SP-Funiciello über Jugendproteste
«Demonstrieren müssen nur die, die sich keine Politiker kaufen können»

Bilder von zerstörten Läden, brennende Häuser – die Jugendkrawalle in Frankreich machen Angst. SP-Nationalrätin Tamara Funiciello stört sich an den Medien, die nur die Gewaltexzesse zeigen. Das lenke von den echten Problemen ab.
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Die SP-Nationalrätin Tamara Funiciello kann die Anliegen der Protestierenden nachvollziehen.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Funiciello verurteilt Gewalt, kritisiert aber den medialen Fokus auf brennende Autos in Frankreich
  • Sie nennt existenzsichernde Löhne, Bildung, Wohnraum und Klima als Protestgründe der Jugend
  • Für die Schweiz verweist sie auf Vermögensungleichheit, Armut und wenig beachtete Demos als Themen
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Andrea Haefely
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Frau Funiciello, Jugendproteste in Europa sind ausgeartet, Paris und Mailand brennen. Können Sie den Zorn der jungen Menschen verstehen?

Tamara Funiciello: Ich kann die Wut und vor allem ihre Angst vor der Zukunft gut verstehen. Das rechtfertigt die Gewalt einiger weniger jedoch nicht.

Aber die Gewalt findet statt und macht verständlicherweise Angst ...

Ja, sie findet statt, und ich verurteile sie. Gleichzeitig gibt es Hunderttausende, die friedlich demonstrieren, singen, musizieren. Nur berichten die Medien und die sozialen Medien kaum darüber. Klickt sich nicht so gut.

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Warum stört Sie der Fokus der Medien?

Der Fokus auf die Gewalt der wenigen dient den Gewalttätern und all jenen, die nicht über die begründeten Anliegen der friedlichen Demonstranten reden möchten: einen Lohn, der zum Leben reicht, Geld für Bildung, bezahlbaren Wohnraum, eine Klimapolitik, die eine Zukunft auf diesem Planeten ermöglicht.

Verharmlosen Sie damit nicht die Gewalt? Auch wenn es wenige Täter sind: Der Schaden geht in die Milliarden.

Nein, ich verurteile sie. Aber wir diskutieren seit Tagen über eine einzige Form von Gewalt, nämlich Sachschaden. Was ist mit den anderen? Wenn Väter in Süditalien auf der Strasse weinen, weil sie trotz harter Arbeit ihre Kinder nicht ernähren können, ist das nicht auch Gewalt? Wenn eine 80-jährige Frau aus der Wohnung fliegt, weil sich die Miete über Nacht verdreifacht? Wieso ist es Gewalt, wenn ein Auto brennt, aber nicht, wenn der Amazonas brennt? Genau denen, die das verursachen, ist gedient, wenn wir ausschliesslich über Ausschreitungen reden statt über die Ursachen.

Bislang blieb es ruhig in Helvetien. Geht es uns zu gut?

Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der grössten Vermögensungleichheit. Einem Teil geht es sehr, sehr gut. Aber es gibt auch einen Teil, dem es sehr schlecht geht. Über 15 Prozent der Menschen in der Schweiz sind armutsgefährdet, bei den Kindern ist es fast jedes Fünfte.Wieso bleibt es dann so ruhig in der Schweiz? Armut ist in der Schweiz ein grosses Stigma. Man spricht nicht darüber, geht lieber nicht zum Arzt, als sich bei der Sozialhilfe anzumelden. Rund ein Drittel der Armutsbetroffenen geht nicht aufs Sozialamt. Und ruhig ist es in der Schweiz auch nicht. Der feministische Streik mobilisiert seit Jahren Hunderttausende, die Wohnungsnot treibt auch hier die Menschen auf die Strasse, genauso wie die Klimakatastrophe. Nur wird über Demos, die friedlich ablaufen, kaum berichtet.

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Wir investieren planlos in eine skandalbehaftete Armee statt in den Frieden.
Tamara Funiciello, SP-Nationalrätin
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Zwei Mitglieder der Juso wollen die Demos Ende November auch in die Schweiz holen. Werden Sie mitmarschieren?

Es ist eine Jugenddemonstration, und ich finde es wichtig, dass sie sich Gehör verschaffen. Ich solidarisiere mich mit ihren Anliegen. Gleichzeitig ist es ihre Bewegung und ihr Raum.

Die Schweizer Demos sollen laut den Initianten vor allem die Klimakrise und die Militärausgaben zum Thema haben …

Schaut man sich die Finanzpolitik dieses Landes an, ist das absolut nachvollziehbar. Die Auswirkungen des Klimawandels haben wir diesen Sommer alle erleben müssen. Die Dringlichkeit lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Gleichzeitig investieren wir planlos in eine skandalbehaftete Armee statt in den Frieden, in die soziale Sicherheit, in Bildung, in die Medien.

Aber wir haben doch Angst vor einem Angriff Russlands …

Putins liebste Strategie ist die Destabilisierung von Demokratien. Wenn jetzt alles Geld in die Rüstung fliesst statt in Bildung und soziale Sicherheit, dann schaffen wir genau die Zustände, vor denen wir uns mit Panzern schützen wollen. Damit spielen wir ihm direkt in die Karten. Im Namen der vermeintlichen Sicherheit werfen wir genau jene Werte über Bord, die wir schützen wollen. Das ist ein Widerspruch in sich.

Demonstranten wird oft vorgeworfen, sie würden nur Krawall machen, aber keine Lösungen liefern.

Bewegungen sind in erster Linie da, um Probleme zu benennen, sie sichtbar zu machen. Eine Bewegung entsteht dort, wo Probleme von der institutionalisierten Politik einfach ignoriert werden. Angenommen, wir würden ein Problem der Superreichen ignorieren, dann würden die natürlich nicht auf die Strasse gehen, sondern das Telefon in die Hand nehmen und sagen: «Meine Freunde, wenn ihr jetzt nicht macht, was wir wollen, kriegt ihr es zu spüren.» Demonstrieren müssen nur die, die es sich nicht leisten können, Politiker auf der rechten Seite zu kaufen.

Persönlich: Tamara Funiciello

Tamara Funiciello sitzt seit 2019 für die Berner SP im Nationalrat. Zuvor war sie ab 2016 Präsidentin der Juso Schweiz. Sie studierte Geschichte und Sozialwissenschaften an der Uni Bern und arbeitete auch schon als Lagermitarbeiterin, Büro- und Serviceangestellte sowie als Gewerkschaftssekretärin bei der Unia.

Tamara Funiciello sitzt seit 2019 für die Berner SP im Nationalrat. Zuvor war sie ab 2016 Präsidentin der Juso Schweiz. Sie studierte Geschichte und Sozialwissenschaften an der Uni Bern und arbeitete auch schon als Lagermitarbeiterin, Büro- und Serviceangestellte sowie als Gewerkschaftssekretärin bei der Unia.

Sie sind zwar zu jung, um dabei gewesen zu sein, aber sehen Sie Unterschiede zwischen den Jugendunruhen in Frankreich und den 68er-Krawallen – etwa in Deutschland – sowie den 80er-Jahre-Unruhen in der Schweiz?

Früher wurde mit der Aussicht auf Fortschritt demonstriert, aus der Überzeugung, dass es besser werden kann. Heute sind die Zukunftsaussichten düster. Und was macht die rechte Mehrheit im Parlament? Sie kauft Militärdrohnen, die nicht allein fliegen können, unternimmt nichts gegen die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen weniger und regt sich dann auf, wenn junge Menschen und Frauen sich auf der Strasse wehren.

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