Darum gehts
- Trans Frau im Berner Freibad «Paradiesli» sorgt am 28. Juni für Aufruhr
- Polizei wird gerufen, Wegweisung erfolgt, Polizistin leicht verletzt, Proteste entstehen
- 50 Personen demonstrieren, Stadt Bern entschuldigt sich und prüft Polizeivorgehen
Eine männlich wirkende Person im Frauen-Schutzbereich: Am Sonntagabend kam es im Freibad Marzili in der Stadt Bern zu einem Eklat. Im freiwilligen FKK-Bereich «Paradiesli» – einem baulich abgetrennten Frauenbereich im südöstlichen Teil des Freibads – befand sich eine trans Frau, die aufgrund körperlicher Merkmale von anderen Badegästen nicht weiblich wahrgenommen wurde.
Eine Blick-Leserin, die am Sonntag im Frauenbereich war und sich an die Redaktion wandte, betont, dass die Person als «klar männlich zu lesend» aufgefallen sei. Sie listet mehrere körperliche Merkmale auf: «Keine Brüste, am ganzen Körper stark behaart, Penis.»
Mehrere Besucherinnen des «Paradiesli» fühlten sich gestört. Andere Besucherinnen solidarisierten sich dagegen mit der trans Frau. Aufgrund der angespannten Stimmung vor Ort suchten Badi-Mitarbeiter das Gespräch mit der Person mit der Bitte, das «Paradiesli» zu verlassen.
Die Situation eskalierte, als auch Gespräche mit dem Präsenz- und Präventionsteam des Sicherheitsdienstes «taktvoll» keine Deeskalation brachten. Der Betrieb entschied sich für eine polizeiliche Wegweisung der trans Frau. Dabei wurde eine Polizistin leicht verletzt.
Mitbewohnerin kritisiert Polizei
Blick konnte mit einer WG-Mitbewohnerin der betroffenen trans Frau sprechen. Sie kritisiert das Vorgehen der Polizei scharf. «Es gab keinen Grund, wie gegen Schwerverbrecher vorzugehen», sagt sie. «Meine Kollegin hat das Recht, sich in dem Frauenbereich aufzuhalten.»
Auch Polizei habe dann falsch reagiert. «Sie trugen Schlagstöcke und Tränengasspray offen mit», sagt die Kollegin. Insgesamt hätten sich dann 25 Unterstützerinnen zwischen die trans Frau und die Polizei gestellt. «Sie schoben die nackten Menschen brutal beiseite», sagt die Kollegin über die Polizei. «Meine WG-Partnerin haben sie dann auf den Boden gedrückt und fixiert. Sie durfte sich noch knapp anziehen, bevor sie in Handschellen abgeführt wurde.»
Die trans Frau wurde schliesslich beim Polizeiposten am Waisenhausplatz entlassen. Dort protestierten rund 50 Personen in einer spontanen Kundgebung. «Wir überlegen uns jetzt, wie wir das brutale Vorgehen der Polizei juristisch verarbeiten», sagt die Mitbewohnerin.
«Im Frauen-FKK möchte ich keine Penisse sehen»
In Bern konnte Blick mit Jirina Chablais (84) sprechen. Sie ist seit Jahrzehnten häufig im Marzili. Sie hat hier noch nie eine trans Person gesehen. Sie ist unschlüssig, ob sie der Anblick einer trans Frau im FKK-Bereich stören würde. «Das kann ich nicht sagen», meint sie. Unternehmen würde sie aber sicher nichts.
Eine junge Berner Studentin, die anonym bleiben will, sagt zu Blick: «Eine trans Person, im ‹Paradiesli› optisch als Mann gelesen wird, das kann Frauen unangenehm berühren.» Sie und ihre Kollegin halten sich auch gelegentlich im freiwilligen Nacktbereich auf. Die Studentin sagt: «Im Frauen-FKK möchte ich keine Penisse sehen.»
An der Zürcher Seepromenade konnte Blick mit Melina (18) aus dem Kanton Graubünden sprechen. Sie sagt: «Wenn man sich schon im Wandel befindet, zu einer Frau zu werden, dann sollte das überhaupt kein Problem sein.» Sie sieht aber auch Missbrauchspotenzial: «Wenn sich Männer nur als Frau ausgeben.»
Merlina (26) aus Buenos Aires betont in Zürich, dass es immer auf das konkrete Verhalten einer Person ankomme. «Wenn du meine persönlichen Grenzen überschreitest, dann finde ich es unangenehm.» Dies habe aber nichts mit der sexuellen Identifikation zu tun.
Bern entschuldigt sich, Zürich hat andere Regeln
Die Stadt Bern entschuldigte sich am Montag für das Vorgehen der Polizei. «Die konfliktbeladene Stimmung hat zu dieser falschen Einschätzung der Situation geführt», erklärte die Direktion für Bildung, Soziales und Sport der Stadt in einer Medienmitteilung. Die Behörden hätten zu schnell zu drastischen Mitteln gegriffen.
Die Stadt Bern betont, dass die betroffene Person die geltende Zutrittsregelung erfüllte: «Alle Personen, die sich als Frau identifizieren und als solche leben, haben Zugang zum freiwilligen FKK-Bereich ‹Paradiesli›.» Eine interne Orientierungshilfe besage, dass im Härtefall das in einem Ausweis festgehaltene amtliche Geschlecht gilt.
In der Zürcher Frauenbadi ist die Regelung übrigens anders, wie das Sportamt der Stadt Zürich auf Blick-Anfrage schreibt: Der Zutritt sei auf weiblich gelesene Personen beschränkt. «Grundsätzlich haben also Personen, die vom Personal als Frau erkannt werden, Zutritt zum Frauenbad.» Es sei in den letzten Jahren vorgekommen, dass das Personal Personen den Eintritt verwehrte. «Sicherheitsdienst oder Polizei waren dabei nicht involviert», so das Zürcher Sportamt.