Stefan Marty, Gemeindepräsident von Regensdorf ZH
«Ich bin kein Fan von diesem extremen Wachstum»

Regensdorf steht exemplarisch für das Bevölkerungswachstum in der Schweiz. Die 20'000-Einwohner-Gemeinde ringt mit dessen Folgen und mit der Frage, was sie eigentlich sein will: Dorf oder Stadt?
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Regensdorf wächst und wächst: Am Bahnhof entsteht ein neues Quartier, um das Wachstum aufzufangen.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

  • Regensdorfer Bevölkerung könnte sich bis 2050 verdoppeln
  • Gemeinde lehnte 2025 Umbenennung zur Stadt ab, am 8. März wird erneut über das Vorhaben abgestimmt
  • Ein neues Quartier soll Platz für über 6000 Menschen bieten
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sara BelgeriRedaktorin

In Watt ZH sagen sich die Menschen noch «Grüezi», «Guete Morge» oder «Schöne Abig», wenn sie einander auf dem Trottoir begegnen. So war es immer – zumindest schon so lange, wie sich Willi Zollinger erinnern kann. «Z’Watt seit mer no Grüezi», war bereits das Motto des Dorffests im Jahr 1983.

Zollinger ist pensionierter Bauer, einer von der Sorte, die ihrem Gegenüber mit festem Händedruck sofort das Du anbietet.

Und: Der 69-Jährige ist Watter. Durch und durch. Hier ist er geboren und aufgewachsen. Im Dreisässenhaus, in dem er mit seiner Familie wohnt, lebten schon Generationen von Zollingers vor ihm. Es gehört zu den ältesten Häusern im Ort. Vor ein paar Jahren hat Zollinger den Betrieb an seinen Sohn übergeben. Jetzt sitzt er an einem langen Tisch im Inneren des Hauses, wo er kurz zuvor mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Enkel Zvieri gegessen hat.

Hier an diesem Tisch diskutierten die Zollingers vor etwas weniger als einem Jahr die Frage: Sollen wir zur Stadt werden – ja oder nein? Denn darüber stimmte die Gemeinde im Rahmen einer Gemeindeordnungs-Revision im Mai 2025 ab.

Vom Bauerndorf zur Kleinstadt

Das ländlich geprägte Watt mit seinen Riegelhäusern, dem Dorfbrunnen und dem Volg gehört zur Gemeinde Regensdorf. Zu der gehört auch der Ortsteil Adlikon mitsamt der Plattenbausiedlung Sonnhalde aus den 1970er-Jahren. Und dann ist da noch Regensdorf selbst: mit mehreren Schulhäusern und Kirchen, einem McDonald’s, einem Burger King und einem Einkaufszentrum, das hier alle nur «Zänti» nennen – nicht zuletzt mit der Justizvollzugsanstalt Pöschwies, der grössten geschlossenen Haftanstalt der Schweiz. Zwischen all dem liegen ein Industrieareal, Zuggleise und die Wehntalerstrasse, die die drei Ortsteile wie eine Schneise voneinander trennt.

Sagt allen noch Grüezi: Der pensionierte Bauer Willi Zollinger.
Foto: Philippe Rossier

Regensdorf trägt zwar das Dorf im Namen, ist aber längst eine typische Schweizer Agglo. Im Südosten grenzt es direkt an Zürich, mit der S-Bahn kann man in gut einer Viertelstunde in der City sein. Der Ort selbst ist stark gewachsen: Vor zwei Jahren meldete Regensdorf von den vier Gemeinden mit mehr als 20’000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Zürcher Unterland sogar das stärkste Wachstum. Bis 2050 dürfte sich die Bevölkerung gemäss Prognosen gar verdoppeln.

Aus dem einstigen Bauerndorf ist eine Kleinstadt geworden.

Eine Stadt, die keine Stadt sein will: Die Regensdorferinnen und Regensdorfer lehnten die Revision der Gemeindeordnung mit 53,7 Prozent der Stimmen ab. Ein Komitee um die SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann (49) hatte für ein Nein geworben: Eine Umbenennung zur «Stadt Regensdorf» sei so unnötig wie kostspielig. Zudem würden damit die Ortsteile Watt und Adlikon ausgegrenzt.

Trotzdem könnte Regensdorf demnächst doch noch zur Stadt werden: Am 8. März wird nämlich noch einmal über die Namensänderung abgestimmt.

Regensdorf wächst: Baustelle auf dem Entwicklungsgebiet Bahnhof Nord.
Foto: Philippe Rossier

Regensdorf steht für eine Entwicklung, die sich im ganzen Land beobachten lässt: ein deutliches Wachstum. Dem will die SVP durch Begrenzung der Zahl von Zuwanderern begegnen – mit ihrer Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz».

Was macht dieses Wachstum mit einer Gemeinde? Und ist es der Grund dafür, dass Regensdorf nicht zur Stadt werden will?

«Wir sind einfach kein Dorf»

Eine eindeutige Antwort hat Gemeindepräsident Stefan Marty (60) nicht – zumindest nicht auf die Frage Stadt oder Dorf. Vielleicht hatte das Nein im letzten Jahr auch nicht nur mit der geplanten Umbenennung zur Stadt zu tun: Die Revision hätte der Gemeindeversammlung auch weitergehende Finanzkompetenzen eingeräumt. Begründet wurde dies mit dem Bevölkerungswachstum: Mehr Menschen bedeuten mehr Aufgaben – und letztlich mehr Kosten.

So oder so ist für Marty klar: «Wir sind einfach kein Dorf.»

Wie Willi Zollinger ist auch Stefan Marty ein Watter. Kurzzeitig zog es ihn nach Regensdorf, jenseits der Bahngeleise, inzwischen lebt er wieder in Watt. Auch das Familien-Transportunternehmen, das er führt, hat hier seinen Sitz. Seit 2022 ist er Gemeindepräsident (parteilos); zuvor politisierte er während acht Jahren im Gemeinderat.

«Ein Ort mit über 20’000 Einwohnern und mehreren Hochhäusern ist für mich eine Stadt», erklärt Marty, als er in ein Sitzungszimmer des Regensdorfer Gemeindehauses bittet.

Ein neues Quartier

Neue Hochhäuser schiessen in Regensdorf wie Pilze aus dem Boden. Und sie stechen sofort ins Auge, wenn der Zug im Bahnhof einfährt. Zwei Türme ragen bereits 75 Meter in die Höhe, zwei sind im Bau, weitere in Planung.

Auf dem einstigen Industrieareal beim Bahnhof entsteht ein komplett neues Quartier. Mit einer Fläche von 21 Hektar ist das Entwicklungsgebiet «Bahnhof Nord» eines der grössten und infrastrukturell am besten angebundenen Areale im Kanton Zürich. Eines der zentralen Projekte heisst «Zwhatt»: Geplant sind rund 600 Wohnungen und 15’000 Quadratmeter Gewerbefläche. Hier könnten etwa 6500 Menschen einziehen – und damit, so die Idee, einen Teil des Bevölkerungswachstums auffangen.

Hoch oben im zehnten Stock eines der neuen Türme blickt Ayla Elkas-Hot (48) über die Dächer von Regensdorf. Seit Juli wohnt sie hier mit ihren Söhnen Kemal (13) und Kuzey (6). Die grossen Fenster lassen viel Licht hinein, freiliegende Holzbalken verleihen den Räumen Wärme.

Elkas-Hot, die in der Gesundheitsbranche arbeitet, ist in Zürich-Oerlikon aufgewachsen und lebt seit 15 Jahren in Regensdorf. Früher wohnte sie am Waldrand, «familiär, super für die Kinder», sagt sie – drei Minuten vom Schulhaus. Der Umzug war für sie wie ein Ortswechsel innerhalb derselben Gemeinde: «Obwohl ich in Regensdorf geblieben bin, fühlt es sich hier viel städtischer an.»

Über den Dächern Regensdorfs: Ayla Elkas-Hot.
Foto: Philippe Rossier

Das neue Quartier wird nicht nur von den Bewohnern als urban empfunden, sondern auch gezielt so inszeniert. In Stadtzürcher Kinos lief ein Werbefilm, der Städterinnen und Städtern das Leben in Zwhatt schmackhaft machen sollte: Hier entstehe «das Stadtquartier der Zukunft».

Ein solcher Zuwachs verlangt aber auch Vorplanung. Und genau die treibt Gemeindepräsident Marty momentan um. Er spricht von Verkehr, Abwasser, Strom und genügend Trinkwasser. Bei der Energie laufe bereits vieles nach Plan. So hat der Zürcher Energieversorger Energie 360° im Regensdorfer Industriegebiet kürzlich die derzeit grösste Boden-Solaranlage des Kantons fertiggestellt.

Am stärksten spürt die Gemeinde das Wachstum in den Schulen. Die heutigen Einrichtungen stehen unter Druck, in den nächsten Jahren sind massive Ausbauten geplant – neue Primar- und Sekundarschulhäuser für Dutzende Klassen. Solche Projekte brauchen Platz und Zeit, sagt Marty: «Unsere Vorgänger hatten viele Schulhäuser eingezeichnet, haben aber das Land dazu nicht gesichert und umgezont.» Also müsse die Gemeinde heute teures Bauland kaufen.

Eine Stadt für 50'000 Einwohner

Vor kurzem stiess Marty auf einen Entwicklungsplan aus den 1960er-Jahren. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert kalkulierte Regensdorf mit mehr als 50’000 Einwohnern – und plante die notwendigen Schulhäuser gleich mit ein. Nur gesichert hat man die dafür vorgesehenen Flächen eben nie. Es war die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, Wachstum galt als selbstverständlich, von Widerstand gegen solche Visionen war kaum etwas zu spüren. Ähnliche Pläne verfolgte auch das unweit gelegene Dorf Otelfingen. Dort wurde eine Musterstadt für 30’000 Menschen entworfen, die zur Entlastung von Zürich beitragen sollte – eine Antwort auf die schon damals grosse Wohnungsnot in der Stadt.

Aus dem Fundus: Plan für Regensdorf aus dem Jahr 1967.
Foto: Philippe Rossier

Realisiert wurden beide Pläne nie, die Stadt entlasten soll die Agglomeration aber auch heute: Der kantonale Richtplan verlangt, dass 80 Prozent des Wachstums in urbanen Räumen aufgefangen werden. Regensdorf ist damit ein Musterbeispiel für diese Entwicklung – und Wachstum eine Realität, mit der Marty sich arrangieren muss, ob es ihm gefällt oder nicht.

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Abhängig von Bund und Kanton

Arrangieren muss sich der Gemeindepräsident auch damit, dass Regensdorf besonders in Fragen der Infrastruktur stark davon abhängig ist, was von oben kommt. «Der Zug ist fast restlos überfüllt», sagt Marty. Ein Umbau des Bahnhofs sei geplant. Nur: Das Geld dafür fehlt. Bund, SBB und Kanton müssen sparen. Auch beim Autoverkehr zeigt sich der Konflikt: Die verkehrsreiche Wehntalerstrasse soll ausgebaut werden, die Gemeindeversammlung forderte einen Tunnel. Darüber entscheiden kann Regensdorf jedoch nicht – es handelt sich um eine Kantonsstrasse.

Stefan Marty steigt in seinen dunkelblauen Microlino und fährt hinüber zum Areal beim Bahnhof. An diesem grauen Tag wirkt es eher trostlos: Wo dereinst Grünflächen entstehen sollen, beherrschen heute noch Bagger das Bild.

Auf dem Areal neben dem Bahnhof entsteht ein neues Quartier.
Foto: Philippe Rossier

Wie dieses neue Quartier bei der Bevölkerung ankommt, hat eine Studie des Forschungsinstituts GFS Bern 2023 im Auftrag der Pensimo Management AG untersucht, die hinter «Zwhatt» steht. Unter anderem ging es um die Frage, ob die Regensdorfer sich als Dörfler oder Städter sehen. Die Antwort lag irgendwo dazwischen. 40 Prozent wünschten sich eine «gute Balance zwischen Stadt und Dorf».

Im Schlussbericht hielten die Autorinnen zudem fest, dass die Befragten das Wachstum als eines der grössten Probleme von «Zwhatt» betrachten. Die Skepsis richte sich zwar auch gegen das Areal selbst, sei jedoch tiefer verankert – als Ausdruck einer grundsätzlichen Wachstumskritik. Das Quartier werde von vielen «als Symbol und Katalysator für diese Entwicklung wahrgenommen».

Bevölkerung hat Ja gesagt

Besonders jetzt, wo die ersten Häuser stehen und das Wachstum Gestalt annimmt, erschrecke dies manche Regensdorfer, sagt Marty. Kritikern hält er entgegen, dass die Bevölkerung die Zonenplanänderung und die Entwicklungsplanung für das Bahnhofareal vor Jahren selbst gutgeheissen habe. «Das war die Grundlage für das Wachstum», sagt er. Nun müsse der Gemeinderat daraus halt das Beste machen.

Dabei teilt er die Skepsis seiner Mitbürger sogar teilweise. «Ich bin kein Fan von diesem extremen Wachstum. Mir hätte eigentlich ein Dorf besser gefallen», sagt er. Hätte der Kanton ihn gefragt, ob Regensdorf in diesem Tempo wachsen solle, wäre Martys Antwort gewesen: «Nur moderat, nicht in diesem Stil.» Der Gemeindepräsident kneift die Augen zusammen und deutet nach Osten. Dort, wo heute Autos durch den Kreisel rauschen, soll es bald anders aussehen. «Hier wird einmal eine grüne Promenade ohne Verkehr durchgehen», sagt er.

Kein Fan des Wachstums: Gemeindepräsident Stefan Marty.
Foto: Philippe Rossier

Oben im Turm meint Ayla Elkas-Hot, das Leben hier sei zwar anonymer, aber auch vielfältiger. «Die Leute sind wirklich von überall hergezogen», erzählt sie: aus Deutschland, dem Tessin, der Romandie, dem Wallis. Über eine Siedlungs-App komme man ins Gespräch, lerne neue Nachbarn kennen. «Es ist schon multikulti hier.»

Doch die Mutter spürt auch Schattenseiten des Wachstums. «Der Verkehr hat zugenommen», sagt sie. Und sie weiss, dass noch mehr Wohnungen folgen werden. Regensdorf ist für sie auch deshalb eine Alternative, weil Zürich längst unbezahlbar geworden sei – zugleich werde die Gemeinde immer städtischer: «Vor fünfzehn Jahren war es viel ruhiger, eher ländlich.»

Ausschliesslich negativ bewertet sie diese Veränderung aber nicht: Mit den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern kämen auch zusätzliche Angebote. «Es gibt immer mehr Kurse, Sportangebote, neue Restaurants», sagt Elkas-Hot. «Je mehr Leute, desto mehr entsteht.»

Willi Zollinger, drüben in Watt, pflichtet bei: Klar, auch ihn stört der Verkehr, der morgens und abends bei ihm vorbeirauscht. Aber: «Wir wachsen nun mal. Und wir haben der Arealüberbauung zugestimmt.» Nun müsse man damit leben und «das Beste daraus machen»: die Neuen in der Gemeinde abholen, sie ins Vereinsleben und ins Dorf integrieren, damit sie nicht nur herkommen und schlafen, sondern wirklich Teil des Orts werden.

Mit dem Wachstum muss man sich hier arrangieren. So oder so wird Willi Zollinger weiterhin allen Grüezi sagen. Den Alteingesessenen und den neu Hinzugezogenen.

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