Darum gehts
Im Besprechungsraum am Zürcher Flughafen beugt sich Thomas Hurter (62) über sein iPad. Am Abend geht es nach Delhi (Indien). Wegen des Irankriegs führt die Route über das Kaspische Meer. Auf Höhe Rumänien werden Swiss-Kapitän Hurter und sein Co-Pilot (32) auf ein alternatives Navigationssystem umschalten, um GPS-Störungen zu vermeiden. Hurter ist Militärpilot, so schnell bringt ihn nichts aus der Ruhe.
Minuten später steht Hurter vor neun Flugbegleiterinnen und einem Flugbegleiter, alle perfekt gestylt. Er spricht Englisch, weil auf Indien-Flügen drei indische Kolleginnen die Crew verstärken. Das hilft im interkulturellen Kontext – und spart der Swiss viel Geld. Die Inderinnen verdienen zwischen 530 und 870 Franken im Monat. «Let’s have fun!», sagt Hurter und lacht. Die Passagiere spürten sofort, ob die Crew ein Team sei oder nur ein Haufen Einzelkämpfer. «Lasst uns gut zusammenarbeiten und unseren Kunden ein Erlebnis bereiten!»
«Just Culture»: Spitäler können von der Luftfahrt lernen
Draussen nieselt es. Im Bus zum Flieger unterhalten sich die Flugbegleiterinnen über den Fitnesshype Hyrox und College-Turniere. Bei der Aussenkontrolle bleibt Hurter unter der Nase des Jets stehen. Ein Landescheinwerfer ist defekt. «Wären beide defekt, dürften wir nicht starten.» Er überprüft die Triebwerke und das Fahrwerk. Der Flieger kann starten.
Hurter erzählt von einer anderen Branche, in der Fehler lange nicht offen angesprochen wurden: der Zürcher Herzchirurgie. Zwischen 2016 und 2020 kam es am Unispital Zürich zu schweren Verfehlungen, eine Untersuchung stellte über 70 vermeidbare Todesfälle fest, die Staatsanwaltschaft prüft das Dossier. Nur über einen Whistleblower kamen die Vorfälle ans Licht. Für Hurter ist klar: «Die Medizin kann von uns lernen.» In der Luftfahrt gelte die «Just Culture»: Piloten melden eigene Fehler – ohne Angst vor Jobverlust. Das Lernen und die Vermeidung von künftigen Fehlern stehen im Vordergrund.
Mit Albert und Theres Rösti befreundet
Ein Mix aus Strenge und Gelassenheit prägt Hurters Politik. Während die SVP gern gegen Brüssel und Migration mobilisiert, verbindet Hurter die Schweiz mit der Welt – als Teil des Lufthansa-Konzerns. Dass CEO Jens Fehlinger (44) Deutscher ist, stört ihn nicht. «Er macht einen guten Job und hat den Schweizer Hut auf», sagt Hurter. Von Swissair-Nostalgie hält er wenig: «Die Swissair war grossartig – aber das waren andere Zeiten.» Hurter betont: «Es ist klar, dass die Swiss Swissness braucht. Ich versuche, auch als Nationalrat, die Swissness in unserer Firma hochzuhalten.»
Privat ist Hurter seit 1994 mit Cornelia Stamm Hurter (63) verheiratet, langjährige Regierungsrätin und dieses Jahr Präsidentin der Schaffhauser Kantonsregierung – ein SVP-Powerpaar. Kennengelernt haben sie sich bei einem Autounfall: Hurter fuhr im Stress ein parkiertes Auto an, liess einen Zettel zurück. Aus leichtem Blechschaden wurde die grosse Liebe. Mit SVP-Bundesrat Albert Rösti (58) ist das Paar befreundet, Röstis Frau Theres (58) kennt Hurter privat wie beruflich. Sie arbeitet als Swiss-Flugbegleiterin in der First Class, direkt vor der Cockpittür. «Mit Theres fliege ich sehr gern», sagt Hurter.
«Die Initiative ist nicht optimal»
Vor Jahren schrieb eine Zeitung: «Der Sicherheitspolitiker weicht oft von der Fraktionslinie ab und ist trotzdem breit akzeptiert.» Hurter sagt, er spiele mit offenen Karten: Wenn er eine andere Meinung habe, sage er das früh – statt schweigend mitzulaufen und dann im Saal anders zu stimmen. So entstehe ein Standing, das Abweichungen aushält.
2020 stellte sich Hurter gegen die SVP-Begrenzungs-Initiative – diese wollte die Personenfreizügigkeit mit der EU beenden. Zu radikal, fand er damals. Aus Sicht des Bundesrats zielt auch die 10-Millionen-Schweiz-Initiative in diese Richtung. Doch diesmal ist Hurter auf Parteilinie. Warum? «Das Thema beschäftigt die Menschen», sagt er. «Die Initiative ist nicht optimal, aber sie zwingt Politik und Verwaltung, sich endlich ernsthaft mit dem Wachstum der Bevölkerung auseinanderzusetzen.» Als Präsident des Luftfahrtverbandes Aerosuisse unterstützt er kritisch die Weiterbearbeitung der Bilateralen III, die für seine Partei ein Unterwerfungsvertrag sind. Hurter: «Es braucht noch einige Anpassungen. Mit Spannungen muss man leben können.»
VBS soll erst mal sparen
Was den Sicherheitspolitiker umtreibt: dass die Schweiz bei der Luftabwehr so verwundbar ist. Sämtliche Beschaffungen dauern länger und werden teurer. Hurter nimmt Bundesrat Martin Pfister (62) in die Pflicht: «Er wird ohne eigene Sparvorschläge seine Mehrwertsteuer-Erhöhung niemals durchbringen.» Der Beschaffungsprozess müsse angepasst werden: «Das dauert viel zu lange, die technologische Entwicklung ist zu rasant.» Auch fordert Hurter neue Partner: «Warum nicht Abwehrwaffen in Südkorea oder Taiwan beschaffen? Diese Länder sind hoch entwickelt und haben hervorragende Abwehrwaffen.»
Im Umgang mit Migration, Vielfalt und Gender wirkt der SVP-Mann entspannter als viele Parteikollegen. Viele Flugbegleiter gehören zur queeren Community. «Alle sollen glücklich sein», findet Hurter. Sein eigenes Familienbild sei traditionell, sagt der zweifache Familienvater. Ein Linienflug funktioniere nur, wenn sich alle gut verstehen, unabhängig von Herkunft oder Lebensentwurf, das ist für ihn Alltag.
Kurz vor dem Start nach Delhi senkt der Kapitän den Blick noch einmal auf den Bildschirm, überprüft Route, Treibstoff, Ausweichrouten. Bald wird er mit seinem Team «auf Weltreise» gehen, wie er es nennt – eine Nacht hin, eine Nacht zurück. Aus dem kalten Zürich ins 40 Grad heisse Delhi, vom Klein-Klein im Bundeshaus ins Milliardenland Indien. Zwei Zeitzonen, zwei Realitäten.