Zwischen Degen und Debatte
SVP-Fechterin Gianna Hablützel-Bürki muss sich neu erfinden

Die erfolgreichste Schweizer Fechterin Gianna Hablützel-Bürki ist seit Anfang Jahr die höchste Baslerin. Wie sich die SVP-Politikerin in dieser Rolle neu erfinden muss.
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En garde! Im Basler Rathaussaal lässt Gianna Hablützel-Bürki normalerweise Argumente sprechen. Doch sie kann auch anders.
Foto: Joseph Khakshouri

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Gianna Hablützel-Bürki, Ex-Fechterin, ist neue Grossratspräsidentin in Basel-Stadt
  • Die 56-Jährige vertritt als SVP-Politikerin einen links-grünen Kanton
  • 2000 gewann sie zwei Olympia-Silbermedaillen im Fechten in Sydney
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Thomas Renggli
Thomas Renggli
Schweizer Illustrierte

Der Rathaussaal von Basel ist ein Raum der Geschichte. Hohe Decken, Wappen, schwere Stühle. Normalerweise wird hier geredet, verhandelt, abgestimmt. Heute aber steht Gianna Hablützel-Bürki in Fechtausrüstung zwischen den Säulen. Maske unter dem Arm, der Degen locker in der Hand. Ein ungewohntes Bild – und doch eines, das erstaunlich stimmig wirkt.

«Es ist für mich eine sehr ehrenvolle Aufgabe», sagt die 56-Jährige später, als sie die Ausrüstung wieder abgelegt hat. Ein Jahr lang repräsentiert sie als Grossratspräsidentin den links-grünen Kanton Basel-Stadt. Für eine Politikerin der SVP ist das keine Selbstverständlichkeit. «Diese Chance hat man alle acht, neun Jahre.» Ob sie je damit gerechnet habe, einmal die höchste Baslerin zu werden? «Definitiv nicht.»

Die Frau und das Geläut. Brachte Hablützel-Bürki die Mitstreiter früher mit dem Degen zum Schweigen, tut sie es nun mit der Glocke.
Foto: Joseph Khakshouri

Vor 26 Jahren war sie schon einmal hier. Damals als Spitzensportlerin, empfangen nach den Olympischen Spielen von Sydney. Eine Urkunde, ein offizielles Protokoll, Applaus. Heute «ficht» sie als Präsidentin, leitet die Sitzungen, wahrt die Ordnung. Neutral. Ohne Parteiagenda.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Politik ist ein Mannschaftssport

Ist Politik für sie ein Kampf, ähnlich wie das Fechten? Hablützel-Bürki überlegt kurz – und nickt. «An der Front gehts hart auf hart.» Jede Stimme zähle, wie im Sport jeder Treffer. Doch der entscheidende Unterschied liege woanders. «Im Fechten hast du es selbst in der Hand.» In der Politik nicht. Abstimmungen, Mehrheiten, Volksentscheide – vieles entziehe sich der eigenen Kontrolle.

Vielleicht ist genau dies die grösste Umstellung für eine ehemalige Einzelkämpferin. Jahrelang war sie allein auf der Piste, trainierte diszipliniert, zielgerichtet, fokussiert. In der Politik kämpft sie im Team, in Fraktionen, für Anliegen – nicht für sich selber.

Mehr als Mantel und Degen: Gianna Hablützel-Bürki im Homeoffice in Riehen.
Foto: Joseph Khakshouri

Konsequent bis kompromisslos

Dass sie politisch klar rechts steht, überrascht sie selber nicht. In Asyl- und Ordnungsfragen gilt sie als konsequent, manchmal kompromisslos. «Ich habe viel gesehen», sagt sie. Als Sportlerin war sie auf allen Kontinenten unterwegs. «Und ich habe erlebt, wie man als Ausländer in anderen Ländern behandelt wird.»

Sie hat den Ostblock kennengelernt, Budapest 1986, die DDR, den Sozialismus. Erfahrungen, die geprägt haben. «Wir haben hier in der Schweiz ein privilegiertes Leben.» Zu den eigenen Werten müsse man Sorge tragen. «Alle sind willkommen – aber man muss sich an unsere Regeln halten.»

Mit zwei Olympia-Silbermedaillen – gewonnen 2000 in Sydney – ist Hablützel-Bürki die erfolgreichste Schweizer Fechterin.
Foto: Joseph Khakshouri

Hablützel-Bürki ist nicht nur Politikerin und Spitzensportlerin, sondern auch Mutter. Ihre Tochter Demi kam 1998 zur Welt – mitten in der Karriere. Zwei olympische Medaillen gewann sie danach noch. «Man muss sich ganz anders organisieren», sagt sie. Der Tagesrhythmus, die Erholung, alles verändere sich. «Das Umfeld muss mitmachen. Sonst funktioniert gar nichts.»

Oft war die Mutter oder die Schwestern dabei, wenn sie an Turniere reiste. Demi wuchs in der Welt des Sports auf, stand früh in Hallen, auf Tribünen. Sie focht selber bis ins junge Erwachsenenalter, zeigte grosses Talent, wurde aber durch Verletzungen und Krankheit zurückgeworfen. Heute hat sie einen anderen Weg eingeschlagen.

Differenzen in der Rechts-Politik

In Riehen BS, bei Hablützel-Bürki zu Hause, klingelt kurz das Telefon. Demi kommt auf eine Tasse Tee vorbei. Kürzlich hat die 27-Jährige den Master in Rechtswissenschaften abgeschlossen. Sie ist Präsidentin der Jungen SVP Basel-Stadt und Vorstandsmitglied der SVP Basel-Stadt. Mutter und Tochter politisieren in derselben Partei – aber nicht immer mit derselben Haltung. «Bei der Ehe für alle waren wir anderer Meinung – und auch in der Asyldebatte haben wir nicht dieselben Positionen», sagt die Mutter offen. Da sei die Tochter weniger hart. «Das ist auch eine Generationenfrage.» Über Politik werde zu Hause diskutiert – nie ohne Reibung. Einig sind sie sich dennoch meist: im Pflichtgefühl, im Leistungsdenken, im Willen, Verantwortung zu übernehmen.

Politisch bewegen sich Mutter und Tochter auf Augenhöhe – auch wenn Demi in gewissen Themen weniger hart ist als ihre Mutter.
Foto: Joseph Khakshouri

Ein Jahr zum Zuhören

Als Grossratspräsidentin tritt Gianna Hablützel-Bürki bewusst einen Schritt zurück. «Jetzt bin ich neutral.» Dieses Jahr wolle sie nutzen, um zuzuhören. Institutionen besuchen, Gespräche führen, erfahren, wo der Schuh drückt. «Ich kann nicht einfach sagen: Das interessiert mich nicht.»

Ob ihr das schwerfällt? Sie lächelt. «Man lernt.» Wer ein solches Amt annehme, müsse die Konsequenzen tragen. Wie im Sport. Disziplin. Fokus. Aushalten. Wo sie sich in zehn Jahren sieht, weiss sie nicht. Basel-Stadt sei ein hartes Pflaster für die SVP, nationale Ambitionen schwierig. Aber aufgeben war nie ihre Sache. Im Rathaussaal liegt der Degen inzwischen auf der Seite. Der politische Zweikampf dauert länger. Und er endet selten mit einem klaren Treffer.

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