Hobbyfischer, Hardrockfan – und gewalttätiger Neonazi: Seit 20 Jahren gehört Marco K.* (42) zum harten Kern der rechtsextremen Szene, jetzt sitzt er in U-Haft. Am Sonntagabend vor drei Wochen holten ihn Polizisten zu Hause ab. Blick weiss: Er ist der mutmassliche Täter von Tuggen SZ.
Der Neonazi steht unter dringendem Tatverdacht, in der Nacht vor seiner Verhaftung einen jungen Deutschen (†27) getötet zu haben. Noch ist unklar, wie genau sich der dramatische Vorfall abgespielt hat. Sicher ist: Die Staatsanwaltschaft Schwyz ermittelt wegen vorsätzlicher Tötung.
Hitlergrüsse und Rempeleien
Marco K. ist Mitglied der Innerschweizer Sektion von Blood and Honour, dem internationalen Neonazi-Netzwerk, das weltweit immer wieder für Gewalttaten verantwortlich ist. Er war Teil einer Gruppe von Rechtsextremen, die an der Afterparty eines Konzerts im Tuggener Ausgehlokal Bandits mit Hitlergrüssen und Rempeleien provozierte.
Kurz nach Mitternacht eskalierte die Situation. Nachdem der DJ einen Song der Rechtsrockband Landser aufgelegt hatte, kam es zu einer Schlägerei, bei der das Opfer tödlich verletzt wurde. Laut Angehörigen wurde der Verstorbene im Gesicht getroffen und brach unmittelbar bewusstlos zusammen. Auf Facebook schrieb ein Augenzeuge: «Die Mutter des Toten im Arm, während die Täter zu Landser weitertanzten.» Offenbar hatte das Opfer das Konzert gemeinsam mit seiner Mutter und zwei Freundinnen besucht.
Hobbyfischer aus Zug
Der beschuldigte Neonazi lebt im Kanton Luzern. Dort gestaltete er mit seiner Familie mal ein Adventsfenster, mal fischte er in örtlichen Seen. Seine extremistische Gesinnung lebte er seit einigen Jahren hingegen nur noch im kleinen Kreis aus – zum Beispiel an Konzerten.
Blood and Honour ist er bis heute treu geblieben. Seit mindestens 2008 verkehrt der Innerschweizer in der rechtsextremen Szene. Ab 2012 suchte er Anschluss an das Blood-and-Honour-Netzwerk. Fotos aus dieser Zeit, die die Antifa Bern 2018 publik machte, zeigen ihn mit Kameraden in einem Keller, an der Wand Nazi-Flaggen und ein Blood-and-Honour-Graffiti. Andere Bilder zeigen ihn am Rande eines Fackelmarsches in Morgarten ZG.
Attacke auf Juso-Kundgebung
Die Schlägerei in Tuggen ist nicht die erste Auseinandersetzung, bei der K. mitmischt. 2019 pöbelte er in einem Pulk von Neonazis gegen eine Anti-Rassismus-Demo in Schwyz. Blick war damals dabei. Kurz nach dem Start am Bahnhof provozierte er mit knapp 50 weiteren Rechtsextremen mit Hitlergrüssen. Dann flogen Flaschen, die beiden Lager gingen aufeinander los. Mindestens ein Demonstrant wurde verletzt.
Online hinterliess K. kaum politische Spuren. An Heiligabend 2020 postete er in den sozialen Medien die Illustration eines deutschen Nazi-Soldaten vor einem Weihnachtsbaum, dazu eine Mutter mit ihren zwei Kindern. So dürfte sich K. das Idealbild einer Familie vorstellen.
Für parlamentarische Politik interessierte sich der mutmassliche Täter kaum. Einmal machte er online Werbung gegen das Bundesgesetz über polizeiliche Massnahmen zur Bekämpfung von Terrorismus (PMT). Wohl aus gutem Grund: Das Gesetz senkte die Hürden für Sicherheitsbehörden, präventive Massnahmen gegen Personen zu verfügen, die Anzeichen einer terroristischen Gefahr zeigen. Darunter könnten auch Mitglieder von Blood and Honour fallen.
Unter Beobachtung
Der Schweizer Ableger des Netzwerks ist seit langem auf dem Radar des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB). Gegründet wurde die erste Sektion hierzulande 1998. In der Öffentlichkeit hat die Organisation seither vor allem mit grossen Rechtsrockkonzerten von sich reden gemacht. 2016 nahmen knapp 6000 Rechtsextreme an einem Konzert in Unterwasser SG teil. Hitlergrüsse, «Sieg Heil»-Rufe – organisiert wurde alles von Blood-and-Honour-Anhängern.
Immer wieder reisen auch Blood-and-Honour-Kader aus dem Ausland in die Schweiz. Insbesondere aus Deutschland, wo das Netzwerk seit der Jahrtausendwende verboten ist. Zuletzt besuchten deutsche Neonazis im vergangenen Frühjahr ein Blood-and-Honour-Konzert in Thusis GR. Sie feierten Adolf Hitlers Geburtstag.
Szenehochburg Schwyz
Im Gegensatz zur neuen Generation von Rechtsextremen meiden die Schweizer Blood-and-Honour-Kader die Öffentlichkeit, so gut es geht. Viele von ihnen sind heute um die 40, die meisten haben Familie. Von der Szene losgesagt haben sich die wenigsten.
Dass Anhänger der Organisation vor drei Wochen am Konzert in Tuggen aufmarschierten, ist kein Zufall. Die Region am oberen Zürichsee ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der Szene. Und auch das Ausgehlokal Bandits ist nicht zum ersten Mal wegen rechtsextremer Vorfälle in den Schlagzeilen. Bilder, die Blick vorliegen, zeigen zudem Gäste mit Blood-and-Honour-Pullovern schon in früheren Jahren.
Gitarre für Grabstein
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Die Staatsanwaltschaft muss nun klären, wie genau der Deutsche starb. Es gilt die Unschuldsvermutung. Auf einer Spendenwebsite sammeln Angehörige Geld für die Familie des Verstorbenen. «Er war unschuldig und einfach zur falschen Zeit am falschen Ort», schreibt dort eine Bekannte.
Fast 7000 Euro sind bereits zusammengekommen. Mit einem Teil des Geldes soll ein Grabstein mit einer Gitarre darauf finanziert werden. «Ein Stück von ihm, seiner Persönlichkeit und dem, was er geliebt hat, soll so für immer erhalten bleiben», schreiben die Angehörigen.
*Name geändert