Schweizer Sektenführer tyrannisierte Familien – Urs Künzer (80) entkam
«Wir erwarteten täglich den Weltuntergang»

Er nannte sich Apostel, prellte gutgläubige Bauern und nötigte Frauen zum Sex. Der Sektenführer Oskar Muggli terrorisierte Familien in der Schweiz. Jahrzehnte später bricht einer der letzten Überlebenden sein Schweigen.
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«Gefühle wurden bei uns systematisch unterdrückt», erzählt Urs Künzer heute.
Foto: Linda Käsbohrer

Darum gehts

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Frederik Jötten
Frederik Jötten
Beobachter

Drei Wochen vor seinem Tod versucht der selbsternannte Apostel Oskar Muggli alles, um den 17-jährigen Urs Künzer* in seiner Sekte zu halten. Auf einem Spaziergang bietet er ihm an, stellvertretender Leiter der Sekte zu werden. Künzer lehnt ab. Wutentbrannt verschwindet Muggli im Zimmer einer Anhängerin – Künzer vermutet, dass Muggli sich an der Frau vergeht.

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«Warum hätte er sonst die Tür abschliessen sollen?», sagt der heute 80-Jährige. Er sitzt hinter seinem Haus im Unterland auf seiner Terrasse im sommerlichen Vogelgezwitscher. Künzer legt seine hohe Stirn in Falten. «Das war für mich eine weitere Bestätigung, dass ich mit Muggli und seiner Sekte brechen musste.» 

Zuvor wurde Muggli mehrfach wegen «Sittlichkeitsdelikten» verurteilt und sass mindestens dreimal im Gefängnis. In einem Urteil des Bündner Kantonsgerichts von 1959 wird er schuldig gesprochen, Frauen zum Sex genötigt zu haben. Laut Gericht gestand er, «unter Ausnützung einer auf sein Wirken als Apostel zurückgehenden Hörigkeit und der Angst dieser Frau vor […] angedrohten ewigen Verdammnis, die Duldung des ausserehelichen Beischlafes erlangt zu haben».

Die Geschichte wäre wohl vergessen, hätte nicht eine Frau aus dem Bündner Averstal diesen Sommer ihre Memoiren veröffentlicht: «Dorli Menn – Die Frau aus Juf». Der Beobachter berichtete darüber. Menn schildert, wie Muggli 1956 ihre Familie auseinanderriss. Urs Künzer ist mutmasslich der einzige Überlebende, der nach Dorli Menn noch länger in der Sekte lebte und davon berichten kann. Er heisst in Wirklichkeit anders und möchte anonym bleiben.

Ein Tyrann mit Krawatte

«Muggli war ein kleiner Mann, etwa eins sechzig gross, Halbglatze, immer in Anzug mit Krawatte», erinnert sich Künzer. «Muggli trat sehr bestimmend und belehrend auf und forderte Gehorsam.» Wenn er einen Raum betrat, seien er und seine Familie strammgestanden. Gelacht habe Muggli nie. «Aber er muss Charisma gehabt haben – bei so vielen Menschen, die auf ihn hereingefallen sind.»

Obwohl Muggli Fotos kategorisch verboten hatte, existiert ein Schwarz-Weiss-Bild: Hut, Krawatte, Schnauzer, Segelohren. «Ja, das war er, unser Oberguru», sagt Künzer und verzieht belustigt den Mund. «Apostel 142 nannte er sich. Und unsterblich.»

Immer in Anzug mit Krawatte: der selbsternannte Apostel Oskar Muggli
Foto: Privat

Künzer wirkt, als sei ein Komiker an ihm verloren gegangen. Doch früher wurde in seiner Familie kaum gelacht. Ausser über die Missgeschicke der vermeintlich Gottlosen. Gemeint waren alle, die Muggli nicht folgten. Der Kern seiner Lehre war eine eigenwillige Bibelauslegung. Sie verbot etwa Musik, Blumenschmuck und Gehorsam gegenüber anderen Obrigkeiten – ausser ihm. Auch sagte er den Weltuntergang voraus, wohl um seine Anhänger zu disziplinieren. 

Kurz bevor er Künzer den Posten des stellvertretenden Leiters anbot, verfasste Muggli sein «Schlusswort in der alten Welt». Menschen vergleicht er darin mit Früchten: «Faule werden niemals gewogen, sondern auf den Mist geworfen.»

Betrug im Namen Gottes

Tatsächlich faul war aber vor allem er selbst. Er ging kaum je einer geregelten Arbeit nach. Sein Einkommen erzielte er mit Betrügereien. Dafür wurde er bereits 1932 in Zürich zum ersten Mal verurteilt. Später sammelte er Geld für angebliche Glaubensbrüder, die nach Feststellung des Kantonsgerichts Graubünden gar nicht existierten.

Künzers Eltern lebten von der Landwirtschaft – und nach Mugglis Regeln. «Er kam vorbei, vielleicht einmal im Monat, um mit uns aus der Bibel zu lesen», erzählt Künzer. 

Der «Apostel» wohnte mit seiner «Königin» zusammen. «Er hatte sich bei einer Anhängerfamilie aus Thusis eingenistet», erzählt Künzer. Den Mann habe er aus der Ehe gedrängt. Der lieferte aber weiterhin seinen Lohn ab und finanzierte so auch Muggli. 

Diese Masche hatte er schon früher angewandt, wie aus dem Urteil des Kantonsgerichts Graubünden hervorgeht. Darin sagt eine Zeugin aus, Muggli sei anfangs korrekt gewesen. «Bis er mir eine Offenbarung eröffnete, wonach ich im zukünftigen Reich Königin werden sollte. Es sei daher meine Bestimmung, mit ihm zusammenzuleben.» Später weiht er auch ihren Ehemann ein. «Mit der Zeit war ich so weit, dass ich mit Muggli zusammenlebte wie Mann und Frau.»

Für Urs Künzer ist es immer noch unerklärlich, wie sich ein Mann so aus einer Ehe drängen lassen kann. Auch für seine Eltern hat er kein Verständnis. «Wie konnten sie sich von einem solchen Typ dirigieren lassen?»

Künzer ist mutmasslich der einzige Überlebende, der nach Dorli Menn noch länger in der Sekte lebte und davon berichten kann.
Foto: Linda Käsbohrer

Schon als Kind hegte er Zweifel an Mugglis vermeintlich übersinnlichen Fähigkeiten. Als er etwa zwölf war, stellte er ihn auf die Probe. «Ich fragte: ‹Du siehst ja alles. Was macht meine Grossmutter genau jetzt?›», erzählt er. «Zuerst weigerte sich Muggli und sagte, es sei Sünde, seine Fähigkeiten für so etwas Irdisches einzusetzen. Aber ich insistierte.» Am Ende habe er sich durchgerungen, zu sagen, die Grossmutter wasche Wäsche. Künzer brach sofort zu ihr auf, fragte nach – und die Grossmutter war beim Vieh. «Da habe ich gewusst: Mit diesem Mann stimmt was nicht.»

Ein psychiatrisches Gutachten bezeichnete Muggli 1954 als «geltungssüchtigen Psychopathen». Von seinen Verurteilungen erfuhren Anhänger aber nur, wenn sie selbst als Zeugen geladen waren: «Es war normal, dass er plötzlich auftauchte und für längere Zeit wieder verschwand», erinnert sich Künzer.

Zerstörte Kindheit, langes Schweigen

Künzers Schwester musste die Schule nach der Primarstufe verlassen. «Ihr Lehrer kam zu uns und bat meinen Vater inständig, sie auf die Sekundarschule zu schicken», erzählt Künzer. «‹Nein, das nützt nicht zur Seligkeit›, antwortete der Vater.» Sektenführer Muggli hatte alles verboten, was Gefolgsleute mit anderen Menschen in Kontakt brachte.

Die Folgen dieser Jugend waren verheerend. Ein Bruder und eine Schwester von Künzer wurden später alkoholabhängig, eine Schwester war viele Jahre arbeitsunfähig, Diagnose Schizophrenie. «Wir wuchsen komplett im Zwiespalt auf: Zu Hause mussten wir uns nach Schema X und in der Schule nach Schema Y verhalten», sagt Künzer.

Die Eltern erwarteten täglich den Weltuntergang, den Muggli prophezeite. «Man hat darum nie gross über die Zukunft gesprochen», erinnert sich Künzer. «‹Dann sind wir eh schon im Paradies›, hiess es.» Der kleine Urs fragte nach, wie es dort aussehen würde. Antworten bekam er nicht.

«Endlich tot, der Sauhund!»

Es war der 3. September 1963, sieben Uhr morgens, als bei der Familie Künzer das Telefon klingelte. Die Mutter ging ran und erbleichte. Oskar Muggli war tot. Mit 59, es war wohl ein Herzinfarkt. «‹Ist er endlich tot, der Sauhund!›, sagte ich meiner Mutter.» Die habe nicht reagiert, verharrte wie in Trance. 

Eine Abdankung gab es nicht, über Mugglis Tod wurde nicht gesprochen. Urs Künzer fuhr eigens zum Friedhof und fotografierte den Grabstein, als Beleg dafür, dass der angeblich Unsterbliche tot war. Es half nichts: Seine Eltern lebten weiter nach dessen Regeln, als beobachte er sie noch immer.

Künzer liess das zerstörerische Gedankengut hinter sich, bestand die Aufnahmeprüfung an der Handelsschule, reiste mit 19 in die Türkei und nahm bald darauf eine Stelle in Spanien an. Seine Frau lernte er bei einem Studienaufenthalt in London kennen. Sie heirateten in der Schweiz – ohne seine Familie, die im Geist Mugglis alle Sakramente ablehnte.

Mit seiner Vergangenheit hat er abgeschlossen, er wollte nach vorn schauen.
Foto: Linda Käsbohrer

Künzer hielt nur noch den nötigsten Kontakt zu seinen Eltern. Sein Vater starb 1992, seine Mutter 2007. «Da flossen bei mir keine Tränen. Wahrscheinlich weil bei uns Gefühle systematisch unterdrückt wurden. Wir durften unsere Eltern nicht mal Mutter oder Vater nennen.» Bald sei man ja zusammen im Paradies, und dort gebe es keine Eltern, lautete Mugglis Begründung. «Ich hegte immer einen tiefen Groll gegenüber meinen Eltern», sagt Künzer. «Sie waren naiv – aber auf eine böse Weise.»

Trotzdem habe er mit der Vergangenheit abgeschlossen. «Ich konnte sie ja nicht ändern, nur nach vorn schauen», sagt er. Heute, mit 80, verbringt er viel Zeit mit seinen Enkeln, sieben und neun Jahre alt. «Ich bin ein reger Opa, da wird nicht zu Hause herumgehockt», sagt er. Zumindest für diese Familie scheint das schreckliche Erbe des Sektenführers ausgelöscht.

* Name geändert 

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