Darum gehts
- «Lehrperson» ersetzt «Lehrer» als geschlechtsneutrale Bezeichnung an Schweizer Schulen
- Kritiker sehen darin einen Beleg für ideologisch motivierten Sprachumbau
- Begriff existiert bereits seit dem 19. Jahrhundert, laut historischen Belegen
Es ist ein Wort, das manche sofort auf die Palme bringt. «Lehrperson» ist aus unseren Schulen nicht mehr wegzudenken. Der Begriff hat «Lehrer» oder auch «Lehrerinnen und Lehrer» praktisch flächendeckend abgelöst – als geschlechtsneutrale Bezeichnung, die Frauen und Männer umfasst.
Doch besonders in rechtsbürgerlichen und konservativen Kreisen gilt «Lehrperson» als Symbol eines ideologisch motivierten Sprachumbaus, vorangetrieben von der Bildungsbürokratie. Ihr Schlagwort dafür: Gender-Wahn!
«Mit dem Unwort verseucht»
Da ist etwa SVP-Topkader und Ex-Nationalrat Peter Keller (54). Von der «Ausmerzung des maskulinen Sprachgebrauchs» schrieb der Vordenker seiner Partei: «Aus dem Lehrer wurde die Lehrperson, der Fachmann wurde zur aseptischen Fachkraft kastriert.»
In einem Artikel der SVP Zürich zum Thema war gar vom «neuen Wortmonstrum unserer Bildungsbürokraten» die Rede. «Derjenige, der das angeblich geschlechtsfreie Wort ‹Lehrperson› benutzt, hat irgendwie keine Empathie mit unseren Lehrerinnen und Lehrern, die tagaus und tagein ihrem schwierigen Erziehungsauftrag nachkommen.»
Der langjährige Zürcher SVP-Sekretär beobachtete besorgt: «Leider sind offizielle Stellungnahmen aus der Bildungsdirektion bereits so stark mit dem Unwort ‹Lehrperson› durchseucht, dass sich bereits SVP-Kantonsräte beim Verwenden dieses Wortes erwischen lassen.»
Und die «Weltwoche» ärgerte sich: Lehrperson töne so, «als müsse man klarstellen, dass es sich bei Lehrern tatsächlich um Menschen handelt und nicht um Maschinen». Die Pädagogen selbst hätten «in ihrem unterwürfigen Eifer» übersehen, wie unsinnig diese Wortkonstruktion sei.
Doch so klar, wie sie zunächst scheint, ist die Lage nicht. Denn der Begriff ist viel älter, als heute dargestellt wird. Und er hat eine erstaunliche Karriere hingelegt.
Wer zum Beispiel in Zeugnissen von Solothurner Primarschulen aus den 1940er-Jahren blättert, begegnet mehrfach dem Begriff «Lehrperson». Vom «Lehrer» steht da nichts. Und ein Blick in die Archive zeigt: Bereits in der Zeitschrift «Pädagogischer Beobachter» aus dem späten 19. Jahrhundert taucht die Bezeichnung «Lehrperson» auf.
«Lehrperson» mit bemerkenswerter Entwicklung
Wie passt das zusammen, wo «Lehrperson» heute manchen als Auswuchs der Gendersprache gilt? Der Begriff selbst wurde wenig untersucht, belastbare wissenschaftliche Daten gibt es kaum. Auch die Bildungshistorikerin Karin Manz, Professorin für Unterrichtsentwicklung und Unterrichtsforschung an der Pädagogischen Hochschule FHNW, hat nicht speziell dazu geforscht. Eine Annäherung aber ist möglich.
Allgemein sei der Begriff «Person» stets als generisches Maskulinum (also die männliche Form) verwendet worden – womit er Frauen inkludiert habe, erklärt Manz auf Blick-Anfrage.
«Lehrperson» war einst wohl nur eine Alternative für die Berufsbezeichnung: Der Begriff wurde vermutlich «unsystematisch als Synonym für Lehrer» verwendet, und «Lehrerin» wurde einfach mitgedacht. «Noch gänzlich ohne die Intention einer bewussten ‹neutralen› Verwendung, wie wir es seit der Aufforderung zum bewussten Gendern kennen», so Manz.
Begriff wird heute anders gebraucht
Tatsächlich zeigen auch die alten Schulzeugnisse aus Solothurn: So selbstverständlich darin von der «Lehrperson» die Rede ist, so konsequent wird ausschliesslich auch nur der Begriff «der Schüler» verwendet.
Vermutlich sei erst mit der zweiten Frauenbewegung in den 1970er-Jahren konsequent auf die weibliche Berufsbezeichnung «Lehrerin» verwiesen worden, so Professorin Manz. Und infolge der sogenannten feministischen Linguistik seien dann neutrale Personenbezeichnungen aufgekommen – also auch der Begriff «Lehrperson», wie er heute gebraucht wird.
Wie genau hat sich dieser Wandel vollzogen? Das lässt sich kaum mehr rekonstruieren. Aber jedenfalls wurde aus der männlich geprägten «Lehrperson» über die Jahre ein Begriff, der alle Geschlechter gleichermassen sichtbar machen will – und der heute teilweise die Gemüter erhitzt.