Darum gehts
- Basel-Stadt erlaubt seit 2024 Förderklassen, doch nur eine Schule plant sie
- Knappe Ressourcen und organisatorische Hürden verhindern schnelle Einführung
- Umfrage in Basel: 90 Prozent fordern Überdenken der integrativen Schule
Im Kanton Basel-Stadt sind die Förderklassen zurück – schien es. Im September 2024 entschied das Kantonsparlament, dass die Volksschulen für lernschwache Kinder wieder auf die Sonderlösung zurückgreifen dürfen.
Doch mehr als ein Jahr später zeigt sich: Kaum jemand will das. Von den 25 Schulen im Kanton nimmt genau eine die Sonderklasse zurück ins Programm. Und auch dort verzögert sich die Einführung. Ist das Bedürfnis gar nicht so gross, wie von Gegnerinnen und Gegnern der integrativen Schule behauptet wird?
Wenig Ressourcen für die Sonderlösung
Um eine Förderklasse zu gründen, müssen die Basler Schulen weiterhin weite Wege gehen. Dass sie im Kanton überhaupt wieder möglich sind, sei bereits «ein wichtiger Meilenstein», sagt Lehrer Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel. Von den Delegierten des Lehrerinnen- und Lehrerverbands hätten rund 70 Prozent die Wiedereinführung unterstützt.
Doch es kommen weitere Hürden hinzu: knapper Schulraum und zu wenig Ressourcen. Daher müsste angestrebt werden, dass sich für die Sonderklassen mehrere Schulen zusammenschliessen. «Dies ist mit erheblichen schulorganisatorischen Hürden verbunden», sagt Héritier.
Auch das Basler Erziehungsdepartement teilt mit, dass es für die Schulen ein aufwendiger und komplexer Prozess sei. Und letztlich müssten auch die Eltern mit an Bord geholt werden.
Zahlreiche Kantone wollen mehr Separation
Basel-Stadt ist nicht der einzige Kanton, der zurück zu den Förderklassen will. Im Aargau überwies das Parlament im November eine Motion an die Regierung. In Zürich präsentierte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (67) fast gleichzeitig eine Gesetzesänderung, um lernschwache und verhaltensauffällige Kinder wieder in Sonderklassen einzuteilen.
Beim Zürcher Lehrerverband setzten sich nur eine Handvoll Delegierte für die Sonderklassen ein. Eine repräsentative Befragung fehlt. Oft berufen sich Gegnerinnen und Gegner daher auf eine zumindest «aussagekräftige» Umfrage aus der Nordwestschweiz. Der Verein Starke Schule beider Basel führte sie 2024 durch – mit 786 Personen, davon 664 selbst Lehrpersonen.
Die Kernaussage: Für fast 90 Prozent sei klar, dass die integrative Schule, wie sie heute durchgeführt wird, neu gedacht und korrigiert werden müsse. Fast zwei Drittel würden die flächendeckende Einführung von Kleinklassen begrüssen – und zwar besonders für lernschwache Schülerinnen und Schüler.
Hoher Preis verlagert die Problematik
Zwar stammt der politische Druck mehrheitlich aus der bürgerlichen Ecke. Doch auch der Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverband ist nicht grundsätzlich dagegen. «Wir haben immer gesagt, dass es separative Massnahmen braucht», sagt Präsidentin Dagmar Rösler (54). Basel-Stadt wie andere Kantone setzen abseits der Sonderklassen bereits andere Instrumente ein. «Die Wiedereinführung der Förderklassen wird viel heisser gekocht als gegessen. Und oftmals spricht man in diesem Thema aneinander vorbei.»
Dabei sei auch der Verband in einer Zwickmühle: «Zeigen wir Verständnis, kommt der Vorwurf, dass wir die integrative Schule nun doch als gescheitert betrachten. Umgekehrt sind wir auch nicht der Ansicht, dass unsere Schulen wieder zu ihren alten Strukturen zurückkehren sollen.»
Nicht nur in Basel sind die Rahmenbedingungen erschwert. Auch in Zürich zahlen die Schulen einen hohen Preis. Wird eine Förderklasse eingeführt, zügelt auch die heilpädagogische Fachlehrperson – und fehlt damit in der Regelklasse. «Solche Konstrukte sind für mich eine Verlagerung der Problematik», sagt Rösler. Denn nicht jedes betreuungsbedürftige Kind landet automatisch in der Förderklasse.
Hat Basel zu viele Fördergefässe?
Im Aargau will Bildungsdirektorin Martina Bircher (41, SVP) der ungünstigen Situation Abhilfe schaffen: Förderklassen sollen zusätzlich finanziell gefördert werden. Noch ist unklar, wie dies geschehen soll – und wo das Geld im Gegenzug fehlen wird.
Die Ressourcenverteilung bleibt auch in Basel eine heikle Thematik. «Es gibt dort auch Stimmen, die von einem Überangebot an Fördergefässen sprechen», sagt Rösler. Statt Spezialangeboten wären aus Röslers Sicht grundsätzlich kleinere Klassen wichtig – oder zwei Lehrpersonen pro Klasse. «Das ist aber kein Plädoyer gegen separate Gefässe. Manchmal geht es nicht anders.»
In kleinen Kantonen geht es in die andere Richtung
Den Basler Lehrpersonen möchte Rösler daher durchaus ein Kränzchen winden. «Das ist ein Zeichen, dass Förderklassen nicht einfach wie Pilze aus dem Boden schiessen.» Stattdessen würden sie als letzte Möglichkeit gelten, nachdem die Lehrpersonen bereits alles andere versucht hätten.
In den kleineren Kantonen bleibt die Diskussion sowieso ein Nebengleis. Viele davon betreiben ihre Schule bereits aus strukturellen Gründen mehrheitlich integriert.
Oder sie müssen aus finanziellen Gründen wieder dahin zurück: Der Kanton Solothurn – der bisher kaum integrierte – will nun in einem Pilotprojekt Sonderschülerinnen und -schüler vermehrt in die Regelschulen einbinden. Der bürgerliche Spardruck geht dem Widerstand gegen die integrative Schule vor.