Das Wasserschloss Europa ist unter Druck. Die Schweiz verfügt über Seen und Flüsse, die insbesondere Frankreich, Italien und Deutschland durchqueren. Mit häufigeren Dürren kann diese privilegierte Position Spannungen auslösen.
Denn Wasser macht an Grenzen nicht halt. Eine Entscheidung im Oberlauf kann Hunderte Kilometer weiter unten Folgen haben. Wird die Ressource knapper, stellt sich die Frage: Wie lässt sie sich teilen?
Blutige Kämpfe
Ein Blick ins Ausland zeigt: Der Kampf kann blutig enden. Im Ferghana-Tal zwischen Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan zählt jeder Durchfluss. Das Wasser wird gemessen, ausgehandelt, verteilt und manchmal umkämpft. Blick reiste auf Einladung der Schweizer Organisation Helvetas in diese drei Länder.
Rund um Vorukh, eine tadschikische Enklave auf kirgisischem Staatsgebiet, forderten Auseinandersetzungen um eine umstrittene Grenze sowie den Zugang zu Land und Ressourcen im April 2021 mehr als 50 Todesopfer, mehrheitlich Zivilisten. Auslöser war ein Streit über Überwachungskameras bei einer Wasserverteilstelle.
An den Ufern des Genfersees scheint eine solche Situation schwer vorstellbar. Doch die Logik ist dieselbe: Überschreitet eine Ressource eine Landesgrenze, hängt ihre Bewirtschaftung nicht mehr von einem einzigen Land ab. «Der Klimawandel wird durch wiederkehrende Extreme von Dürren und Überschwemmungen die grenzüberschreitende Bewirtschaftung unter Druck setzen», warnt Christian Bréthaut, Professor an der Universität Genf.
Brennpunkt Po-Ebene
Auch in der Schweiz ist das nicht nur ein Zukunftsszenario: «Es beginnt bereits.» Der wichtigste Brennpunkt liegt heute am Lago Maggiore zwischen dem Tessin und Italien. Es geht vor allem um die Wasserversorgung der Po-Ebene, deren Landwirtschaft stark davon abhängt. Mit dem Klimawandel versuchen flussabwärts gelegene Länder zunehmend, die Mechanismen zur Wasserverteilung neu zu verhandeln.
Die Herausforderungen betreffen längst nicht nur die Landwirtschaft. In der Westschweiz zeigt sich das besonders deutlich. «Auf der Genfer Seite gibt es nur relativ wenige Entnahmen aus der Rhone, auf der französischen Seite sind die Interessen hingegen enorm», sagt Christian Bréthaut. Bewässerung, Wasserkraft, Schifffahrt, Trinkwasser und die Kühlung von Atomkraftwerken hängen in unterschiedlichem Ausmass vom selben Fluss ab.
Am Rhein und an der Donau regeln internationale Institutionen die Zusammenarbeit. Laut Bréthaut konnten diese Mechanismen schwierige Zeiten bisher besser abfedern. Doch es gibt sie nicht überall.
Franzosen forderten sofort mehr Wasser
«Manchmal gibt es Schwierigkeiten. Ich habe sie erstmals 2011 bemerkt», sagt Ion Iorgulescu, Hydrologe beim Kanton Genf. Nach einem schneearmen Winter und einem sehr trockenen Frühling sank der Pegel des Genfersees.
Genf reduzierte einseitig und vorübergehend den Abfluss des Sees, um den Pegel anzuheben. Einige hundert Kilometer weiter unten ist Frankreich jedoch für mehrere strategische Nutzungen auf die Rhone angewiesen, insbesondere für die Kühlung des Atomkraftwerks Bugey nahe Lyon.
Die Franzosen forderten sofort mehr Wasser, beide Länder mussten unter Zeitdruck einen Kompromiss finden. «Diese Episode hat gezeigt, dass eine fehlende Koordination erhebliche Auswirkungen haben kann», so Bréthaut.
Damals war die Regulierung des Genfersees im Wesentlichen eine Schweizer Angelegenheit. Der Rahmen aus den 1980er-Jahren band nur die Westschweizer Kantone, da die Nachbarn nicht teilnehmen wollten. Wasser sei für Frankreich damals kein allzu grosses Problem gewesen, erklärt Bréthaut.
«Frankreich wollte dies institutionalisieren»
Ab den 2010er-Jahren wollte Paris stärker beteiligt werden. «Frankreich wollte dies institutionalisieren, insbesondere im Hinblick auf Konflikte oder Probleme, die mit dem Klimawandel häufiger werden könnten», sagt Iorgulescu. Die Schweiz wollte die Kontrolle über die Regulierung des Genfersees nicht verlieren.
Es dauerte mehr als zehn Jahre, bis ein Kompromiss erreicht wurde. 2025 unterzeichneten beide Länder neue Abkommen über die Rhone und den Genfersee. «Ohne die Schweizer Bewirtschaftung der Pegel infrage zu stellen, aber mit der Öffnung für eine gewisse Flexibilität bei Ad-hoc-Gesprächen», fasst Bréthaut zusammen.
Die Schweiz verhandelt nicht nur an ihren Grenzen. In Zentralasien unterstützt sie eine Initiative, die Wasserbewirtschaftung als Instrument der Zusammenarbeit zwischen Staaten nutzt. Ziel ist es, Messungen verlässlicher zu machen, gemeinsame Regeln festzulegen und den Dialog auch bei angespannten Beziehungen aufrechtzuerhalten. Die Lehre bleibt dieselbe: Wird Wasser knapper, lässt sich Zusammenarbeit nicht mehr improvisieren.