Darum gehts
- Ein Ex-Spielsüchtiger warnt vor WM-Wettgefahren für Jugendliche und Erwachsene
- Er veruntreute 850'000 Franken, um seine Sucht zu finanzieren
- Maximale Wette: 50'000 Franken, mit 93'000 Franken Gewinn an einem Tag
Der Start der Fussball-Weltmeisterschaft bereitet Loïc* grosse Sorgen. Nicht wegen sich selbst – der 33-Jährige aus dem Kanton Waadt hat seine Sucht heute im Griff. Er sorgt sich vor allem um Jugendliche und junge Erwachsene, die jetzt beim Mega-Turnier zum ersten Mal auf den Geschmack kommen könnten.
«Für mich ist das die Krankheit der 2020er-Jahre. Mit der Weltmeisterschaft wird es jetzt wieder komplett explodieren», sagt Loïc zu Blick. Er weiss genau, wovon er spricht: Seine Sucht brachte ihn direkt in ein Waadtländer Gefängnis.
100 Mal den Code gescannt – Kiosk-Limit einfach ausgehebelt
«Ich bin so weit gegangen, Geld aus der Kasse meines ehemaligen Arbeitgebers zu stehlen. Insgesamt 850’000 Franken, die komplett in Sportwetten geflossen sind», erzählt er.
Begonnen hat alles ganz harmlos mit 16 Jahren. Ein Kumpel zeigte ihm eine Wettseite, Loïc zahlte 25 Franken ein. Am Anfang war es nur ein Spiel für den Sportfan, doch die Einsätze stiegen rasant: von 50 auf 100 Franken, dann auf 500.
«Ich habe jeden Tag gewettet. Der höchste Einsatz auf ein einziges Spiel lag bei 50’000 Franken.» Eigentlich liegt das Limit an Schweizer Kiosken bei 500 Franken. Doch Loïc trickste das System aus: Er scannte den QR-Code an den Automaten einfach 100 Mal hintereinander ein – und niemand griff ein. Am nächsten Tag holte er sich einen satten Gewinn von 93’000 Franken bar ab, ohne dass Fragen gestellt wurden.
Wetten auf Cricket in Bangladesch
15 Jahre lang wettet Loïc auf alles, was sich bewegt: Fussball, Basketball, politische Wahlen. «Einmal habe ich 500 Franken auf ein Cricket-Spiel in Bangladesch gesetzt. Ich hatte keine Ahnung von dem Land oder dem Sport. Ich musste erst die Regeln lernen – und checken, dass so ein Match mehrere Tage dauern kann.»
Der Kick tat seinem Selbstwertgefühl gut, weil er damals am Arbeitsplatz gemobbt wurde. Die Wette war seine Flucht. «Ich zog mich in meine eigene Welt zurück. Ich blendete alles andere aus.» Doch seine Familie litt massiv. Loïc stellt klar: «Bei einem Drogenabhängigen oder Alkoholiker sieht man es am Körper. Aber jemand, der spielt, wird einfach still und leise ruiniert.»
Selbstanzeige nach Riesen-Loch in der Kasse
Irgendwann hatte Loïc gar kein Geld mehr. Er bediente sich an der Kasse seines Chefs, um weiterzuspielen – mit dem Plan, das Geld nach dem nächsten Gewinn sofort wieder zurückzulegen. Das ging eine Weile gut. Dann wurde das Loch immer grösser, bis die Summe von 850’000 Franken erreicht war.
«Ich spürte, dass es auffliegt. Also kündigte ich und ging direkt zur Polizei.» Es folgten zwei Monate Untersuchungshaft und eine Verurteilung zu 24 Monaten auf Bewährung. Die Haft wirkte wie eine Kur. Seit zwei Jahren ist Loïc clean. Er kann wieder Fussball im TV schauen, ohne rückfällig zu werden.
* Name geändert