Ist Kevin G.* (†27) das erste bekannte Todesopfer rechtsextremer Gewalt in der Schweiz seit Jahrzehnten? Immer mehr Hinweise deuten darauf hin. Der junge Deutsche verstarb nach einem Konzert in Tuggen SZ – mutmasslich durch den Schlag eines Neonazis.
Kevin G. reiste aus Thüringen an. Seine Mutter lebt in der Schweiz und ist Fan der Band Krawallbrüder, die am Samstag vor einer Woche in Tuggen auftrat. Die beiden besuchten zusammen das Konzert, zurück in seine Heimat fuhr G. nicht mehr. Er starb nach einer Auseinandersetzung im Spital.
Die Eskalation
Augenzeugen berichten von einer Gruppe von Rechtsextremisten, die schon während des Konzerts mit Hitlergrüssen und Rempeleien provozierte. An der Afterparty nach Mitternacht kam es zur Eskalation: Nachdem der DJ ein Lied der Rechtsrockband Landser aufgelegt hatte, entwickelte sich eine Schlägerei, bei der G. tödlich verletzt wurde.
Die Polizei verhaftete einen 42-jährigen Schweizer. Gemäss Blick-Recherchen ist er Mitglied des in Deutschland verbotenen Neonazi-Netzwerks Blood and Honour. Er sitzt in U-Haft, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen vorsätzlicher Tötung.
Übergriffe von Blood-and-Honour-Mitgliedern
Noch ist unklar, wie genau sich der Vorfall abspielte. Auf einer Spendenwebsite sammeln Angehörige von Kevin G. Geld für die Überführung seiner Leiche nach Deutschland und für die Beerdigung. Dort schreiben sie: «Nach dem Konzert bei einer Aftershowparty in der Schweiz kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen anderen Personen. In diesem Zusammenhang wurde Kevin im Gesicht getroffen und brach unmittelbar bewusstlos zusammen.» Noch in derselben Nacht sei er an seinen schweren Verletzungen gestorben.
Das deckt sich mit Aussagen von Partybesuchern. Demnach sei die Gruppe der Neonazis hochaggressiv aufgetreten. Einige von ihnen trugen T-Shirts mit der Aufschrift «Blood and Honour Zürich». Mehrmals sei es zu Schlägereien gekommen, bei denen auch Unbeteiligte verletzt worden seien.
Ein Augenzeuge schrieb auf Facebook: «Frauen wurden verprügelt, die ihren Männern Hilfe leisten wollten. Mehrere friedfertige Oi-Kollegen verletzt, während die Securitas zuschaute.» Und: «Die Mutter des Toten im Arm, während die Täter zu Landser weitertanzten.»
Opfer soll unpolitisch gewesen sein
Überprüfen lassen sich diese Aussagen nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft äussern sich derzeit nicht näher zum Tatgeschehen. Sie bestätigen einzig, dass es nach Hitlergrüssen zu einer Auseinandersetzung kam.
Ein weiterer Partybesucher berichtet gegenüber Blick, dass einzelne Personen wegen der Hitlergrüsse interveniert hätten. Daraufhin sollen die Neonazis auf Anwesende losgegangen sein. Einem Krawallbruder-Fan mit Irokesenfrisur hätten sie eine Flasche ins Gesicht geschlagen. Laut Polizei beteiligten sich fünf bis zehn Personen an der Auseinandersetzung.
«Ein Mensch, der noch so viel vor sich hatte»
Der verstorbene Kevin G. war laut einem Bekannten von ihm ein unpolitischer Mensch. Auch seine Spuren im Internet deuten weder auf eine klar linke noch auf eine klar rechte Gesinnung hin.
Weil die Mutter von G. in der Schweiz wohnt, hielt auch er sich immer mal wieder hierzulande auf. Zuletzt besuchte er im Mai das Metallica-Konzert in Zürich. «Ein Mensch, der noch so viel vor sich hatte», schreiben die Angehörigen auf der Spendenwebsite. «Ein Sohn, ein geliebter Mensch und Teil einer Familie, die nun mit einem Verlust leben muss, für den es kaum Worte gibt.»
Die Anteilnahme am Tod des jungen Mannes ist gross. Bereits kamen mehr als 5000 Franken zusammen.
*Name geändert