Darum gehts
Martin Neukom (39, Grüne), Zürcher Baudirektor und Regierungspräsident, gibt als eitle Diva zu reden. Wie Blick enthüllt hatte, bat Neukom den Künstler Hans Witschi (72), ihn für die kantonale Ahnengalerie zu malen. Budget: 20'000 Franken aus dem staatlichen Lotteriefonds. Der Regierungsrat wünschte sich ein «rassiges» Porträt und wollte «jung, modern, frisch» rüberkommen. Doch Neukom lehnte drei verschiedene Bilder ab. «Ich fühle mich entstellt», schrieb der Grüne dem im Rollstuhl sitzenden Künstler.
Mit seinem unsouveränen Verhalten sorgt der eitle Magistrat landesweit für Empörung. Noch am Donnerstag sagte Neukoms Sprecher, der Betrag werde wie vereinbart aus dem Lotteriefonds bezahlt. Am Ende wurde der Druck zu gross. Neukom gab am Freitag auf Linkedin bekannt, die 20’000 Franken selbst zu zahlen: «Die Auswahl des Künstlers war mein Fehler.» Er kaufte ein Bild; mit den zwei anderen könne Witschi «machen, was er will».
Was halten Kunstexperten von Neukoms Porträt-Debakel?
Stefan Charles (58), ehemaliger Leiter von SRF Kultur und Kunst-Chef der Stadt Köln (D): Sorry, Martin Neukom, Kunst ist keine Massanfertigung mit Rückgaberecht. Mein Tipp: Augen auf bei der Künstlerwahl! Solche Künstleraufträge für Politiker wirken für mich sehr aus der Zeit gefallen. Obwohl in Köln selbst Gerhard Richter den Oberbürgermeister Fritz Schramma vor 16 Jahren porträtiert hat, würde ich es lassen – sowohl als Politiker wie auch als Künstler*in.
Kunsthistorikerin Claudia Jolles (67): «Ich male keine Frau, ich male ein Bild», liess Matisse eine enttäuschte Auftraggeberin wissen. Das heisst: Kunst ist kein Selfie, ist auch kein Neukom. Es ist der Blick des Malers Witschi auf sein Gegenüber. Was wäre die Kronenhalle ohne Varlins Porträt von Hulda Zumsteg? Mut zu künstlerischer Ambivalenz, Mut zur Farbe tut allen politischen Parteien gut, auch den Grünen!
Galeristin Jasmin Glaab (37): Herr Neukom hat sich vorab vermutlich zu wenig informiert. Witschis «Bildermenschen» – seine seltsam deformierten, verletzten und verletzlichen Figuren – fordern uns heraus, unser Menschenbild zu hinterfragen. Wie Witschi selbst sagt: «Ich male ... gegen die Bilder, welche die Menschen in den Köpfen haben, ihre Vorstellungen und Vorbilder.»
Künstler Samuel Herzog (59): Kunst ist kein Material wie Gold, Wurst oder Wasser. Kunst ist immer eine Behauptung oder Setzung, die von einem Individuum ausgeht. Das Problem ist der Regierungspräsident. Wenn man nicht akzeptieren kann, dass andere Menschen eine eigene Perspektive auf die Welt haben, dann sollte man wohl besser keine Politik machen – und auch die eigene Nase gehört nun mal zu dieser Welt. Oder nicht? Von einer Gefälligkeitspinselei hat niemand etwas.
Feministisches Kollektiv Hulda Zwingli: Es ist unglaublich grosszügig, fast selbstausbeuterisch vom Maler, dass er für das Honorar eines Porträts drei Versionen malt. Weshalb stellt ein Politiker einen bekannten, eigenwilligen Künstler an, der drei Gemälde liefert, die einer Kunstausstellung würdig sind, und ist nicht zufrieden? Das ist ein Widerspruch in sich. Er hätte mit seiner Haltung, einen Aussenblick auf sich nicht zu ertragen, ein Foto nach seinem Gusto durch KI jagen oder in China detailgetreu abmalen lassen sollen. Wenn seismografische Qualitäten von Künstler:innen nicht mehr gefragt sind, ist oft auch mit der Politik etwas in Schieflage. Hulda erwartet von Politiker:innen die Fähigkeit zur Reflexion. Sie fühlt sich wohler beim Anblick von Porträts, die mit künstlerischem Blick gemalt wurden.