Darum gehts
- Béatrice berichtet über Missbrauch in der Methernitha-Sekte in Linden BE
- Sektenführer Paul Baumann missbrauchte Mädchen, 1976 verurteilt
- Heute leben noch etwa 100 Mitglieder der Sekte in Linden
Die Trauerweide ist grösser geworden. Sie verdeckt fast die ganze Sicht auf das Schloss Thun – und den Blick in die Vergangenheit. Vor 50 Jahren war Béatrice schon einmal hier. Damals als «Zeugin der Anklage» in einem Prozess, über den die ganze Schweiz redete. Auch sie selbst redete. Vor Gericht – und in der Schweizer Illustrierten, der sie mehrmals Auskunft gab über ihre Zeit in der Methernitha-Sekte in Linden BE. Darüber, wie Sektenführer Paul Baumann, genannt «Vatti», sie und andere Mädchen missbrauchte. Nun steht Béatrice, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, wieder hier. 69 Jahre alt und Grossmutter. Das Schloss ist kein Gericht mehr, sondern ein Museum. Die Mauer, an die Béatrice sich lehnt, ist noch dieselbe.
«Ich war ein vorwitziges Kind», erinnert sie sich. Anfang der 1960er-Jahre reist die Familie von Béatrice regelmässig nach Linden BE. Die Eltern umwirbt Sektenführer Paul Baumann mit dem Versprechen einer wahren christlichen Gemeinschaft. Die Tochter und andere Kinder bereitet er mit kruden Theorien auf den Missbrauch vor. Etwa, dass in Ägypten ein Paradies voller Edelsteine warte. Oder dass die Mädchen zu Engeln auf Erden werden können. Als Béatrice zwölf Jahre alt ist, vergewaltigt Paul Baumann sie zum ersten Mal. Er verklausuliert es als «geistige Reinigung». Béatrice, das vorwitzige Kind, spricht nur noch wenig. Der «Vatti» befiehlt: nur das Nötigste, nicht mehr als drei Minuten pro Tag. «Es darf kein Lächeln an deinen Lippen vorübergehen», heisst es in Béatrice’ persönlichen Methernitha-Gesetzen.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
«Du hast einen schwarzen Humor», sagt Marina Klauser, 40, zu Béatrice. Die beiden Frauen lachen viel an diesem Tag in Thun. Trotz des dunklen Kapitels, das sie verbindet. Marina Klauser, Filmemacherin aus Zürich, hat die Geschichte von Methernitha in der berührenden Dok-Serie «Der Engelmacher» aufgearbeitet. Sie wurde im August im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt.
«Als Marina mich anrief, war ich erst mal sauer», erzählt Béatrice. Jemand hatte ihre Nummer rausgerückt. Doch dann trafen sich die Frauen, und Marina «machte einen soliden Eindruck auf mich. Ich spürte, dass es uns um dasselbe ging.» Ausserdem ist Klauser verwandt mit einer anderen Betroffenen. Käthi, die ebenfalls in der Serie vorkommt, ist die Tante der Regisseurin. «Lange wusste ich nichts von ihrer Vergangenheit», sagt Klauser. «Als mein Vater mir erzählte, was sie erlebt hatte, liess es mich nicht mehr los.»
Paul Baumann, damals schon über 40 Jahre alt, behauptet gegenüber der minderjährigen Béatrice, ein «Buebi» sei in seinem Körper. Später fährt angeblich der Engel «Sinda» in ihn. Er verschleiert den Missbrauch, isoliert und manipuliert die Mädchen. Die Eltern bleiben ahnungslos – und fragen nicht nach. Vor dem Prozess erzählt Béatrice 1976 in der Schweizer Illustrierten: «Als ich nach der Entjungferung am frühen Morgen von Linden nach Thun radelte, sagte ich meinen Eltern, ich sei beim Vatti gewesen. Damit war für sie alles in Ordnung.»
Mit 16 Jahren schaffte es Béatrice, Paul Baumann anzuzeigen. «Am 18. Dezember 1973 bin ich von der Methernitha weg. Ich denke jedes Jahr daran. Mein zweiter Geburtstag.» Wie ein Neugeborenes wusste auch sie wenig über die echte Welt. Das Verhältnis zu ihren Eltern blieb schwierig, auch wenn die ganze Familie die Sekte verlassen hatte. «Platte wechseln!», sagte ihr Vater, wenn sie über die Zeit in Linden sprechen wollte.
«Ich verlor mehr als eine Stelle deshalb»
Also sprach sie mit René Magron, Journalist der Schweizer Illustrierten. «Bei langen Spaziergängen nahm er mit dem Tonband alles auf, was ich erzählte.» Zwischen den beiden entstand eine Freundschaft und später auch eine Beziehung, die drei Jahre dauerte. «René war meine Rettung!», sagt Béatrice. «Es gab so vieles, was ich nicht wusste.» Bei ihm las sie stapelweise Schweizer Illustrierte, um zu erfahren, was in den letzten Jahren in der Welt passiert war. «Er brachte mir bei, dass man im Restaurant als Erwachsene keinen Sirup bestellt», erzählt Béatrice und lacht herzlich. Doch sie bezahlte einen Preis für ihre Aussagen in der Presse. «Ich verlor mehr als eine Stelle deshalb. Es hiess, man wolle nichts mit einer Person zu tun haben, die in einen Gerichtsprozess involviert ist.»
Nach ihrer Anzeige – noch vor dem Prozess gegen Paul Baumann – kehrt Béatrice noch einmal nach Linden zurück. Sie sagt ihm, dass sie ihn angezeigt hat. «Ich tauchte dort mit kurzen Haaren und Hosen auf. Da war für ihn ja klar, dass ich der Teufel sein muss. Doch zu dem Zeitpunkt hätte es mich selbst vor dem Teufel nicht mehr gefürchtet – und auch vor dem Vatti nicht.»
Wer in einer Extremsituation aufwachse, setze manchmal alles auf eine Karte, glaubt Marina Klauser: «Die unterdrückten Mädchen und Frauen wurden wagemutig. Obwohl sie isoliert und gegeneinander ausgespielt wurden, führte jeder kleine Ungehorsam zu einer Kettenreaktion, dank der sie sich befreien konnten. Das berührt mich.» Den Aussagen von Béatrice und von anderen Frauen ist es zu verdanken, dass Paul Baumann 1976 zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Woher hatte Béatrice den Mut? «Ich war jung und wusste nicht, was da alles auf mich zukommt», sagt sie. «Viel gebracht hat mein Mut leider nicht.»
Nach fünf Jahren wird Baumann entlassen und kehrt nach Linden zu den verbleibenden Sektenmitgliedern zurück. Laut einer anonymen Zeugenaussage in «Der Engelmacher» ging der Missbrauch dort weiter, bis Baumann «kein Bedürfnis» mehr hatte. Er starb 2011.
Regisseurin Marina Klauser gibt den Überlebenden von Methernitha viel Raum, ihre Geschichten zu erzählen. Sie wollte auch die Glaubensgemeinschaft selbst und die Gemeinde Linden zu Wort kommen lassen. Laut Klauser habe man diese Gelegenheit nicht ergriffen. «Eine Aufarbeitung dieses Kapitels hat offenbar noch nicht stattgefunden.» Noch heute leben etwa 100 Methernitha-Mitglieder in Linden.
Nach dem Ausstieg wagt sich Béatrice in die Welt hinaus. Als Ungelernte arbeitet sie im Service, in der Fabrik und putzt Anwaltsbüros. Sie bekommt zwei Töchter. «Mit meinen Kindern konnte ich nachholen, was ich selbst nie hatte. Ich genoss es, mit ihnen herumzublödeln.» Vom Vater der Mädchen trennt sie sich. «Es war hart, aber irgendwie ging es immer.» Ein spätes Glück ist die Ehe mit ihrem Mann, den sie mit 53 Jahren heiratet. 2021 stirbt er an einer schweren Krankheit. Und Béatrice entdeckt die Welt zum dritten Mal: als Reisende.
Nächsten Monat geht es nach Fuerteventura zu Freunden. Später im Jahr dann wieder in die Karibik. Und letzten Winter war Béatrice vier Monate in Australien. Sie, die einst die ganzen Sommerferien eingesperrt in ihrem Zimmer in Linden verbrachte, weil sie ein anderes Kind «angegrinst» hatte, ist nur noch selten zu Hause. «Damals hatte mich meine Mutter gefragt, warum ich so bleich von den Ferien in der Methernitha zurückkomme. Ich durfte nichts erzählen und sie hat nicht nachgefragt.»
Die Serie hat bei den Betroffenen viel ausgelöst. Béatrice hat erst jetzt ausführlich mit ihrer Familie darüber geredet, was ihr widerfahren ist. Marina Klauser: «Was die Frauen verbindet, ist, dass sie sich nach dem Ausstieg ins Leben zurückkämpfen und unglaublich viel lernen mussten.» – «Ich weiss ja nicht mal, wie man tanzt!», ergänzt Béatrice. «Wenn ich auf dem Kreuzfahrtschiff bin, mache ich es halt trotzdem. Ich wackle einfach herum – und meist folgen mir die anderen auf die Tanzfläche.»