Reproduktionsmediziner über den Hype um Eizellen-Einfrieren
«Social Freezing ist ein zweischneidiges Schwert»

Die Familienplanung aufschieben und sich biologisch Zeit kaufen: Social Freezing boomt. Doch Reproduktionsmediziner Dr. Mischa Schneider warnt vor einer Scheinsicherheit und erklärt, warum das Verfahren auch falsche Hoffnungen wecken kann.
Im Schnitt sind Schweizerinnen beim ersten Kind 31 Jahre alt. Wer zu lange mit der Familienplanung wartet, stösst oft an biologische Grenzen.
Foto: Getty Images
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Die Aufklärung von Jugendlichen kennt meist nur ein Thema: Verhütung. Die Kehrseite, nämlich wie es um die eigene Fruchtbarkeit steht und wie stark diese mit dem Alter sinkt, wird oft komplett vernachlässigt.

Auf dieses Ungleichgewicht macht der World Infertility Awareness Month aufmerksam, der im Juni das Thema Unfruchtbarkeit in den Fokus rückt. Für Dr. Mischa Schneider, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (SGRM), ist das Problem allgegenwärtig: «Praktisch alle wissen genau, wie man verhütet. Aber kaum jemand spricht darüber, was passiert, wenn es nicht klappt», so der Reproduktionsmediziner. «Erst wenn der Kinderwunsch konkret wird oder sich nicht sofort erfüllt, wird vielen bewusst, dass die moderne Lebensplanung nicht immer mit der menschlichen Biologie Schritt hält.»

Experte

Dr. Mischa Schneider leitet das Kinderwunschzentrum Baden AG und ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Seine klinischen Schwerpunkte liegen in der operativen Gynäkologie sowie der Reproduktionsmedizin und gynäkologischen Endokrinologie. Neben seiner medizinischen Tätigkeit prägt er die Fachwelt als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (SGRM).

Dr. Mischa Schneider leitet das Kinderwunschzentrum Baden AG und ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Seine klinischen Schwerpunkte liegen in der operativen Gynäkologie sowie der Reproduktionsmedizin und gynäkologischen Endokrinologie. Neben seiner medizinischen Tätigkeit prägt er die Fachwelt als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (SGRM).

Frauen bekommen immer später Kinder

Viele Frauen würden davon ausgehen, dass eine Schwangerschaft auch jenseits der 35 problemlos möglich sei. «In meiner Sprechstunde erlebe ich Patientinnen Ende 30 oder Anfang 40, die aus allen Wolken fallen, wenn ich ihnen erkläre, dass ihre Chancen im Vergleich zu vor zehn Jahren um das Fünf- bis Zehnfache gesunken sind», sagt Dr. Schneider. 

Ausbildung, Karriereplanung, finanzielle Sicherheit und die Suche nach dem passenden Partner führen dazu, dass sich die Familienplanung seit Jahren immer weiter nach hinten verschiebt. Das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt liegt in der Schweiz inzwischen bei 31 Jahren.

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Ab 34 wird es biologisch deutlich schwieriger, schwanger zu werden.
Dr. Mischa Schneider, SGRM-Präsident
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Die moderne Medizin macht zwar vieles möglich, kann die natürlichen Grenzen aber nicht einfach aufheben. «Ab einem Alter von 34 oder 35 Jahren bewegen wir uns medizinisch in einem Bereich, in dem es biologisch deutlich schwieriger wird, schwanger zu werden», sagt Dr. Schneider. Zwar könne die Reproduktionsmedizin heute zahlreiche Paare unterstützen, dennoch sei der Kinderwunsch kein Bereich, der sich beliebig planen lasse. «In unserer modernen Gesellschaft können wir fast alles auf Knopfdruck bestellen und erwarten die Lieferung am nächsten Tag. Beim Kinderwunsch funktioniert dieses Prinzip nicht. Hier gelten die Gesetze der Natur, und die lässt sich nicht digital steuern.»

Ab wann aber gilt man überhaupt als unfruchtbar? «Per Definition spricht man davon, wenn nach zwölf Monaten mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eintritt», erklärt Dr. Schneider und führt fort: «Ab einem Alter von 36 Jahren sollte man bereits nach einem halben Jahr einen Spezialisten aufsuchen und erste Tests machen lassen.» Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Unfruchtbarkeit längst als offizielle Krankheit anerkannt.

Roadshow «Let’s talk about F*»

Die neue Roadshow «Let’s talk about F*» macht die reproduktive Gesundheit im Schweizer Alltag sichtbar und sensibilisiert für das Thema Unfruchtbarkeit. Vor Ort informieren Ärztinnen und Ärzte sowie Fachpersonen und nehmen Stellung zu verbreiteten Mythen und Wahrheiten. An einigen Stopps werden zudem Politikerinnen und Politiker anwesend sein.

Den Auftakt macht die Roadshow am 24. Juni 2026 in Baden AG. Dort ist sie am Nachmittag von 14 bis 18 Uhr direkt auf dem Bahnhofplatz anzutreffen. Im kommenden September folgt die Fortsetzung der Kampagne mit jeweils einem Halt in Lausanne und Basel.

Die neue Roadshow «Let’s talk about F*» macht die reproduktive Gesundheit im Schweizer Alltag sichtbar und sensibilisiert für das Thema Unfruchtbarkeit. Vor Ort informieren Ärztinnen und Ärzte sowie Fachpersonen und nehmen Stellung zu verbreiteten Mythen und Wahrheiten. An einigen Stopps werden zudem Politikerinnen und Politiker anwesend sein.

Den Auftakt macht die Roadshow am 24. Juni 2026 in Baden AG. Dort ist sie am Nachmittag von 14 bis 18 Uhr direkt auf dem Bahnhofplatz anzutreffen. Im kommenden September folgt die Fortsetzung der Kampagne mit jeweils einem Halt in Lausanne und Basel.

Das verbotene Thema am Arbeitsplatz

Dass viele Paare immer später mit der Familienplanung beginnen, hat auch mit den tief sitzenden Tabus im Berufsleben zu tun. Aus Angst vor einem Karriereknick oder davor, bei Beförderungen übergangen zu werden, behalten viele Frauen ihren Kinderwunsch strikt für sich oder kündigen sogar vorab, nur um die Familienplanung in Ruhe anzugehen. Dr. Schneider, der im Kinderwunschzentrum Baden fast ausschliesslich Frauen beschäftigt, fordert hier ein radikales Umdenken. 

Für den Mediziner gehört ein offener Umgang mit dem Thema schlichtweg zur modernen Mitarbeiterbindung. «Eine qualifizierte Mitarbeiterin wegen eines Kinderwunschs zu verlieren, ist kurzfristig und wirtschaftlich falsch gedacht, da die Neubesetzung und Einarbeitung weit mehr Ressourcen verschlingt als eine betriebliche Flexibilität während einer temporären Abwesenheit.»

Social Freezing boomt

Um den Konflikt zwischen Karriere und der tickenden biologischen Uhr zu umgehen, boomt derzeit ein medizinisches Verfahren: Social Freezing, das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen. Es dient dazu, die eigene Fruchtbarkeit zu einem biologisch optimalen Zeitpunkt zu konservieren, um den Kinderwunsch zu einem späteren Zeitpunkt mittels künstlicher Befruchtung zu realisieren.

«Nach umfassenden medizinischen Abklärungen stimulieren wir die Eierstöcke über Hormone, damit mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen», erklärt Dr. Schneider das Verfahren. «Kurz vor dem Eisprung entnehmen wir diese in einem rund zehnminütigen Eingriff unter leichtem Dämmerschlaf. Die gewonnenen Eizellen werden anschliessend im Labor schockgefroren und eingelagert.»

Der Reproduktionsmediziner warnt jedoch davor, die Methode als Freipass zu verstehen. «Social Freezing ist ein hervorragender medizinischer Notnagel, aber absolut keine biologische Lebensversicherung», sagt Dr. Schneider. Es verleite dazu, wichtige Entscheidungen in der Partnerschaft einfach aufzuschieben. Für eine 34-jährige Single-Frau sei das Verfahren ideal, um Druck aus der Lebensplanung zu nehmen. Wer jedoch in einer stabilen Partnerschaft lebt, sollte den Kinderwunsch laut dem Experten nicht aus rein taktischen Gründen aufschieben.

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Fruchtbarkeit wird in der Gesellschaft fälschlicherweise immer noch als reines Frauenthema abgetan.
Dr. Mischa Schneider, SGRM-Präsident
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Dass Paaren plötzlich die Zeit davonläuft, liegt häufig auch am männlichen Part einer Beziehung. «Fruchtbarkeit wird in der Gesellschaft fälschlicherweise immer noch als reines Frauenthema abgetan», kritisiert Dr. Schneider. Zwar sind Männer rein biologisch bis ins hohe Alter zeugungsfähig, doch genau diese Gewissheit führt zu einer gefährlichen Passivität. «In der Praxis sehe ich häufig, dass der Mann zwar Kinder will, aber eben nicht jetzt. Doch man kann die Partnerin nicht jahrelang hinhalten. Wenn es die Frau fürs Leben ist, muss man eine Entscheidung treffen.» 

Verstreichen die Jahre ungenutzt, stossen Betroffene nicht nur an biologische, sondern schnell auch an finanzielle Hürden. Seit der Gesetzesrevision 2017 sind die rechtlichen Voraussetzungen hierzulande wegweisend, und medizinisch gesehen findet sich die Schweiz bei der künstlichen Befruchtung (IVF) auf europäischem Spitzenniveau. Doch obwohl Unfruchtbarkeit offiziell als Krankheit anerkannt ist, müssen Paare die Behandlungskosten bei Social Freezing komplett aus eigener Tasche zahlen. «Ich würde mir wünschen, dass IVF-Behandlungen generell von der Krankenkasse übernommen werden. Dass das immer noch nicht der Fall ist, finde ich höchst problematisch», kritisiert der SGRM-Präsident. «Bis auf Albanien gibt es kaum ein Land in Europa, das Paare in dieser Situation finanziell so komplett alleinlässt.»

Roadshow «Let's talk about F*»

Um auf das Thema Unfruchtbarkeit und Familienplanung aufmerksam zu machen, rollt die neue Roadshow «Let's talk about F*» durch die Schweiz. Der erste Halt findet am 24. Juni von 14 bis 18 Uhr auf dem Bahnhofplatz in Baden AG statt, wo auch Dr. Mischa Schneider persönlich vor Ort sein wird, um Fragen zu beantworten und mit Mythen aufzuräumen. «Wir wollen den Menschen klarmachen, dass manche biologischen Entscheidungen unumkehrbar sind», sagt der Facharzt. «Frauen und Männer sollen den Kinderwunsch nicht aus reiner Bequemlichkeit oder vermeintlichen Karrieregründen immer weiter nach hinten schieben. Wir müssen das Schlagwort der Kampagne beim Wort nehmen und offen über diese Themen sprechen.»

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Dieser Beitrag wurde vom Ringier Brand Studio im Auftrag eines Kunden erstellt. Die Inhalte sind redaktionell aufbereitet und entsprechen den Qualitätsanforderungen von Ringier.

Kontakt: E-Mail an Brand Studio

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