Darum gehts
- Genfer SP-Initiative fordert kostenlose Verhütung, um Ungleichheiten und Kostenhürden zu senken
- 2022 gab es in Genf 10,5 Schwangerschaftsabbrüche pro 1000 Frauen
- FDP rechnet mit jährlichen Kosten von 20 Millionen Franken für Umsetzung
Die Antibabypille kann in der Schweiz bis zu 14-mal mehr kosten als in Frankreich. Dort übernimmt die staatliche Krankenkasse zudem die Verhütungskosten für Frauen unter 26 Jahren. In der Schweiz hingegen zahlen die Krankenkassen nichts. Das will eine SP-Initiative in Genf nun ändern.
Sie fordert, dass der Kanton künftig alle Verhütungsmethoden übernimmt: Kondome, Pille, Notfallverhütung, Implantate, Pflaster, Ringe und Spiralen. Vor allem bei langfristigen Methoden sind die Einstiegskosten hoch. Eine Spirale kostet etwa zwischen 300 und 700 Franken.
«Verantwortung und Kosten tragen meist die Frauen»
«Diese Situation schafft eine Ungleichheit beim Zugang zur Verhütung», sagt SP-Politikerin Jeacklean Kalibala (40) zu Blick. Frauen könnten sich aus finanziellen Gründen nicht für die Methode entscheiden, die für sie am besten geeignet ist. «Ein Viertel der Genfer Bevölkerung verzichtet aus finanziellen Gründen auf medizinische Versorgung. Die wirtschaftliche Hürde beim Zugang zu Gesundheitsleistungen ist also real.»
Dabei zählen Pille und Spirale zu den zuverlässigsten Verhütungsmethoden. Ein kostenloser Zugang könne deshalb auch Verhütungspannen verhindern. Genf weist laut aktuellen Studien die höchste Rate an freiwilligen Schwangerschaftsabbrüchen in der Schweiz auf: 2022 kamen auf 1000 Frauen 10,5 Abbrüche.
Die Initiantinnen wollen zudem eine weitere Ungleichheit beseitigen. «Die Verhütung einer ungewollten Schwangerschaft betrifft beide Partner. Derzeit tragen jedoch mehrheitlich die Frauen die Verantwortung und die Kosten für die Verhütung», sagt Kalibala.
Unterstützt wird die Initiative von den Grünen. Die Partei sieht darin auch eine Chance, gegenüber anderen europäischen Ländern aufzuholen, die Verhütungsmittel bereits erstatten. «Genf könnte sich damit als Vorreiter beim Zugang zur Gesundheitsversorgung positionieren», schreiben die Grünen in einer Mitteilung.
Jungfreisinnige lancierten Kampagne gegen die Vorlage
Die Initiative stösst auch auf Widerstand. Die FDP lehnt eine vollständige Kostenübernahme ab. «Kostenlos» bedeute letztlich, dass die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler dafür aufkommen müssten. Die Partei rechnet mit rund 20 Millionen Franken pro Jahr.
«Diese Schätzung berücksichtigt nicht die Kosten für Beratungen, medizinische Nachsorge und Verwaltungsgebühren», sagt Alexis Couniniotis (23), Präsident der Jungfreisinnigen Genf. Zudem fehle der Initiative eine klare Zielgruppe: «Ein 45-jähriger Manager hat dasselbe Recht wie eine 19-jährige Studentin. Eine staatliche Massnahme muss jedoch zielgerichtet sein, um wirksam zu sein.»
Am Dienstag lancierten die Jungfreisinnigen deshalb eine Kampagne gegen die Vorlage. Ihre Haltung: «Die Wahl der Verhütungsmethode gehört jedem Einzelnen; es ist Privatsache. Der Staat hat sich nicht in unsere Schlafzimmer einzumischen.»
«Der eigentliche Gesundheitsnotstand ist der Anstieg sexuell übertragbarer Infektionen»
Bei sexuell übertragbaren Infektionen sehen die Jungfreisinnigen den Staat dagegen in der Pflicht. «Der eigentliche Gesundheitsnotstand ist der Anstieg sexuell übertragbarer Infektionen», sagt Lea Di Benedetto (32). Weil immer weniger Menschen Kondome nutzten, werde das Risiko «nicht mehr individuell, sondern kollektiv». Deshalb müsse der Staat handeln.
Die Partei begrüsst entsprechend, dass die Regierung die Kosten für Kondome übernehmen will. Das unterstützt auch die FDP im Parlament. «Das Kondom ist die einzige Methode, die sowohl vor sexuell übertragbaren Infektionen als auch vor ungewollten Schwangerschaften schützt», sagt FDP-Gesundheitspolitiker Pascal Uehlinger (55). Mit 42 Prozent sei es zudem weiterhin die meistgenutzte Verhütungsmethode.