Darum gehts
- Grosse Physiopraxen gründen Verband PROphysio nach Konflikt um neue Tarifstruktur
- Neue Tarife könnten Bruttoumsatz unter 100 CHF pro Stunde senken
- 24'000 Menschen unterschreiben Petition für 140 CHF Bruttoumsatz pro Stunde
Die neue Tarifstruktur hat einen tiefen Graben in der Physiobranche aufgerissen. Der Konflikt ist nun zum regelrechten Verbandskrieg eskaliert! Am Dienstagabend kam es zum Bruch: Die Vertreter der grossen Praxen gaben bekannt, dass sie sich vom Branchenverband abspalten. Gleichzeitig präsentierten sie ihren neuen Verband – sein Name: PROphysio.
Wie konnte es so weit kommen? Blick dokumentiert die Hintergründe eines offenen Machtkampfs.
Warum die Grosspraxen auf die Barrikaden gehen
Alexandra Helbling (55), Physiozentrum-Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied des neuen Verbands, bezeichnet die neue Tarifstruktur gegenüber Blick als «absolute Katastrophe». «Die Anliegen der grossen Praxen werden von Physioswiss nicht vertreten», sagt sie. Ihr Unternehmen ist mit 32 Standorten und 400 Mitarbeitenden der grösste Physio-Anbieter im Land.
«Mit der neuen Tarifstruktur würde der Bruttoumsatz pro Stunde unter 100 Franken sinken», so Helbling. Damit seien die Kosten nicht mehr gedeckt. Die Physiotherapeutin verweist darauf, dass die Aufwände für Mieten, Administration, Geräte und Weiterbildung in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben.
«Die neue Tarifstruktur wäre fatal für die ganze Branche», so Helbling. Die Löhne würden weiter sinken, wodurch sich sowohl der Versorgungsengpass als auch der Fachkräftemangel verschärfen würden.
Zusammen mit einer Allianz von Gegnern hat Helbling darum die Petition «Faire Physiotarife» gestartet. Darin wird ein Tarif gefordert, mit dem ein Bruttoumsatz von 140 Franken pro Stunde möglich sein soll. Das Anliegen wurde von mehr als 24'000 Personen unterschrieben.
Spätestens letzte Woche merkte der Branchenverband Physioswiss, dass es brodelt. Deshalb gründete er die IG Grosspraxen. Sie soll die Interessen der grösseren Praxen innerhalb des Verbands besser berücksichtigen.
Doch der Schritt kommt zu spät. «Jetzt wollen wir mit PROphysio neben Physioswiss mit am Verhandlungstisch sitzen», sagt Helbling.
Wie künftig abgerechnet werden soll
Die heutige Tarifstruktur wurde vor fast 30 Jahren eingeführt und gilt als veraltet. Der Branchenverband Physioswiss verhandelte darum zusammen mit den Krankenkassen und Spitälern eine neue Tarifstruktur. Nach langem Hin und Her reichten sie ihren Vorschlag im April beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein.
Heute werden die Leistungen der Physiotherapeuten in Sitzungspauschalen abgerechnet. Dabei gibt es zwei verschiedene Optionen: eine für Standardbehandlungen, eine für aufwendigere Behandlungen. Aktuell erhalten Physiotherapeuten zwischen 1.20 und 1.80 Franken pro Minute.
Die Krankenkassen warfen den Physiopraxen vor, oft ungerechtfertigt den teureren Tarif abzurechnen. Unter anderem darum wurde eine neue Tarifstruktur ausgehandelt. Dabei entschied man sich für einen Wechsel vom pauschalen Therapietarif zum zeitbasierten Einzelleistungstarif. Künftig soll im 5-Minuten-Takt abgerechnet werden. Für alle Behandlungen liegt der Preis bei rund 1.50 Franken pro Minute.
Das BAG hat sich den neuen Tarif bereits angeschaut. Bald wird es den Vertrag mit einer Empfehlung an den Bundesrat weiterleiten. Dieser wird dann entscheiden, ob er ihn genehmigt oder nicht. Geplant ist, dass die neue Struktur Anfang 2027 eingeführt wird.
Warum Physioswiss von einem «Meilenstein» spricht
Osman Bešić (61), Geschäftsführer von Physioswiss, spricht gegenüber Blick von «einem Meilenstein». Die neue Tarifstruktur sei datenbasiert, transparenter und fairer. «Alle bekommen gleich viel Geld für die gleiche Leistung.» Dadurch werde das abgerechnet, was effektiv geleistet wird.
Bešić räumt ein, dass die wirtschaftliche Lage in der Branche angespannt sei. Das neue System bringe aber für die meisten der 13'000 Mitglieder von Physioswiss Vorteile. Mit wirtschaftlichen Einbussen müssten vor allem die Praxen rechnen, die einen hohen Anteil an kurzen Behandlungen haben, welche über die aufwendige Pauschale abgerechnet wurden.
Der Bundesrat habe den Tarifpartnern die Vorgabe gemacht, einen kostenneutralen Vertrag auszuhandeln. «Damit ist nicht mehr oder weniger Geld im Topf – es wird künftig einfach gerechter verteilt», sagt Bešić.
Weshalb die Grossen gar nicht zufrieden sind
Die Grosspraxen empfinden die neue Struktur alles andere als gerecht. Und sie sind nicht ganz unbedeutend, denn sie übernehmen fast die Hälfte aller Physiobehandlungen.
«Durch unsere Grösse können wir effizienter arbeiten», erklärt Helbling. Die neue Tarifstruktur setze jedoch falsche Anreize. Mit dem Zeittarif würden jene mehr Geld erhalten, die mehr Zeit mit dem Patienten verbringen. «Länger behandeln ist aber nicht unbedingt besser.»
Die grösseren Zentren setzen oft auf aktive Physiotherapie: Die Therapiesitzungen seien zwar kürzer, dafür hätten die Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, mit den zur Verfügung stehenden Geräten selbständig zu trainieren. So könnten mehr Patientinnen und Patienten behandelt und die Wartezeiten auf einen Termin verkürzt werden.
Nebst dem Zeittarif ändert sich beim neuen Modell auch der Umgang mit den administrativen Aufwänden. Diese könnten künftig separat abgerechnet werden, sofern diese Tätigkeit von der Physiotherapeutin selbst vorgenommen wird. «Das ist für grosse Praxen ebenfalls ein Nachteil», so Helbling. Denn diese Aufgaben würden in grossen Praxen häufig von Praxisassistenzen übernommen, damit die Therapeuten möglichst viel Zeit am Patienten verbringen könnten.
Was die Kritiker nun wollen
Um ein Bild der Stimmungslage zu zeichnen, gab die Gegnerschaft der neuen Tarife eine Sotomo-Umfrage in Auftrag. Sie ist zwar nicht repräsentativ, es nahmen aber mehr als 2800 Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten teil.
71 Prozent der Befragten bewerten die neue Tarifstruktur als negativ. Fast ein Viertel erwartet Einnahmeausfälle von 20 Prozent oder mehr – entweder für sich selbst oder für die Praxis, in der sie arbeiten.
57 Prozent bewerten die Führung von Physioswiss negativ. Mehr als die Hälfte ist der Ansicht, dass es einen neuen Branchenverband braucht. «Augenfällig ist, dass insbesondere die junge Generation, die die Akademisierung des Berufs durchlaufen hat, den grössten Bedarf nach einer neuen Branchenvertretung sieht», so Helbling.
Mit der Gründung von PROphysio will sie die neue Tarifstruktur verhindern und ein Modell schaffen, das die Versorgung sichert. Sollte das nicht gelingen, könnte sie sich auch vorstellen, einen eigenen Tarif auszuhandeln.
Wo der Haken liegt
Ganz so einfach dürfte das aber nicht werden. Wie das BAG gegenüber Blick betont, müssen sich alle Physiotherapeuten an den geltenden Tarif halten. Das parallele Bestehen mehrerer unterschiedlicher Tarifstrukturen für identische Leistungen sei unzulässig.
Des Weiteren dürfen Tarifverträge nur von Parteien abgeschlossen werden, die hinsichtlich der betroffenen Leistungserbringer und Versicherer repräsentativ sind. Um das zu erreichen, buhlten die PROphysio-Gründer im Online-Meeting am Dienstagabend eifrig um neue Mitglieder.
Der Tarifstreit ist damit noch lange nicht beendet. Auch für die Patientinnen und Patienten bleibt vieles ungewiss.