Weil italienische Bauern mehr davon brauchen
Heisser Wasser-Zoff! Drohen dem Tessin jetzt Überschwemmungen?

SP-Nationalrat Bruno Storni fordert ein Abkommen mit Italien zum Lago Maggiore. Der Streit um den Wasserstand spitzt sich zu. Es geht um Landwirtschaft, Überschwemmungen und den Klimawandel. Die Hintergründe – und wie Italien reagiert.
Kommentieren
1/6
Das Wasser im Lago Maggiore ist nicht nur bei Badegästen beliebt.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • SP-Nationalrat fordert Abkommen mit Italien über Lago Maggiore-Wasserstand
  • Erhöhung des Sees gefährdet Tessin durch Überschwemmungen und Umweltschäden
  • Pegel soll auf 1,35 bis 1,4 Meter steigen, Italien testet seit 2015
RMS_Portrait_AUTOR_401.JPG
Tobias BruggmannRedaktor Politik

Die Schweiz ächzt unter der Hitze. Der Sprung ins kühle Nass scheint die einzige Rettung. Doch über das Wasser – das blaue Gold der Schweiz – ist ein internationaler Streit entbrannt. 

Der Tessiner SP-Nationalrat Bruno Storni (71) verlangt in einem Vorstoss, dass die Schweiz ein Abkommen mit Italien schliesst, um den Wasserstand des Lago Maggiore gemeinsam bestimmen zu können. Was absurd tönt, hat einen ernsten Hintergrund. «Die Italiener wollen den maximalen Wasserstand des Sees erhöhen, damit sie mehr Wasser für ihre Landwirtschaft nutzen können», sagt Storni zu Blick. «Die globale Erwärmung verstärkt die Häufigkeit extremer Niederschläge. Wenn der Seepegel künstlich erhöht wird, steigt die Gefahr von Überschwemmungen auch im Tessin.»

«Italien experimentiert und wir können nichts dazu sagen»

Konkret soll der Wasserstand auf 1,35 bis 1,4 Meter über dem Nullpunkt, der bei Sesto Calende (I) gemessen wird, erhöht werden. «Italien experimentiert seit 2015 mit dem Pegelstand und wir können nichts dazu sagen», ärgert sich Storni.

Der Parlamentarier erinnert an das vergangene Jahr, als der Fluss Ticino in Pavia im April über die Ufer getreten ist, weil der Seepegel zu hoch reguliert war. Nach einem Tag mit starkem Regen nahm der Pegel um über einen Meter zu. «Es ist ein Spiel mit dem Feuer.» Dabei ginge es nicht nur um die Sicherheit, sondern auch um die Strände, die dauernd unter Wasser blieben, und um gefährdete Naturschutzgebiete, erklärt Storni. 

Er versteht zwar, dass die italienischen Bauern auch Schweizer Wasser brauchen. Aber: «Ihre Art, die Felder zu bewässern, ist völlig veraltet. Sie setzen sie wie vor 50 Jahren unter Wasser. Es ist absurd.» 

Anpassung an Klimawandel

Zuständig auf italienischer Seite für die Regulierung des Sees ist die «Autorità di bacino distrettuale del fiume Po». Die Bezirksbehörde schreibt Blick, das Hauptziel sei, die Probleme bei der Bewässerung der Kulturen während der Sommersaison zu verringern. Hat es mehr Wasser im See, gibt es mehr Reserven während der Trockenheit. 

Die Versuche, den Pegelstand zu erhöhen, laufen schon länger, «wobei diese Möglichkeiten jedoch an die Umsetzung aller erforderlichen Vorsichtsmassnahmen geknüpft waren, um negative Auswirkungen auf Menschen, Umwelt und Infrastruktur zu vermeiden», so die Bezirksbehörde. Das aktuelle Vorgehen entspreche den Erfordernissen einer proaktiven Bewirtschaftung der Wasserressourcen und berücksichtige meteorologische und klimatische Bedingungen, «die sich aus den Szenarien des Klimawandels ergeben». 

Nicht der erste Zank

Es ist nicht das erste Mal, dass der Wasserstand des Lago Maggiore für Aufsehen sorgt. 2022 erhielt Italien weniger Wasser als üblich. Das führte gar zu einem Hilferuf, weil die Bauern um ihre Ernten bangten, wie SRF berichtete. «Wir bitten unsere Schweizer Freunde, den Pegel des Lago Maggiore zu stützen. Dies soll durch die Stauseen in den Alpen passieren», sagte Meuccio Berselli, Generalsekretär der Behörde für das Po-Einzugsgebiet. 

Dass das Wasser fehlt, könnte wieder vorkommen, schreibt auch die Bezirksbehörde. Wenn der Schnee zu früh schmilzt, fehlt das Wasser im Sommer, wenn es dringend gebraucht wird. «Auch im laufenden Jahr hat sich diese Situation bereits gezeigt.»

Abkommen mit Frankreich

Jetzt soll der Bundesrat also ein Abkommen mit Italien verhandeln. Stornis Vorstoss ist breit abgestützt, Politiker aller grossen Parteien im Bundeshaus haben ihn unterschrieben. 

Doch noch während der Fragestunde im Nationalrat beschwichtigte die Regierung. Der Bund sei zusammen mit dem Kanton Tessin in die Arbeitsgruppen eingebunden. Die Schweizer Delegation habe einer Testphase zugestimmt. «Modellierungen, Studien und Regulierungsversuche unter der Aufsicht der zuständigen italienischen Behörde zeigen, dass ein solcher Pegel für den Hochwasserschutz tragbar ist», heisst es in der Antwort von Bundesrat Albert Rösti (58, SVP). 

Italien wäre nicht das erste Land, mit dem die Schweiz ein solches Wasserabkommen hat. Im vergangenen Jahr unterzeichnete Rösti ein ähnliches Papier mit Frankreich. Bei Krisen wie Trockenheit oder Überschwemmungen will man sich beim Management des Wasserstandes enger koordinieren.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen