Darum gehts bei der Nachhaltigkeits-Initiative
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10-Millionen-Schweiz:Darum gehts bei der Nachhaltigkeits-Initiative

Wir werden immer älter
«Die Schweiz hat ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht»

Die Schweiz droht ohne Reformen in eine AHV-Krise zu schlittern. Soziologe Ganga Jey Aratnam fordert einen Generationenfonds, um die Renten zu sichern.
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Die Schweiz habe ihre Hausaufgaben nicht gemacht, sagt Soziologe Ganga Jey Aratnam. Sie müsse jetzt den künftigen Wohlstand planen.
Foto: Thomas Meier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Die Schweizer Bevölkerung wird älter, erste Kantone schrumpfen bereits
  • Geburtenrate sank 2024 auf 1,29 Kinder pro Frau
  • Sozialsysteme sind auf Alterspyramide aufgebaut, die es nicht mehr gibt
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Lucien FluriCo-Ressortleiter Politik

Kann sich die Schweiz die AHV in ein paar Jahren noch leisten? Ganga Jey Aratnam (53) kommt gleich zum Punkt. «Wir haben keine beständigen Lösungen», sagt der Soziologe, der sich intensiv mit dem Älterwerden der Bevölkerung hierzulande beschäftigt hat. «Die Schweiz hat ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht.»

Jey Aratnam hat zwei Grafiken, die das Problem zeigen. Auf der ersten sieht man eine Pyramidenform um das Jahr 1900. Unten zeigt sie viele junge Leute. Je höher das Alter, umso weniger Leute hat es. Die Sozialpolitik im Umlageverfahren beruht auf dieser Pyramidenform: Viele Junge zahlen für die wenigen Älteren. 

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Doch die zweite Grafik zeigt die heutige Realität der schweizerischen und europäischen Bevölkerung. Sie hat eine Urnenform. Es gibt immer mehr ältere Leute, aber deutlich weniger Junge. «Wir haben unser System nicht an die demografische Entwicklung angepasst», sagt Jey Aratnam. «Die Zukunft der Schweiz gehört aber dem Alter. Wir werden immer weniger Junge und Arbeitskräfte haben.» 

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Die ersten Kantone schrumpfen bereits

Seine dringende Forderung: «Es ist notwendig, dass wir jetzt den künftigen Wohlstand gut planen.» Die Schweiz müsse rasch Lösungen angehen, um die Sozialwerke zu sichern. Eine Möglichkeit, die Jey Aratnam sieht: eine Art Staatsfonds für die AHV. «Das bismarcksche Umlageverfahren wird in der alternden Schweiz zum Klotz am Bein», sagt er. «Ein Generationenfonds für die AHV, finanziert durch SNB-Gewinne, Dividenden öffentlicher Betriebe oder Steuern, würde die Jüngeren entlasten und den Zusammenhalt zwischen den Generationen stärken.»

Denn in den ersten Kantonen zeigt sich schon, wohin der demografische Weg der Schweiz führt. Während das Land über die Zuwanderung diskutiert, ist das natürliche Bevölkerungswachstum, also der Geburtenüberschuss, in einer Mehrheit der Kantone, etwa in Bern, Tessin oder Baselland, in den letzten Jahren negativ. BFS-Prognosen zufolge trifft es ab 2033 gesamtschweizerisch zu.

«In Zukunft wird es Dünnestress geben»

Bereits jetzt schlägt sich das Bevölkerungswachstum der Schweiz nicht überall nieder. Die Migration durch Personenfreizügigkeit ging vor allem in einige Zentren. «Ja, es gibt deswegen Dichtestress», sagt Jey Aratnam. «Aber in der Zukunft wird es noch mehr Dünnestress geben.» Und das dürfte rascher kommen als bisher. Das Bundesamt für Statistik ging in seiner Bevölkerungsprognose davon aus, dass die Geburtenrate bei 1,4 Kindern pro Frau liegt. Tatsächlich lag diese schon 2024 bei 1,29. 

Kritisch blickt Jey Aratnam deshalb auch auf die Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz. Der Demograf geht mit der Migration zwar durchaus hart ins Gericht. «Migration ist nicht nachhaltig, sondern nur eine Notlösung», sagt er. Denn Migration entziehe den Nachbarländern Arbeitskräfte, die die Länder selbst ausgebildet hätten – und brauchen könnten. «Mit weniger importierten Arbeitskräften wären Frauen auf unserem Arbeitsmarkt mehr gefragt», sagt er. Zudem hätte es einen höheren Produktivitätsdruck und noch mehr technische Innovation gegeben, ist er überzeugt.

Doch die Initiative komme zum falschen Zeitpunkt, sagt er, der ursprünglich Medizin studiert hatte und später an der Uni Basel in Soziologie doktorierte, über die Zuwanderung Hochqualifizierter. Als Notlösung brauche die Schweiz die Migration, damit sie genügend Zeit habe, um die Sozialwerke für die Zukunft aufzustellen. «Es ist eine Luxussituation, dass die Bevölkerung dank der Zuwanderung nicht schrumpft», sagt er. Andere europäische Länder würden davon träumen. «Eine höhere Geburtenrate ist illusorisch.»

Wohlstandsleben: Teilzeit bringt man nicht weg

Wie kann die Schweiz dem Problem der alternden Bevölkerung sonst begegnen? Dass die Menschen weniger Teilzeit arbeiten oder ein höheres Rentenalter befürworten, hält Ganga Jey Aratnam aktuell nicht für realistisch. Der Wohlstand erlaube den Schweizern auch ein «Wohlstandsleben». Freiwillig gebe man dies nicht auf. «Die Leute sind zufrieden. Deshalb arbeiten sie Teilzeit.» Zudem sei die Vorstellung falsch, dass in der «Freizeit» nichts getan werde. So entfalle auch Care-Arbeit auf diese Zeit. 

Welche weiteren Lösungsansätze sieht er denn, damit die Schweiz als Gesellschaft mit der älter werdenden Bevölkerung besser leben kann?

  • Auf der gymnasialen Maturstufe beträgt der Frauenanteil 58 Prozent, später steigen Frauen aber in Wirtschaft und Wissenschaft nicht in höhere Positionen auf. Die Schweiz hole eher Männer aus dem Ausland, so Jey Aratnam. Es brauche deshalb besser angepasste Strukturen für Frauen am Arbeitsplatz.
  • Damit Frauen mehr arbeiten, müssen die Männer auch tatsächlich gleich viel im Haushalt mithelfen und Care-Arbeit übernehmen. Das ist heute nicht der Fall.
  • Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaube könnten ausgebaut werden.
  • Neue Formen des Zusammenlebens – etwa die Adoption von Kindern durch Alleinstehende – sollten überlegt werden.
  • Mehr technische Effizienz, um den Wegfall von Arbeitskräften zu kompensieren. Pflegekräfte und Sozialarbeitende müssen etwa enormen administrativen Aufwand leisten. «Die Delegation an die Technik macht sie frei für das Zwischenmenschliche», sagt Jey Aratnam.
  • Für die alternde Gesellschaft, die weniger Arbeitskräfte hat, sieht Jey Aratnam das freiwillige Engagement von Senioren als weiteren Faktor, der mithelfen könne, den Wandel zu bewältigen. Denn die Leistung von Rentnern sei bereits heute beachtlich: 40 Prozent der Kinderbetreuung wird von Grosseltern übernommen.

Ein Punkt aber ist für Jey Aratnam in der aktuellen Diskussion besonders wichtig: Das Alter dürfe nicht als negativ oder unproduktiv angesehen werden, sagt der Soziologe. Es brauche ein gesellschaftliches Umdenken. Einerseits hätten sich die Rentner die gelassenere Phase verdient. Und andererseits wird eine ältere Gesellschaft einfach Realität. «Das mit der höheren Geburtenrate bekommen wir nicht mehr hin», sagt er. 


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