war in der Wirtschaftswelt besonders begehrt: In der Wochenendausgabe der «Financial Times» war es eine besondere Ehre, auf der Seite «Lunch with the FT» porträtiert zu werden. Es gab nicht wenige Wirtschaftsführer, die PR-Agenten eine ordentliche Summe dafür zahlten, hier auf einer ganzen Zeitungsseite mit lachsfarbener Tönung und vom eigenen FT-Zeichner grossflächig abgebildet zu werden.
CEOs mit einem reinen Geschäftshorizont schafften es selten, es brauchte die Fähigkeit zum grossen Blick. Mit seinem Buch hatte es Buberl geschafft. Doch die leise Ironie blieb nicht verborgen. Buberl hatte den «Financial Times»-Journalisten extra auf ein Weingut von Axa in der Bordeaux-Hochburg Pauillac eingeladen. Er begrüsste ihn «strahlend und in einem eleganten karierten Anzug» und lud ihn zu einer Tour durch seinen «geliebten Weinberg» ein. Er habe ihn «zurückhaltender» erwartet, schrieb der Autor: «Selbst nach den Massstäben der politisch besorgten europäischen Wirtschaftsführer ist Buberl ungewöhnlich stark auf die turbulente politische Lage des Kontinents fixiert.»
Es war eine ungewöhnliche Selbstdarstellung eines Chefs einer Versicherung – die Branche galt eher nicht als flamboyant. Die Lenker der grossen europäischen Rivalen wie Oliver Bäte bei der Allianz oder Mario Greco bei der «Zürich» lebten für den Geschäftserfolg und hatten keine Ambitionen, sich als politische Denker darzustellen. Buberls Co-Autor wurde in dem Artikel nicht erwähnt.
Der Axa-Chef lancierte auch hier die Idee des Staatsfonds prominent, allerdings ohne Bezug zu Fink. «Ein Drittel öffentliches Kapital, zwei Drittel privates Kapital, geführt nach privatwirtschaftlichen Regeln. Das ist für mich die Kapitalunion. Erledigt.» Doch wie sich der zweifellos verdienstvolle Vorschlag im zersplitterten Europa realisieren lassen sollte, blieb unklar. Die Europäer schafften es ja nicht einmal, gemeinsame Anleihen herauszugeben. Aber für derart konkrete Fragen war traditionell kein Platz bei so wolkigen Abhandlungen.
Drohende Lähmung
Bislang wurden die grossen Entscheide beim WEF immer bei der grossen jährlichen physischen Sitzung in der dritten Augustwoche in Genf getroffen. Doch die Nervosität in der Führung war stark gestiegen. Sie griff zu einem Schritt, der in der WEF-Geschichte den Ausnahmezustand signalisierte. Fink und Hoffmann beriefen für Montag, den 29. Juni, eine ausserplanmässige Sitzung ein. Eine wirkliche Dokumentation gab es nicht, aber das Anliegen war offensichtlich: die Verkleinerung des Stiftungsrats.
Es wurde eine denkwürdige Sitzung: Es kam zur Revolte. Schwab hatte fünf Tage vor der Sitzung in der «NZZ» einen langen Gastkommentar veröffentlicht, der Titel war Programm. Die zentrale Frage stellte er im Untertitel: «Bleibt das Wirtschaftsforum eine von Mission getragene Institution für öffentlich-private Zusammenarbeit, oder wird es zu einem Konferenz- und Netzwerkunternehmen?» Die Antwort stand in der Überschrift: «Das WEF muss seiner Mission treu bleiben».
Er schickte auch ein Schreiben an die Stiftungsratsmitglieder. «Das Forum wurde nicht als gewöhnliche Konferenzorganisation oder als von operativen Erwägungen geleitete Geschäftsplattform gegründet», hiess es dort. «Wäre das meine Absicht gewesen, hätte ich meine Energie, meine Zeit und meine eigenen finanziellen Mittel eingesetzt, um ein kommerzielles Unternehmen zu gründen. Das Forum wurde als gemeinnützige Stiftung und als unabhängige, unparteiische Institution mit mehreren Interessengruppen ins Leben gerufen.»
Er platzierte auch die Frage, die sich die überrumpelten Stiftungsräte stellten, die noch immer von einem Duo präsidiert wurden, das nicht mehr lange im Amt bleiben würde, aber jetzt plötzlich ohne Not einen fundamentalen Umbau anstrebte und dafür die viel dringendere Nachfolgefrage verzögerte. «Ich stelle daher eine grundlegende Frage: Warum sollte das, was 2016 von der Schweizer Regierung offiziell genehmigt und im Rahmen der Schweizer Stiftungsaufsicht akzeptiert wurde, plötzlich nicht mehr gültig sein? Was hat sich rechtlich, institutionell oder strategisch geändert, um den Abbau eben jenes Governance-Konzepts zu rechtfertigen, auf dem der Sonderstatus des Forums beruhte? Wenn der Stiftungsrat geschwächt wird, wenn wirksame Aufsichtsstrukturen abgeschafft werden, wenn die Entscheidungsgewalt in einem kleineren Kreis konzentriert wird und wenn der Multi-Stakeholder-Charakter der Governance eingeschränkt wird, läuft das Forum Gefahr, die Grundlage seiner Legitimität zu verlieren. Eine solche Änderung wäre keine technische Reform. Sie würde das Wesen der Institution verändern.»
Und dann liess er keinen Zweifel: Er würde die Rechtsmöglichkeiten, die ihm das Stiftungsrecht zuwies, bis zur letzten Instanz ausschöpfen. «Was mich betrifft, werden Sie sicherlich verstehen, dass ich, nachdem Hilde und ich unser Leben dem Aufbau dieser grossartigen Institution gewidmet haben, nicht tatenlos zusehen werde, wenn das Forum in einer Weise umgestaltet wird, die seinen Gründungszweck, seine schweizerische und internationale Legitimität oder die Würde derer untergräbt, die es geschaffen haben. Ich werde alle mir als Gründer und Stifter zur Verfügung stehenden Rechte nutzen, um den Auftrag, den Willen des Gründers und die Integrität der Institution zu verteidigen, wenn nötig bis vor das Schweizer Bundesgericht.»
Die Stiftungsräte kannten die Entschlossenheit des Professors. Sie wussten: Wenn sie den Umbauvorschlag annähmen, würde der Rechtsstreit die Organisation weiter lange lähmen. Zudem kamen auch von der Schweizer Regierung Zeichen, die bisherige Identität des Forums nicht anzutasten – als Plattform für den Austausch auf höchster Ebene war Davos unersetzlich, eine Managementkonferenz wäre da eine deutliche Verschlechterung, signalisierte das Departement von Bundespräsident Parmelin.
Purer Hass
Entscheidend war jedoch: Die Mehrheit war genauso wie Schwab von diesem Multi-Stakeholder-Ansatz überzeugt, sie verdankte ihm überhaupt erst ihre Präsenz in dem prestigeträchtigen Gremium, das sie jedes Jahr mit speziellen Privilegien zum wichtigsten Wirtschaftstreffen der Welt führte. Davos ohne Einbezug der Institutionen, der Politik und der Zivilgesellschaft wäre auch aus ihrer Sicht ein Davos ohne Sinn und Seele.
Singapurs Präsident Tharman Shanmugaratnam, mit einem der weltgrössten Staatsfonds auch ein Blackrock-Kunde und deshalb selbst für Fink von grosser Bedeutung, zeigte sich zunehmend kritisch und fand zahlreiche Verbündete. Die WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala, die langjährige CERN-Lenkerin Fabiola Gianotti, Weltbank-Chef Ajay Banga, aus der Konzernwelt Siemens-Aufsichtsratschef Joe Kaeser, das neue Mitglied Philipp Hildebrand als Vertreter der Schweizer Regierung und natürlich Christine Lagarde selbst: Sie stellten sich gegen das Führungstrio, und die Mehrheit folgte. Die Verkleinerung des Board of Trustees wurde abgeschmettert. Es war ein Aufstand gegen die Führung – und indirekt auch ein Votum für Schwabs Herzenskandidatin.
Für das Führungstrio war es ein Debakel. Der erfolgsverwöhnte Fink, der als CEO und Chairman von Blackrock Gehorsam der unteren Chargen gewohnt war, erlitt erstmals seit vielen Jahren eine Niederlage. Sie sollte auch den Wendepunkt für seine Ambitionen beim WEF bedeuten. Die Rechtsstreitigkeiten mit dem Gründer, dazu die Kritik an seinem Interessenkonflikt, der zu offensichtlich war, als dass er ihn glaubwürdig bestreiten konnte, das Scheinwerferlicht auf die Epstein-Verbindungen seines Sohns, und all das für die Führung einer Eventorganisation, die 6000 Kilometer von New York entfernt lag und ihm Zeit für seine Herzensfirma Blackrock stahl: Mit dem Aufstand der bislang schweigenden Mehrheit war die Attraktivität des Postens schlagartig massiv gesunken.
Kam hinzu: Selbst die Gunstbezeugung gegenüber dem Präsidenten, wesentliches Motiv für seine Amtsübernahme, verlor an Bedeutung. Trumps Macht in der Heimat bröckelte massiv. Irgendwann, das lehrte die Geschichte, würde das Pendel sich wieder in die andere Richtung bewegen, und das würde Wirtschaftsführer mit zu extremen Wendemanövern nicht gut dastehen lassen. Er stand da in der vordersten Reihe. Die monumentale Trump-Show vom Januar konnte er in dieser Form ohnehin nicht wiederholen.
Hoffmann zeigte sich einmal mehr als Mitläufer, der von der Situation überfordert war. «Eine Reform der Statuten macht erst Sinn, wenn die Frage des Stiftungsratsvorsitzes geklärt ist», sagte er nach der auch für ihn verheerenden Abstimmung der «Handelszeitung». Da hatte er recht – aber warum hatte er zusammen mit Fink die Abstimmung dann überhaupt angesetzt?
Doch der grösste Verlierer war Buberl. Schon einmal hatte er durch seine 33-Stunden-Entscheidung für eine zweite Untersuchung im April 2025 Lagarde verhindert. Jetzt war er ein zweites Mal gescheitert. Machtpolitisch war unbestreitbar: Seine Zeit war abgelaufen. Es dauerte dann auch nicht lange, bis über Vertraute erste Gerüchte Zürich erreichten, dass er von sich aus beim WEF zurücktreten werde, angeblich, weil er nichts mehr bewirken konnte. Das stimmte sogar – für seine Ambitionen auf den Präsidentensessel war das Signal unmissverständlich: Game over.
Jetzt schlug das Anti-Schwab-Lager in einem letzten Aufbäumen umso wilder um sich – es war purer Hass, ganz im Attacke-Duktus Brabecks: «Wir werden ihn vernichten.» Am 6. Juli, genau eine Woche nach der entscheidenden Sitzung, erschien ein Artikel, natürlich im «Wall Street Journal», mit dem Titel: «Exklusiv: Davos-Gründer Klaus Schwab plant Rückkehr zum World Economic Forum». Es war einmal mehr die «Financial Times», die das Dementi zum Artikel des Konkurrenzblatts brachte: Eine «mit Schwabs Denkweise vertraute Person» betonte, der 88-Jährige sei «nicht an einer Rückkehr interessiert».
Es folgte eine Auflistung von angeblichen Verstössen Schwabs, doch sie waren allesamt nicht neu: Sie stammten aus dem Interimsbericht von Homburger vom August 2025 und waren ja vom Abschlussbericht allesamt als nicht substanziell taxiert worden: Spesen, Diskriminierung, Manipulation des «Global Competitiveness Report» – die gleiche Litanei, ohne frische Fakten. Der einzige Unterschied zu der Berichterstattung vom Sommer davor: Das Anti-Schwab-Lager hatte dem «Wall Street Journal» den Interimsbericht offenbar zugespielt, sodass der Artikel Auszüge daraus abdrucken konnte. Einzige News: die Pensionszahlung für das Ehepaar Schwab in Höhe von 5,6 Millionen Franken. Doch auch hier handelte es sich schlicht um eine Non-Story: Die Pensionsansprüche waren bereits im fernen Jahr 1999 bei der Vereinbarung mit dem damaligen Nestlé-Lenker Helmut Maucher festgelegt worden, inklusive der Freiheit der Auszahlungsmodalitäten, die Schwab jetzt beanspruchte.
Neue Lecks
Die finale Attacke lancierten die Schwab-Gegner dann genau zwei Tage vor dem Jahrestreffen des Board of Trustees in Genf. Die «NZZ am Sonntag» hatte den Zwischenbericht offenbar ebenfalls erhalten und erhob ähnliche Vorwürfe wie das «Wall Street Journal». Die Überschrift war Programm: «Er gibt einfach keine Ruhe». Der Artikel hielt auch fest, dass Schwab beschlossen habe, keine rechtlichen Schritte mehr in Bezug auf die Corporate Governance zu unternehmen. Das habe er der Stiftungsaufsicht mitgeteilt, liess er über einen Sprecher ausrichten.
Der Hauptgrund für den Rückzug dürfte jedoch nicht plötzliche Altersmilde gewesen sein, sondern in dem Signal gelegen haben, dass bei dem Aufstand vom 29. Juni nicht nur die Statutenänderung abgeschmettert worden war, sondern sich auch die Nachfolgefrage entscheidend in Richtung seiner Kandidatin bewegt hatte. Schwab teilte auch Hoffmann und Fink mit, dass er auf weitere rechtliche Schritte verzichte, beklagte aber, dass der Stiftungsrat die fortwährenden Lecks an die Medien nicht stoppen könne. Hoffmann versprach ihm, dagegen vorzugehen.
Und so flogen die Stiftungsräte aus aller Welt in Genf ein, tagten am 18. August – und am Abend blieb es still: keine Verlautbarung, keine Pressemitteilung, keine Lecks. Fink und Hoffmann hatten angeordnet, dass die Teilnehmer ihre Mobiltelefone nicht in den Sitzungsraum mitnehmen durften, der operative Geschäftsführer Zwinggi, normalerweise dabei, durfte nicht teilnehmen. Es galt höchste Geheimhaltungsstufe.
Es dauerte fünf Tage, bis die Details der Sitzung dann doch an die Öffentlichkeit gelangten – die «NZZ am Sonntag», Absender der heftigen Attacke der Schwab-Gegner vor der Sitzung, berichtete detailliert über das Treffen. Es war ganz im Sinne der neuen Mehrheit verlaufen: eine Fortführung des Aufstands vom 29. Juni. Unter der Leitung von Tharman, unterstützt von Hildebrand als Emissär der Schweizer Regierung, hatte das Lagarde-Lager, obwohl nicht traktandiert, die EZB-Präsidentin als Kandidatin ausgerufen. Mit «ready to serve» erklärte Lagarde ihre Bereitschaft.
Die Entscheidung war ganz im Sinne von Bundespräsident Parmelin, den Fink und Hoffmann im Vorfeld extra besucht hatten. Die Verankerung in Davos war gesichert, Dublin oder Detroit vom Tisch. Die Nachfolge von Lagarde bei der EZB sollte im Herbst geregelt werden, dann musste eine formale Abstimmung ihre Kür zur Präsidentin des WEF mit Antritt nach dem Davos-Event vom Januar 2027 bestätigen.
Einmal mehr war Fink und Hoffmann das Heft des Handelns aus der Hand genommen worden. Das erneute Leck war ein zusätzliches Ärgernis, das ihre Autorität weiter untergrub. Es zeigte auch den Co-Chairmen nach mehr als zwei Jahren voller Ränkespiele und steter Fütterung der Medien: Der Feind sass im Inneren. Fink wollte wieder eine Untersuchung. Doch wer hätte sie übernehmen sollen? Formal wäre Buberl verantwortlich gewesen, er hatte ja bereits drei Untersuchungen geleitet.
Ihm blieb nur die Verkündung seines Rücktritts, die «NZZ» vermeldete ihn am Abend des 28. August, fünf Tage nach dem letzten Leck.
Anfang Oktober berief er sich via «NZZ am Sonntag» auf die Stiftungsaufsicht ESA: «Als sie sagte, dass eine Untersuchung durchzuführen ist, verstand ich das als klaren Auftrag.» Jedoch: Sie hatte das nie gesagt, wie die interne Mail von Buberl vom 17. April 2025 an die Stiftungsräte klar belegte, geschrieben direkt nach der von ihm lancierten Untersuchung nach Erhalt des anonymen Anklageschreibens: «In den kommenden Wochen wird der Ausschuss in Absprache mit Rechtsberatern entscheiden, ob er das Schreiben der Mitarbeiter an die Eidgenössische Stiftungsaufsicht (ESA) zur Prüfung und möglichen Untersuchung weiterleitet.»
Der letzte der «Drei B» trat ab mit einer Falschbehauptung.